Internet-Unternehmer

Oliver Samwer über die Strategie von Rocket Internet

17. Juli 2013
Rocket-Internet-Mitgründer Oliver Samwer sprach in einem seltenen Interview mit der dpa über die Strategie von Rocket - und auch den Ruf der "Klon-Krieger".
Rocket-Internet-Mitgründer Oliver Samwer: "Neue Unternehmen bauen immer auf Geschäftsmodelle auf, die es bereits irgendwo auf der Welt gab."
Rocket-Internet-Mitgründer Oliver Samwer: "Neue Unternehmen bauen immer auf Geschäftsmodelle auf, die es bereits irgendwo auf der Welt gab."
Foto: Rocket Internet

Die Berliner Start-up-Schmiede Rocket Internet der Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer ist international erfolgreich, aber in der Szene auch umstritten. Immer wieder musste sie sich Vorwürfe anhören, amerikanische Internet-Unternehmern zu kopieren. Jetzt verkündete Rocket Internet ein Riesen-Investment: Eine Milliarde Dollar habe die Firma dieses Jahr von verschiedenen Geldgebern eingesammelt. Davon fließen 400 Millionen Dollar in die Start-up-Schmiede selbst und 650 Millionen Dollar in einzelne Unternehmen.

Wie will Rocket die neuen 400 Millionen Dollar einsetzen?

Oliver Samwer: Wir verwenden das Geld für unsere weitere internationale Expansion. Wir konzentrieren uns dabei vor allem auf Länder außerhalb der USA und Chinas. Im Mittelpunkt stehen die sogenannten Emerging Markets, in denen in den kommenden fünf Jahren das größte Wachstum der Internet-Verbreitung zu erwarten ist. Die Zahl der Internet-Zugänge - egal, ob Festnetz oder mobil - nimmt derzeit weltweit zu, vor allem in Lateinamerika, Russland, Indien oder Südostasien. Deswegen haben wir vor knapp zwei Jahren beschlossen, einen Großteil unserer Aktivitäten auf diese Wachstumsmärkte zu konzentrieren.

Wie schwer ist es, sich in diesen Märkten gegen einheimische oder amerikanische Internet-Unternehmen zu behaupten?

Oliver Samwer: Wir sind heute die größte Internet-Gruppe außerhalb der USA, Chinas, Japans und Koreas. Das heißt, wir sind in der Regel die Nummer eins in unseren Märkten. Wir wenden das Know-How an, das wir in den vergangenen 15 Jahren im Geschäft gesammelt haben. Meist probieren wir das Geschäftsmodell zunächst in Europa aus und bringen es dann bei Erfolg in bis zu 50 andere Länder, darunter auch viele Entwicklungsländer.

Wie groß sind die Herausforderungen in solchen Märkten?

Oliver Samwer: Diese Länder zeichnen sich durch höhere Komplexität aus. Einerseits dauert es vielleicht länger, bis man eine Firma gründen kann, ein Warenlager zur Verfügung hat, oder es gibt keinen großen Logistikdienstleister vor Ort.

Andererseits bieten solche Märkte meist höhere Margen. Die größere Komplexität wird also dadurch belohnt, dass man höhere Marktanteile erringen kann und mehr verdient. Dennoch konzentrieren sich 95 Prozent des globalen Wachstumskapitals auf die USA und China - das heißt, der Rest der Welt bekommt relativ wenig Geld ab. Für uns ist klar: Wir scheuen uns nicht, nach Brasilien oder Nigeria zu gehen. Mit unseren Online-Händlern Dafiti und Jumia sind wir beispielsweise auch bereits Marktführer in diesen Ländern.

Was lockt sie dorthin?

