Befreundet mit dem Chef

Setzt der Job die Freundschaft aufs Spiel?

13. April 2015
Michael Sudahl arbeitet als freier Journalist und Medienberater bei der Medienberater GbR in Schorndorf.
Ein oft gehörter Rat lautet: Wer in der Firma des Freundes anheuert, setzt die Freundschaft aufs Spiel. Wenn es hart auf hart kommt, fällt die Entscheidung immer für den Betrieb. Dass es anders geht, und welche Fallstricke zu umgehen sind, zeigen zwei Beispiele.

Kann es im beruflichen Alltag gut gehen, mit dem Chef auf Du und Du zu stehen? "Ja" lautet die Antwort, wenn es nach den Erfahrungen folgender Protogonisten in zwei hessischen Firmen geht:

Für Robert Beier sind Freundschaften im Büro erst einmal kein Problem. Dass in einem gewachsenen Unternehmen Freundschaften entstehen, ist für den 42-jährigen Geschäftsführer der IT-Tochter der Erdt-Gruppe aus Viernheim sogar Normalität. "Viele Kollegen auf der Führungsebene, aber auch aus den Fachbereichen, sind miteinander befreundet", sagt der studierte Maschinenbauer. Er selbst arbeitet seit 18 Jahren beim dem Mittelständler mit 400 Beschäftigten.

Freundschaftsdienste im Sinne von Bevorzugung darf es im Betrieb nicht geben.
Freundschaftsdienste im Sinne von Bevorzugung darf es im Betrieb nicht geben.
Foto: auremar-shutterstock.com

Flache Hierarchie schafft schnelle Entscheidungsprozesse

Als Basis für Freundschaft im Büro sieht er seine eigene Rolle im Unternehmen. "Ich kann von meinen Leuten nur verlangen, was ich selbst vorlebe", sagt Beier. Integrität und Wahrhaftigkeit nennt er als wichtige Pfeiler seiner Führungsverantwortung. In den Alltag übersetzt heißt das für ihn: "Ich mache einen sauberen Job - keine Tricksereien. Ich bin loyal gegenüber der Firma und den Menschen." Dann sei auch der Umgang mit den Kollegen auf freundschaftlicher Basis kein Problem. Zumal gerade in der IT Kreativität nur kultiviert werden könne, wenn Hierarchien flach und Entscheidungsprozess schnell seien.

Der Freund als Sparringspartner

Ins gleiche Horn stößt Hans Sieder. Der Gründer und Geschäftsführer der hessischen IT-Consulting Firma Sieger sagt: "Ich würde einen Mitarbeiter, mit dem ich befreundet bin, nie bevorzugen." Yavuz Tosun, einer seiner engsten Freunde aus Studienzeiten, ist inzwischen einer seiner Mitarbeiter. Der 39-jährige Informatiker ist seit vier Jahren Senior-Consulter bei der Frankfurter Firma und findet sich immer wieder in der Rolle des Sparringspartners wieder.

Hans Sieder und Yavut Tosun (rechts): Das gegenseitige Vertrauen der Freunde wirkt wie ein Katalysator.
Hans Sieder und Yavut Tosun (rechts): Das gegenseitige Vertrauen der Freunde wirkt wie ein Katalysator.
Foto: Hans Sieder und Yavuz Tosun

Vor allem, wenn es darum geht, den Freund zu reflektieren, ist Tosun gefragt. Etwa als es um ein neues Zeiterfassungsprogramm ging, das der Chef einführen wollte. "Nach der Betriebsversammlung kam Yavuz zu mir und sagte: ‚Hans, das hat hier keiner verstanden‘", erinnert sich Sieder. Für diesen Freundschaftsdienst ist er seinem Mitarbeiter dankbar. So konnte der gleichaltrige Chef das Unverständnis und den drohenden Ärger im 20-köpfigen Team abfangen, indem er proaktiv die Fragen der Kollegen beantwortete. Für Sieder und Tosun wirkt das gegenseitige Vertrauen wie ein Katalysator. Statt zeitfressenden Formalien und innerbetrieblichen Spielchen genügt zwischen den Freunden oft ein Blick, um zu wissen, was der andere gerade denkt.

Der Chef muss Diener sein

Ähnlich sieht es Beier. "Es bleibt keine Zeit für politische Spielchen", sagt der Fußballfan des Waldhof Mannheim. Stattdessen werde lieber ab und an im Kollegenkreis ein Fest gefeiert - etwa zur Fußball-WM. Wenn dann die Geschäftsführung hinterm Grill steht und das Catering für Angestellte übernehme, verwischen sich Oben und Unten automatisch. "Es ist gut, als Chef auch mal eine dienende Position einzunehmen", veranschaulicht Beier, weil das relativiere. Gerade am Tonfall gegenüber "abhängig" Beschäftigten erkenne man gutes Führungspersonal.

Reibungspunkte müssen auf die Tagesordnung

Auch bei Sieger nimmt man sich Zeit für die Anliegen der eigenen Leute. Tosun, der seinerseits sieben Freunde und Bekannte für seinen Arbeitgeber rekrutiert hat, berichtet von den "Siegertagen". Einmal jährlich mietet der Chef ein Tagungshotel und dann werde über Dinge gesprochen, die im Arbeitsalltag untergehen. Was prophylaktisch wirke: "Da kommen Arbeitsabläufe auf den Tisch, aber auch mal ungeklärte Reibungspunkte", verdeutlicht wiederum Sieder. In beidem sind sich die drei IT-Fachmänner einig: Es steigert die eigene Lebensqualität, wenn im Betrieb Freundschaften gepflegt werden. (pg)