Strategien


Analyse Europa

Roland Berger: Readyness Check für Industrie 4.0

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Siemens und Trumpf halten die Berater für Pioniere bei Industrie 4.0. Technisch steht Europa gut dar, politisch fehlen aber Gesetze und Forschungsförderung.

In den vergangenen 20 Jahren hat die europäische IndustrieIndustrie weltweit mehr als zehn Prozent Marktanteil verloren. Im selben Zeitraum verdoppelten die aufstrebenden Länder ihren Marktanteil und halten nun 40 Prozent. Das erklärt die Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants in dem Papier "Think Act - Industry 4.0: The new industrial revolution - How Europe will succeed". Top-Firmen der Branche Industrie

Dazu drei weitere Zahlen: In den vergangenen zehn Jahren wurden in der deutschen Industrie acht Prozent der Arbeitsplätze abgebaut. In Großbritannien waren es 29 Prozent und in Frankreich 20 Prozent.

Industrierevolution ist die Chance für Europa

Umso dringlicher betont Roland Berger die Bedeutung von Digitalisierung und Industrie 4.0Industrie 4.0. "Europa kann durch eine neue Industrierevolution erneut an Gewicht gewinnen und muss diese Chance nutzen", schreiben die Berater. Alles zu Industrie 4.0 auf CIO.de

Dafür muss in den kommenden Jahren Geld in die Hand genommen werden. Roland Berger hält für die nächsten 15 Jahre ein Investitionsvolumen von jährlich 90 Milliarden Euro für nötig. Daraus ergibt sich eine Gesamtsumme von 1,35 Billionen Euro.

Roland Berger über Europa und Industrie 4.0
Roland Berger über Europa und Industrie 4.0
Foto: Roland Berger

Max Blanchet, Partner von Roland Berger, sieht Europa "besser vorbereitet, als viele denken". Das gilt allerdings mehr für die technische Seite und weniger für die politische. Die Berater fordern wesentliche Maßnahmen auf europäischer Ebene, vor allem eine einheitliche Gesetzgebung. Außerdem plädieren sie für europaweite Forschungs- und Entwicklungsprogramme.

Readyness Check

Dabei zeigt ein Blick auf die einzelnen Nationen, wie unterschiedlich die Länder sich positioniert haben. In einem sogenannten Readyness Check teilt Roland Berger die europäischen Nationen vier Quadranten zu. Diese stellen sich so dar:

An der Spitze des gesamten Feldes ("Frontrunners") liegen Deutschland, Finnland, Irland, Österreich und Schweden,

Potentialists sind Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, und die Niederlande,

Traditionalisten stellen Bulgarien, Estland, Italien, Kroatien, Litauen, Polen, die Slovakei, Slovenien, und Ungarn,

Zurückhaltend ("Hesitators") zeigen sich Portugal und Spanien.

Die Tschechische Republik bewegt sich zwischen der Spitze des Feldes und den Traditionalisten.

273 Industrieroboter auf 1000 Mitarbeiter

Roland Berger stützt diese Bewertung zum Beispiel auf den Einsatz cyber-physischer Systeme. So kommen in Deutschland nach Zahlen von Eurostat 273 Industrieroboter auf tausend Mitarbeiter, in Portugal sind es nur 35. Als europäische Pioniere bei der Industrie 4.0 nennen die Berater denn auch Siemens und den deutschen Fertigungs- und Medizintechniker Trumpf.

Auch die Luftfahrt-Sparte des britischen Unternehmens Rolls-Royce gilt mit ihrer Verwendung von 3D-Drucktechnologie als beispielhaft. Ebenso die französische Firma Dassault Systèmes. Das Software-Unternehmen arbeitet mit modernen 3D-Plattformen.

Die Rahmenbedingungen müssen stimmen

Europas Unternehmen müssen ihre Maschinen, Lagersysteme und Betriebsmittel weltweit digital vernetzen. Permanenter Datenaustausch soll Maschinen befähigen, sich selbstständig zu steuern, effizienter zu arbeiten und Fehler zu erkennen. Jedes Unternehmen muss eine Standortbestimmung vornehmen und die eigene Produktionsstrategie überprüfen.

Dabei ist Roland Berger bewusst, dass die Investitionsbereitschaft der Unternehmer von den politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen abhängt.

"Die Wiederbelebung der europäischen Industrie hängt davon ab, ob Wirtschaft und Politik in der Lage sind, zügig eine gemeinsame Agenda zu entwickeln", sagt Blanchet.