Oliver Samwer: Diese Länder sind für den Online-Handel besonders interessant. Zum einen ist der HandelHandel ohnehin der größte Sektor in jeder Volkswirtschaft und diese Trillionen von Offline-Dollar verlagern sich gerade sukzessive ins Internet. Und in diesen Wachstumsmärten gibt es noch gar nicht diese weit entwickelte Einzelhandelsinfrastruktur wie bei uns. Deswegen gibt es auch größere Möglichkeiten online: Je weniger Läden es gibt, desto schneller entwickelt sich der E-Commerce. Top-Firmen der Branche Handel

Das sieht man zum Beispiel in China: Dort ist der Anteil des Online-Handels höher als in den USA. Und in Kolumbien, Brasilien, Russland oder Vietnam gibt es in der Fläche noch weniger Läden. Deshalb wachsen wir in diesen Ländern noch schneller als in Europa.

Wie groß ist die Geduld Ihrer Investoren? Schließlich muss sich das Investment für die ja irgendwann lohnen, wenn Ihre Unternehmen an die Börse gehen oder verkauft werden, während Sie Zeit brauchen, um die Unternehmen aufzubauen.

Oliver Samwer: Wir haben in den ersten zehn Jahren gezeigt, dass wir für Investoren gute Ergebnisse liefern können und in den vergangenen fünf Jahren auf lange Sicht aufgebaut. Wir haben sehr langfristig orientierte Investoren. Wir meiden kurzfristig denkende Anleger wie Hedge-Fonds. Ein langer Atem wird belohnt.

Rocket Internet versucht ganz offensichtlich, das Mode-Segment in allen Ländern mit Shops nach dem Muster von Zalando zu besetzen. Wird es auf Dauer nicht langweilig, wenn man erst einmal ein globales Fashion-Imperium geschmiedet hat?

Oliver Samwer: Wir verkaufen auch Möbel oder andere Artikel für Haus und Garten online, oder Produkte des allgemeinen Bedarfs in Afrika oder Kolumbien. Wir konzentrieren uns in jedem Markt auf die Einzelhandelsbereiche, in denen wir glauben, dass wir in ihnen zur Nummer eins werden können.

Wie ist Ihr Verhältnis zum Silicon Valley inzwischen?

Oliver Samwer: Wir haben auch große amerikanische Investoren, gleichzeitig stehen wir mit verschiedenen US-Firmen im Wettbewerb. Und man muss sagen, dass wir in unseren Kernmärkten kaum gegen ein anderes internationales Unternehmen verloren haben.

Wie stark haben Sie die Vorwürfe getroffen, Rocket ahme nur amerikanische Geschäftsmodelle nach?

Oliver Samwer: Ich verweise gerne auf das Beispiel der BankenBanken. So ist Citibank eine Großbank, aber das Bankenwesen erfunden haben beispielsweise eher die Medici. Neue Unternehmen bauen immer auf Geschäftsmodelle auf, die es bereits irgendwo auf der Welt gab. Das war schon immer so. Nun ist die Welt aber transparenter geworden, dadurch breiten sich Ideen viel rasanter aus und Geschäftsmodelle entwickeln sich schneller. Top-Firmen der Branche Banken

Es gibt ganz wenige "Einstein-Unternehmer" wie den Erfinder der Glühbirne oder des Telefons. Aber zu 99 Prozent entscheidet die Umsetzung der Idee. Am Ende kommt es nicht darauf an, ob ich als erster eine Idee gehabt habe, sondern darauf, ein Unternehmen aufzubauen, das langfristig existiert, und Kunden zufriedenstellt.

In den USA wird die europäische Start-up-Szene oft etwas belächelt, weil es bisher nicht so viele große sogenannte "Exits", also Börsengänge oder Unternehmensverkäufe, gab. Was sagen Sie als Berliner Internet-Unternehmer dazu?

Oliver Samwer: In Europa muss man oft erst Erfolge vorweisen können, um Geld von Investoren zu bekommen. Ich denke, die Zeit Europas kommt noch. Wir dürfen hier nicht hoffen, ein zweites Silicon Valley zu werden. Aber wenn bisher von den zehn größten Internet-Unternehmen der Welt vielleicht neun aus den USA kamen und eins aus China, so werden es in fünf Jahren vielleicht sechs aus den USA sein und der Rest aus Europa, China, Russland, Lateinamerika. Und da wollen wir dabei sein. (dpa/rs)

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