Harald Lemke

Retter und Katalysator

04. November 2002
Johannes Klostermeier ist ein freier Journalist aus Berlin. Zu seinen Spezialgebieten zählen unter anderem die Bereiche Public IT, Telekommunikation und Social Media. Auf cio.de schreibt er über CIO Auf- und Aussteiger.
Das Bundeskriminalamt (BKA) hat erstmals in seiner Geschichte einen IT-Direktor eingestellt. Harald Lemke wurde gerufen, um das aus dem Ruder gelaufene Fahndungssystem Inpol neu zum Erfolg zu führen. Noch steht er unter Beobachtung.
Bei der Hamburger Polizei brachte Lemke innerhalb von zwei Jahren ein komplett neues Comvor zum Laufen. Jetzt braucht ihn die Bundespolizei.
Bei der Hamburger Polizei brachte Lemke innerhalb von zwei Jahren ein komplett neues Comvor zum Laufen. Jetzt braucht ihn die Bundespolizei.

Harald Lemke ist gekommen, um das Fahndungssystem Inpol-neu zu retten. Der neue IT-Direktor des BKA hört das allerdings nicht gern. "Ich bin höchstens Katalysator, aber kein Retter", sagt der 46-Jährige.

Anfang März hat Lemke sein großes Büro in der verwinkelten 70er-Jahre-BKA-Stadt am grünen Rand von Wiesbaden bezogen. Eingeführt wurde Inpol als zentrales Informationssystem der Polizei am 13. November 1972 durch den legendären Rasterfahnder Horst Herold. Ein völlig neues Inpol sollte bereits im vergangenen Jahr das altersschwache Fahndungssystem ablösen. Doch die drei bekannten Ps begleiteten das IT-Projekt: Pleiten, Pech und Pannen. In der Folge mussten die IT-Mitarbeiter Hohn und Spott über sich ergehen lassen. Vom "Datensalat beim BKA" und von "Schilys Millionenflop" schrieb der Spiegel. "Eine Schulung, die bereits begonnen hatte, wurde schon nach einem Tag abgebrochen, da überhaupt nichts funktionierte", hieß es weiter. 57,5 Millionen Euro hat die Entwicklung verschlungen - und doch ist das Ganze grandios gescheitert.

Mit Inpol-neu will die Polizei erstmals Fälle mit den damit zusammenhängenden Personen und Dingen verknüpfen. "Sie bekommen das Beziehungsgeflecht, das früher an die Wand gemalt wurde, direkt vom System geliefert. Das ist ein wesentlicher Schritt hin zu einem fallorientierten Informationssystem", sagt Lemke, der Inpol-neu auf die Beine helfen soll.

In Lemkes Büro sind die Jalousien an diesem Tag heruntergelassen - nicht, weil sich der IT-Direktor von den Mitarbeitern abschirmen will, sondern damit die Sonne ihn nicht blendet. Mit denjenigen, die beim BKA die Oppositionsrolle übernommen haben, hat Lemke offiziell kein Problem. "Wenn Sie ein Projekt, das seit zehn Jahren läuft, neu ausrichten, ist klar, dass der eine oder andere nicht einverstanden ist." Klar ist aber auch, dass nur einer die Richtung vorgibt - und das ist Lemke.

"Ursächliche Schwierigkeiten zu erkennen, der Mut zur Entscheidung und die Kraft, diese dann auch durchzusetzen", das sind für den BKA-Mann die entscheidenden Eigenschaften, um in seinem neu geschaffenen Amt zu bestehen. Mitarbeiter hätten auch ein Recht auf FührungFührung, betont er. Doch er will durch Argumente überzeugen. Akzeptanz ist ihm wichtig. "Einfach zu sagen, ihr seid die Deppen, und jetzt kommt die neue Lichtgestalt - so etwas funktioniert nicht." Lemke ist - direkt. Denn bei den heutigen kurzen Innovationszyklen sei nur begrenzt Zeit für langwierige Abstimmungsprozesse. Alles zu Führung auf CIO.de

Diejenigen, die sagen, "ich würde es anders machen", werden Lemke nicht vom Weg abbringen. "Tough" sei er, so sein Kollege im Bundesinnenministerium, IT-Direktor Martin Schallbruch. In Hamburg habe der "Mann, der die Dinge richtig anpackt", seine eigene Fan-Gemeinde gehabt. Einen langen Atem, Stressresistenz, eine gewisse Ruhe und Frustrationstoleranz brauche einer wie er in diesem Amt, sagt er selbst.

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