Transformation

Selbst Top-Firmen hinken der Digitalisierung hinterher

27. Januar 2016
Werner Kurzlechner lebt als freier Journalist in Berlin und stellt regelmäßig Rechtsurteile vor, die Einfluss auf die tägliche Arbeit von Finanzentscheidern nehmen. Als Wirtschaftshistoriker ist er auch für Fachmagazine und Tageszeitungen jenseits der IT-Welt tätig.
Arthur D. Little hat einen Indexwert für die digitale Transformation ermittelt. Sieben Branchen untersuchten sie anhand von sieben Kategorien.
Digitale Lösungen zur Automatisierung von Management-Prozessen: Dieses noch unterentwickelte Feld soll in den kommenden drei Jahren signifikant ausgebaut werden.
Digitale Lösungen zur Automatisierung von Management-Prozessen: Dieses noch unterentwickelte Feld soll in den kommenden drei Jahren signifikant ausgebaut werden.
Foto: Arthur D. Little

Man kann sich die digitale Transformation als Schullaufbahn vorstellen, am besten als Weg zum Abitur. Gelernt hat man als Achtklässler schon ein paar Jahre. Wie viele Lektionen trotzdem noch zu pauken sind, um tatsächlich hochschulreif zu sein, wird man erst am Ende des Wegs ermessen können. Noch herrschen Neugier, pubertäres Experimentieren und zwischenzeitliche Verzagtheit vor. Doch immerhin ahnt man, dass sich in den kommenden Jahren noch viel ereignen wird - gefühlt mehr, als in der als schon lange erlebten Phase davor.

Die IT heimst im Klassenvergleich immerhin gute Noten ein, weil sie im Unterricht seit längerem besser aufgepasst hat als andere. Sie hat früh begriffen, dass der Lernstoff DigitalisierungDigitalisierung wichtig sein wird. Alles zu Digitalisierung auf CIO.de

Durchschnittlich weniger als 4 von 10 Punkten

Diesen Hintergrund sollte man sich so ähnlich bewusst machen, um die zentrale Nachricht der Studie "Digital Transformation - How to Become Digital Leader" von Arthur D. Little nicht niederschmetternder als nötig zu bewerten. Die Unternehmensberater haben einen Digital Transformation Index ermittelt, dessen Durchschnittswert bei 3,92 Punkten liegt. Nicht auf einer Skala, die von Null bis Fünf reicht, sondern auf einer mit dem potenziellen Höchstwert Zehn.

Nicht abgefragt wurden innerhalb einer bunten Schar von Kleinunternehmen, sondern ein Sample aus über 100 Global Playern der sieben bei der Globalisierung wahrscheinlich führenden Branchen. Zu den Studienteilnehmern zählen so klangvolle Namen wie SiemensSiemens, BMWBMW, VolkswagenVolkswagen, RWERWE, Allianz, AirbusAirbus und L'Oreal. Und der Durchschnittswert klingt, als ob viele von ihnen bei der Digitalisierung durchzurasseln drohen. Top-500-Firmenprofil für Airbus Top-500-Firmenprofil für BMW Top-500-Firmenprofil für RWE Top-500-Firmenprofil für Siemens Top-500-Firmenprofil für Volkswagen

So pessimistisch muss man den Befund aber wohl nicht interpretieren. Sicher: Die Zeit vergeht, und die Digitalisierung ist inzwischen schon einige Jahre in aller Munde. Dennoch sollte klar sein, dass die Herausforderung noch lange Zeit in Anspruch nehmen wird und eine turboschnelle, flächendeckende Reife zu erwarten vermessen wäre. Euphorisch stimmen die Studienergebnisse aber tatsächlich nicht. Das Ergebnis erscheint gerade in der genannten Zielgruppe doch überraschend durchwachsen.

Sieben Kategorien der Digitalisierung

Als Schule wäre Arthur D. Little wohl eine besonders anspruchsvolle Institution. Sieben Fächer enthält der Digitalisierungslehrplan. Im Durchschnitt schneiden die Teilnehmer nirgends wirklich gut ab. Mit fünf von zehn möglichen Punkten gibt es bei Strategie & Governance sowie IT noch die besten Zensuren. Vier Punkte sind der Mittelwert beim Kundenmanagement, bei unternehmensweiten Services und Kontrollen sowie bei Arbeitsplatz und Kultur. Nur drei Punkte stehen durchschnittlich bei Produkten & Services sowie Betrieb & Lieferkette im Zeugnis.

