Strategien


IT-Manager wetten

Schlaue CIOs für Smart Services

26. Januar 2015
Von Frank Riemensperger
Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture Deutschland, wettet, dass in zehn Jahren die Digitalisierung die Rolle des CIOs massiv verändert hat.
Frank Riemensperger ist Geschäftsführer bei Accenture.
Frank Riemensperger ist Geschäftsführer bei Accenture.
Foto: Accenture

Die Anzahl der an das Internet angeschlossenen intelligenten Produkte und Dienstleistungen wird weiter exponentiell steigen. Diese rasante Digitalisierung aller Produkte und Prozesse in der Wirtschaft und vor allem der Trend zu "Everything-as-a-Service" führt zu tief greifenden Veränderungen in den Geschäftsmodellen. Die digitale Anschlussfähigkeit von Produkten, Kunden und Partnern wird für viele klassische Unternehmen künftig zum wettbewerbsentscheidenden Kriterium.

Der "digitale" Anteil an den Aufgaben und Budgets des Chief Technology Officers und des Chief Marketing Officers wachsen deshalb rasant. Der CIO muss sich als Chief Digital Architect neu positionieren, um in der "Smart-Service-Welt", einer Welt, in der nicht mehr Produkte, sondern Services verkauft werden, einen großen Beitrag zu leisten.

Industrie 4.0 und Smart Services

In den vergangenen 15 Monaten habe ich in einem Arbeitskreis der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) zusammen mit über 100 Experten am Industrie-4.0-Anschlussbericht Smart Services Welt gearbeitet. In dem Industrie-4.0-Bericht der acatech wurde aufgezeigt, wie die Digitalisierung im Engineering und in der Produktion die Flexibilität erhöht, kundenspezifische Produkte mit kleinen Losgrößen und vertretbaren Kosten ermöglicht und die Effizienz der Produktion gesteigert werden kann.

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Die Mächtigkeit und zugleich disruptive Kraft der Digitalisierung zeigt sich aber noch viel deutlicher, nachdem die digital aufgerüsteten Produkte die Fabrik verlassen haben. Das Smartphone, schnelle 3G- und LTE-Netze, Apps, Big DataBig Data und die Cloud haben innerhalb kürzester Zeit ganze Branchen verändert. Online-Marketing hat einen großen Teil der Print-Medien verdrängt, Musik wird nicht mehr als Tonträger gekauft, sondern "as-a-Service" gemietet, und kaum ein digital anschlussfähiges Produkt wird noch ohne dazugehörige App ausgeliefert. Diese digitale Transformation war für viele Unternehmen in diesen Branchen in den vergangenen fünf Jahren wie ein Tsunami. Ohne überzeugende digitale Strategie konnte im Kerngeschäft den digitalen Newcomern wenig entgegengesetzt werden. Alles zu Big Data auf CIO.de

Dieser technologiegetriebene Wandel wird sich in vielen weiteren Branchen und über Branchengrenzen fortsetzen. Hinzu kommt ein zusätzliches disruptives Momentum. AmazonAmazon, eBay und PayPal zeigen im HandelHandel sehr eindrucksvoll, wie stark die Kombination von hybriden, also digitalen und physischen, Diensten - bestehend etwa aus digitalem Marktplatz, sicherem Online-Bezahlen und erstklassiger physischer Logistik - traditionelle Geschäftsmodelle angreift. Alles zu Amazon auf CIO.de Top-Firmen der Branche Handel

Neue Online-RetailerOnline-Retailer graben zusammen mit Logistikunternehmen dem Präsenzhandel das Wasser ab, "WearablesWearables" sind das Einfallstor für neue Spieler in der Gesundheitsbranche, durch die Energiewende müssen gerade in Deutschland die Energieunternehmen - oder eben andere Spieler - ganz neue Software- und Datenkompetenzen erlernen, um virtuelle Kraftwerke zu konfigurieren und zu betreiben, und die Digitalisierung wird auch unsere deutschen Leitbranchen massiv verändern. Tesla zeigt, dass Autofahren vom digitalen Konsumenten neu gedacht werden kann, und Uber hat mit dem Thema "Car Asset Utilization und Crowdsourcing" bereits jetzt eine Bewertung von mehr als zehn Milliarden US-Dollar. Alles zu Retail IT auf CIO.de Alles zu Wearables auf CIO.de

