Ungenutzte Einsparmöglichkeiten

Schlecht beraten

19. Juni 2006
Von Frank Grünberg
Viele Versicherer geben zu viel Geld für ihre selbstgestrickte IT aus. Sie schöpfen nicht die Potenziale von Standardsoftware, Kooperationen und Outsourcing aus. Doch nur so können sie die Zeit der Produkteinführung drastisch verkürzen.

Im vergangenen Jahr zeigte die deutsche Versicherungsbranche, welches Konsolidierungspotenzial in ihr steckt: Die Wüstenrot & Württembergische Versicherung übernahm die Karlsruher VersicherungenVersicherungen, die Provinzial-Regionalvertretungen von Münster und Kiel fusionierten ebenso wie die von Stuttgart und Wiesbaden, während München in Berlin einstieg. Selbst die Großen kaufen, um Skaleneffekte zu nutzen: Mit der größten Fusion seit acht Jahren übernahm der Gerling-Konzern die Talanx-Gruppe. Top-Firmen der Branche Versicherungen

Überleben nur mit Schnelligkeit

Im Vergleich zu anderen Ländern prägt eine Vielzahl kleiner Unternehmen den deutschen Markt. Während die fünf größten Anbieter in Deutschland zusammen „lediglich“ auf einen Marktanteil von rund 50 Prozent bringen, schaffen die fünf Marktführer in der Schweiz etwa 80 Prozent. Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) stiegen die Betragseinnahmen seiner Mitgliedsunternehmen auf 158 Milliarden Euro – 3,8 Prozent mehr als im Vorjahr.

IT gilt bei Versicherern als geschäftskritische Kernkompetenz. Nur wer seine Angebote schnell und transparent digitalisieren und auf den Markt bringen kann, sichert sein Überleben. Denn nach nur kurzer Zeit haben die Konkurrenten sehr ähnliche Produkt auf den Markt gebracht. Traditionell gelten Versicherer daher als eine Branche, die überdurchschnittlich viel in ihre IT investiert. So entfallen nach Angaben der Marktforscher von IDC 5,2 Prozent aller IT-Ausgaben, aber insgesamt nur ein Prozent der Beschäftigten auf das Versicherungsgewerbe in Deutschland. Bis zum Jahr 2009 sollen die Ausgaben laut IDC auf mehr als 3,8 Milliarden Euro steigen. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von weniger als zwei Prozent; inflationsbereinigt kommt diese Steigerung llerdings einer Stagnation gleich.

Angesichts gedeckelter Ausgaben nimmt auch der Druck auf die IT-Abteilungen zu. Während sich die ITKostenführer nach Angaben der Beratungsgesellschaft Compass Deutschland mit rund 8000 Euro pro Mitarbeiter begnügen, spendieren die Schlusslichter mehr als 30000 Euro pro Mitarbeiter. Letztere investieren zu viel in die Pflege und Wartung der Infrastruktur und nutzen weder Skaleneffekte noch industrielle Steuerungsmethoden. „Der Rückstand der Versicherungen gegenüber anderen Branchen liegt vor allem an einer ziemlich ‚handgestrickten‘ Herangehensweise an die IT“, sagt Compass-Geschäftsführer Martin Lippert.

Ein gesteigertes Bemühen um mehr Effizienz beobachtet Stephan Heydorn, Geschäftsführer bei der Boston Consulting Group (BCG). Ihm zufolge ist der Anteil der Gesamt-IT-Kosten an den Bruttoprämieneinnahmen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. So rutschten die durchschnittlichen IT-Kostenquoten bei den Sachversicherern seit 2001 von fünf auf unter vier Prozent und bei den Kranken- und Lebensversicherern von 2,1 auf 1,8 Prozent. „In einigen Häusern wurden die Quoten noch deutlich aggressiver nach unten gemanagt“, erklärt Heydorn. „Eine weitere Reduzierung ist auch für die nächsten drei Jahre zu erwarten.“

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