In rund einstündigen Telefoninterviews hat Arthur D. Little für jedes einzelne Unternehmen ermittelt, wie viele Punkte in den sieben Kategorien und im Gesamtdurchschnitt vergeben werden können. Lediglich zwei von insgesamt 103 Firmen erreichten einen Wert von mehr als 7,5 Punkten und wurden in der höchsten Kategorie der "digital zentrierten" Unternehmen eingestuft. 20 weitere Firmen mit Werten zwischen 5,0 und 7,5 Punkten fallen in die Rubrik "digital orientiert". Ebenso groß ist die Zahl der Nachzügler mit Werten unter 2,5 Punkten, die die Berater etwas kuschelpädagogisch als "digital bewusst" bewerten. Der Rest bildet das Gros der "digital adaptiven" Firmen.

"80 Prozent der befragten Unternehmen sind höchstens digital adaptiv", heißt es in der Studie. Nur 17 Prozent verfügten über ganzheitliche digitale Transformationsstrategien. Lediglich 15 Prozent hätten klar bestimmte zentrale Einrichtungen sowohl für die Entwicklung als auch für die Implementierung einer digitalen Strategie.

Schlusslichter Fertigung sowie Reise & Transport

Im Branchenvergleich hat die Automobilbranche mit 5,02 Punkten im Durchschnitt den höchsten Indexwert, gefolgt von der Telekommunikations- und Medienbranche mit 4,20 und den Energiefirmen mit 4,11 Punkten. Die drei Branchen erzielten überdurchschnittliche Werte. Finanzdienstleister sowie Consumer & Life Sciences verfehlen die durchschnittlichen 3,92 Punkte nur knapp. Die Schlusslichter Fertigung sowie Reise & Transport kommen nur knapp über 3,50 Punkte.

Hindernisse bei der Digitalisierung

Die Hälfte der Befragten nennt als kritische Herausforderung bei der digitalen Transformation Wissensmangel. 45 Prozent beklagen fehlenden Sinn für die Dringlichkeit im Unternehmen, jeweils zwei Fünftel eine exzessive Komplexität des Themas und die schwierige Zieldefinition.

IT-Abteilung ist Enbaler - aber selten Treiber

Die IT schneidet zwar wie erwähnt vergleichsweise gut ab, wenn man sie mit den anderen Ebenen der Digitalisierung vergleicht. Man ist aber keineswegs der forsch auftretende Klassenbeste. "Die Rolle der IT-Abteilungen ist immer noch passiv", konstatiert Arthur D. Little. In 55 Prozent der befragten Firmen agiert die IT als Enabler der digitalen Transformation, aber nur in 21 Prozent als Treiber und sogar lediglich in 7 Prozent als Leader der Entwicklung.

In 13 Prozent der Unternehmen fließt laut Studie mehr als die Hälfte der IT-Budgets in die Digitalisierung. 21 Prozent verwenden 25 bis 50 Prozent des IT-Budgets dafür, weitere 26 Prozent immerhin bis zu 25 Prozent und mehr als ein Zehntel.

Reifegrad von Architektur und Betriebsmodell

Als flexibel beschreiben nur 6 Prozent der Befragten ihre IT-Landschaft, als balanciert 22 Prozent, als komplex 58 Prozent und als rigide 13 Prozent. Die Reife des eigenen IT-Betriebsmodells wird von der Hälfte der Unternehmen nur als mittelmäßig bewertet, von 13 Prozent sogar als niedrig. 36 Prozent stufen es als hochgradig oder sogar sehr reif ein.

"Die IT-Abteilungen müssen ihre technischen Fertigkeiten ins Lot bringen und ihre Betriebsmodelle neu definieren, um Co-Leader im Digitalisierungsprozess zu werden", formuliert Arthur D. Little als Klassenziel. Mit Hilfe geschichteter IT-Architekturen könnten auch große Firmen in weniger als sechs Monaten Omnichannel-Lösungen realisieren. Durch IT-Infrastruktur ermöglichte Industrie 4.0-Lösungen könnten zudem bei der Steigerung von Produktivität und Gewinn helfen.

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