Hauptstadt zieht Konzerntöchter an

Service-Zentralen zieht es nach Berlin

30. Juli 2014
Nach dem Mauerfall hat Berlin schwer unter seiner schwachen Wirtschaftsstruktur gelitten. Als Service-Standort ist die Hauptstadt jetzt eine beliebte Adresse. Dafür gibt es Gründe.

Wer es gerade mit einem missgelaunten Busfahrer oder einer störrischen Verkäuferin zu tun hat, der hält Berlin vielleicht noch immer für eine Servicewüste. Tatsächlich sind die Begegnungen mit freundlichem Personal in der Mehrzahl. Und Service wird auch an anderer Stelle ganz groß geschrieben. Konzerne mit dem Hauptsitz anderswo wählen die deutsche Hauptstadt gerne aus, wenn es darum geht, Dienstleistungszentralen einzurichten, die in der Geschäftswelt Shared Service Center heißen.

Dort erledigen Mitarbeiter Aufgaben für verschiedene Abteilungen oder Tochtergesellschaften einer Unternehmensgruppe. Ein Beispiel dafür ist der Ludwigshafener Chemieriese BASF. Seit 2005 hat er am Spreeufer ein Servicezentrum aufgebaut. In einem denkmalgeschützten Turm, in dem vor 100 Jahren Glühlampen hergestellt wurden, arbeiten mittlerweile 1200 Leute. Sie kümmern sich um das Rechnungswesen und Kreditmanagement, die Personalgewinnung und Mitarbeiterbetreuung für BASF-Gesellschaften in ganz Europa.

BASF ist kein Einzelfall. Der Düsseldorfer Energiekonzern Eon hat im vergangenen Jahr eine Tochter für das Personalwesen mit knapp 300 Mitarbeitern in Berlin angesiedelt. Die Deutsche Bank unterhält im Stadtteil Charlottenburg ein internationales Zentrum für Risikomanagement. Auch Coca-Cola, Daimler, die Deutsche Bahn, Lufthansa und der japanische Computerkonzern Fujitsu haben Service-Stützpunkte etabliert.

Im Oktober wird der Spezialist für automatisierten Briefversand, Francotyp-Postalia, seine Zentrale samt Produktentwicklung vom brandenburgischen Birkenwerder nach Berlin zurückverlegen. "Da sieht man, dass diese Atmosphäre in Berlin durchaus auch für große Unternehmen interessant ist und sich einige Pflänzchen entwickeln", bemerkt die Branchenkoordinatorin Silke Richter von der Industrie- und Handelskammer (IHK).

Kein Wunder, dass Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer Berlin "auf dem besten Weg zu einer europäischen Service-Metropole" wähnt. Die Hauptstadt profitiere von ihren Forschungseinrichtungen, den Absolventen der 44 Universitäten und Hochschulen und von den günstigen Büro- und Gewerbeflächen. "Fach- und Führungskräfte strömen aus aller Welt nach Berlin", sagt Yzer. Und Dienstleister suchten gerade mehrsprachige Mitarbeiter.

Die Unternehmen nutzen dabei aus, dass Berlin auch für Fach- und Führungskräfte aus dem Ausland als attraktive Stadt gilt, mit einer Fülle an Kultur- und Freizeitangeboten, und im Vergleich zu Städten wie München oder Frankfurt die Mieten noch erträglich sind.

Darin zeigt sich aber auch die andere Seite der Medaille. Die Konzerne gründen Servicetöchter nicht zuletzt deshalb, um Kosten zu reduzieren. In Berlin mit einer immer noch hohen Arbeitslosenquote von 11,0 Prozent (Juni 2014) fänden sie genügend qualifizierte Mitarbeiter, die für weniger Geld eine Stelle annehmen, sagt Mechthild Kopel, Geschäftsführerin der Beratungsfirma Wertarbeit.

Für das BASF-Servicezentrum etwa gilt ein Haustarifvertrag mit bis zu 25 Prozent niedrigeren Gehältern im Vergleich zum Konzernniveau. Kleinere Dienstleistungsfirmen seien oft gar nicht an einen Tarifvertrag gebunden, berichtet Kopel - zum Nachteil der Beschäftigten. (dpa/rs)

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