Teilen statt besitzen

Shareconomy - Hype oder Realität?

Stefan von Gagern ist diplomierter Medientechniker (FH) und war als Redakteur und Ressortleiter bei den Fachtiteln "Screen Busines Online" und "Page" tätig. Später lehrte er als Dozent für Medienkonzeption im Master-Studiengang "Multimedia Production" an der Fachhochschule Kiel. Heute schreibt er als freier Fachjournalist und Autor über Themen wie Publishing, Internet, Social Media und Digital Lifestyle. Parallel berät er Unternehmen bei der Konzeption und Umsetzung von Social-Media-Auftritten.
Schon vor zwei Jahren widmete sich die CeBIT intensiv dem Thema Shareconomy. Zeit für eine Bestandsaufnahme: Wo steht das Prinzip "Teilen statt besitzen" heute und wie schlagen sich Startups und Innovationen?

Das Interesse am "Shareconomy"-Prinzip zeigt sich derzeit besonders gut im Bereich Carsharing - ein Geschäft, das im vergangenen Jahr einen Gesamtzuwachs um 67 Prozent im Vergleich zu 2013 verzeichnen konnte. Der moderne Städter möchte gar nicht unbedingt mehr ein Auto als Statussymbol besitzen. Oder es auch einmal stehen lassen. "Der täglich mehrfache Wechsel zwischen Zufußgehen, Radfahren, ÖPNV-Nutzung, Carsharing und eigenem Pkw wird für viele Menschen künftig zur Normalität gehören", prognostiziert Martin zur Nedden, der Leiter des Deutschen Instituts für Urbanistik in einer Studie des Bundesverbands Carsharing. Carsharing hat ein allgemein gutes Image: Es gilt als modern, ökologisch und günstig.

Als Paradebeispiel für das riesige Potenzial der Shareconomy gilt gemeinhin der Online-Fahrdienst-Vermittler Uber. Die Finanzwelt staunte nicht schlecht, als Uber im Dezember angab, mehr als 40 Milliarden Dollar wert zu sein. Dabei kam das, nur fünf Jahre alte Startup praktisch aus dem Nichts, konnte aber seinen eigenen Wert in sechs Monaten mehr als verdoppeln. Statt einer eigenen Fahrzeugflotte oder anderen handfesten Gütern besitzen die Kalifornier nur eine mobile App und einen Vermittlungsservice. Mit Uber können Stadtbewohner ein Auto von professionellen oder beim Dienst registrierten Hobby-Fahrern mit ein paar Klicks rufen. Der Fahrgast zahlt per Kreditkarte. Uber verdient an jeder Fahrt 20 Prozent der Gebühr, der Rest geht an die Fahrer, die als unabhängige Vertragspartner arbeiten.

Uber - ein weltweites Logistiknetz

Uber wird in den MedienMedien, unter Politikern und alt eingesessenen Taxifahrern kontrovers diskutiert - doch die eigentlich spannende Frage ist, wie ein Dienst und eine App so einen hohen Wert erreichen konnte. Ist Uber eine Luftnummer wie andere Firmen zu Zeiten des Dotcom-Booms? Nein, denn Uber hat ganz nebenbei etwas enorm Wertvolles geschaffen. Etwas, das es vorher noch nicht gab: ein globales Netzwerk für Mobilität. Ein Netzwerk, das weiß, wann wer wo unterwegs ist, wer wann wo verfügbar wäre, um Passagiere von A nach B zu bringen. Für die Menschen, die ihre Daten preisgeben, gibt es eine Gegenleistung: Sie können als Fahrer ihr Gehalt aufbessern. Top-Firmen der Branche Medien

Uber arbeitet schon am nächsten, nahe liegenden Schritt: Wer sowieso auf der Straße unterwegs ist, kann nicht nur Personen, sondern auch Waren, Medikamente, Speisen und alles Mögliche von einem Ort zum anderen transportieren. Täglich sind tausende Fahrzeuge für Uber mit freien Kapazitäten unterwegs, die für Botendienste genutzt werden können. Uber stellt seine Daten außerdem über eine offene API Drittentwicklern - und damit nicht nur Logistikanbietern - bereit. Das Netzwerk kann so Brücken zwischen Hotels, Fluglinien, Schiffsunternehmen und Event-Anbietern schlagen.

"Unsere Mission ist es, Transport so zuverlässig wie fließendes Wasser für jeden immer und überall zu machen", heißt es auf dem Blogeintrag zur API. Personentransport ist also nur Schritt eins auf dem Weg zu einem neuen globalen, vernetzten Logistikstandard.

Wege zur digitalen Mobilität

Ob man die Idee oder die Praktiken von Uber mag oder nicht, die vernetzte, digitalisierte Welt wird sicherlich unsere Mobilität erobern und deren Möglichkeiten werden weit über Carsharing, wie man es jetzt schon kennt, hinausgehen. Nach Ansicht von Walter Hildebrandt, Direktor am Steinbeis-Institut für Digitale Innovationen wird sich schon sehr bald vieles verändern, wie er auf dem Preview-Event im Vorfeld der Cebit in Hamburg vorhersagte: "Das uns bisher bekannte Bild der Mobilität wird sich sehr bald schon extrem wandeln. Autos werden nicht mehr in der Garage stehen, sondern als Energiespeicher und -verteiler fungieren und App-gesteuert einfach vorfahren. Dort, wo sie gebraucht werden. Und sie stehen zur Verfügung so lange sie benötigt werden."

Mit der "Schutzranzen"-App im Smartphone oder Navi werden Autofahrer zu wahren Schutzengeln werden.
Mit der "Schutzranzen"-App im Smartphone oder Navi werden Autofahrer zu wahren Schutzengeln werden.
Foto: Stefan von Gagern

Die Veränderungen könnten viele positive Nebeneffekte mit sich bringen: Das selbstfahrende Auto soll nicht nur mit Arztpraxen und Supermärkten vernetzt sein, es soll nach Meinung von Hildebrandt künftig auch die Mobilität der älteren Generation sicherstellen. Oder den Schutz der Jüngeren, der jetzt schon mit einem Projekt von Hildebrandt Realität werden soll. Auf der Cebit-Preview in Hamburg stellte Hildebrandt einen in Kooperation mit dem Hersteller Scout entwickelten Schulranzen mit GPS-Tracker und App-Anbindung vor. Der "Schutzranzen" soll Autofahrer per Smartphone oder Navigationsgerät im Auto frühzeitig warnen, wenn Schulkinder in der Nähe unterwegs sind. Das soll Unfälle im Straßenverkehr mit Schulkindern verhindern. Das Schutzranzen-Projekt ist zwar kein kommerzielles Startup, zeigt aber deutlich, welches Potenzial für Ideen in dem Grundprinzip der Shareconomy steckt: Die Allgemeinheit vernetzt sich über einen Vermittler und oder eine App und kann so viele Aufgaben im Alltag verbessern oder vereinfachen.