Der "Smart-Service-Welt"-Bericht von acatech soll ein Weckruf an unsere Unternehmen sein. Hier passiert etwas Gravierendes - und zwar mit großer Geschwindigkeit: Täglich neu anfallende Datenmengen in sämtlichen Lebens- und Arbeitsbereichen bilden die Grundlage für neue Dienste. Erst die Digitalisierung macht "Everything-as-a-Service" für viele Branchen möglich. Künftig werden internetbasierte und physische Dienstleistungen miteinander verbunden und dem einzelnen Konsumenten bedarfsgerecht zur Verfügung gestellt.

Diese Verschmelzung von Dienstleistungen wird als Smart Service bezeichnet. Die Individualisierung dieser Dienstleistungen und der Nutzen für den einzelnen Konsumenten - sowohl in einer konkreten Situation als auch in seiner gesamten Lebenslage - stehen dabei im Vordergrund und werden zum wettbewerbsentscheidenden Kriterium. Durch das kontextspezifische Verständnis des "Servicenutzers" können Anbieter dem Konsumenten in seiner spezifisch ausgeprägten Lebenslage - zum Beispiel Arbeit, Freizeit, Krankheit, Mobilität, Reisen oder Bildung - kontextgerechte und kombinierte Dienstleistungen anbieten.

An dieser Stelle findet in der Wirtschaft ein gravierender Paradigmenwechsel statt: Nicht mehr der einzelne Anbieter mit seinen klassischen Produkten und Services steht im Zentrum, sondern der Konsument in seiner jeweiligen Rolle als Nutzer, Patient, Mitarbeiter, Techniker, Passagier, Unternehmer etc., der jederzeit und an jedem Ort die für ihn passende Kombination von Produkten und Dienstleistungen erwartet. In der Konsequenz bedeutet dies, dass sich alle Unternehmen mit den Auswirkungen dieser allumfassenden digitalen Veränderungen auf das eigene Geschäftsmodell auseinandersetzen müssen.

Dies gilt für deutsche Leitbranchen, etwa AutomobilAutomobil und Maschinenbau, ChemieChemie, Elektro- und Medizintechnik, Logistik und Energietechnologie, ebenso wie für die Wirtschaft in der Breite und insbesondere für den innovativen Mittelstand. Die zugrunde liegenden Geschäftsmodelle der Hersteller und Anbieter werden bereits heute durch internetbasierte Dienste unterstützt, aber bisher dadurch nicht grundsätzlich infrage gestellt. Es ist aber davon auszugehen, dass in naher Zukunft - mit zunehmendem Reifegrad der Digitalisierung - die Unternehmen in Deutschland und Europa vor einer Revolution stehen. Diese wird geprägt sein durch eine konsequente Digitalisierung jedweder Geschäftsmodelle um intelligente Dienstleistungen und Produkte herum, die in intelligenten Netzen entwickelt und organisiert werden. Top-Firmen der Branche Automobil Top-Firmen der Branche Chemie

Die digitale Vision und der CIO

Um in der "Smart-Service-Welt" erfolgreich mitzuspielen, müssen Unternehmen eine "digitale Vision" formulieren und sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung und dem Trend "Everything-as-a-Service" beschäftigen. Es gilt, die Chancen und Bedrohungen für das eigene Geschäftsmodell zu erkennen und konsequent die Potenziale zu nutzen. Es geht darum, sich folgende Fragen zu stellen:

  • Können meine Produkte dauernd mit dem Internet verbunden sein?

  • Können meine Produkte auch als Serviceangebot paketiert werden?

  • Können durch die Analyse der Nutzungsdaten meiner Produkte und Services neue Einsichten gewonnen und neue Services geschaffen werden?

  • Können meine Produkte durch ein digitales Service-Ökosystem veredelt werden?

  • Können Elemente der eigenen Wertschöpfungskette oder die der Kunden oder Lieferanten vollständig digitalisiert werden?

  • Können durch Digitalisierung die Kontrollpunkte der Wertschöpfungskette verschoben werden?