Toll-Collect-Projekt

Software-Probleme bedrohen Lkw-Maut

Johannes Klostermeier ist ein freier Journalist aus Berlin. Zu seinen Spezialgebieten zählen unter anderem die Bereiche Public IT, Telekommunikation und Social Media. Auf cio.de schreibt er über CIO Auf- und Aussteiger.
Ob die Lkw-Maut wie geplant zum 1. September eingeführt werden kann, ist fraglicher denn je. Bisher hat nicht einmal der schon für 2002 vorgesehene Software-Integrationstest stattgefunden.

"Wir starten pünktlich am 30. August, 0.00 Uhr, mit der Lkw-Maut-Erhebung", versichert Hans-Christian Maaß, Sprecher des verantwortlichen Toll-Collect-Konsortiums. "Wir sind genau im Zeitplan." Tatsächlich droht das IT-Prestigeprojekt von Deutscher Telekom, Daimler-Chrysler Services und dem französischen Autobahnbetreiber Cofiroute nach Ansicht projektnaher Beobachter zu scheitern.

Ein mit der SoftwareEntwicklung bei T-Systems GEI vertrauter Experte gegenüber CIO: "Das Projekt ist mehr als ein halbes Jahr in Verzug." Und selbst ein T-Systems-Manager gibt zu: "Das ist ein hochriskantes Projekt. Keiner hier würde seine Hand dafür ins Feuer legen, dass es klappt."

Das Konsortium will die neue Autobahnnutzungsgebühr größtenteils automatisch eintreiben, und zwar über komplexe On Board Units (OBU) in den Lkw, die über Satellitennavigation, Mobilfunk, Infrarotsender und Datenspeicher verfügen. Der ursprüngliche Zeitplan sah den Integrationstest der insgesamt zwölf Software-Module bis Ende November 2002 vor, bis Ende Februar 2003 dann dreimonatige Funktionstests im Echtbetrieb, schließlich eine "User Friendly Phase" mit 5000 Lastwagen, geplant von Juni bis August. De facto sind die Mitarbeiter noch mit der Einzelprüfung der Software-Module befasst, die bereits Ende August 2002 abgeschlossen sein sollte.

Falsche Projektplanung und -steuerung seien die Ursachen für die Verzögerung, so der Kritiker: Die Mitarbeiter des früheren Debis Systemhauses, heute T-Systems GEI, entwickelten an zwölf verschiedenen Stellen zwölf verschiedene Software-Systeme, darunter das betriebswirtschaftliche System und die Erhebungsdatenverwaltung. "Es wurde nicht von einem gemeinsamen Kern aus entwickelt, es gab keine Standards", behauptet der Insider. So habe man sich zwar auf OracleOracle als Datenbank geeinigt, doch der Zugriff sei bei jedem Modul anders. Auch bei den Oberflächen gebe es keine Gemeinsamkeiten. Die dezentrale Datenspeicherung der Stammdaten von acht der zwölf Software-Module beurteilt der IT-Fachmann als "Todsünde". Alles zu Oracle auf CIO.de

Nach seiner Einschätzung ebenfalls kritisch: DieAnwendung läuft nur auf Sun-Servern, da Hardwarespezifisch programmiert worden sei. Folge: "Eine Portierung auf andere Systeme ist nicht möglich."

Mehr noch: Weder seien die geplanten 300 Kontrollbrücken gegen Schwarzfahrer errichtet, noch habe Toll Collect die versprochene Sollstärke von 600 Mitarbeitern erreicht; derzeit seien es rund 200. Den Werkstätten, die die OBU einbauen müssen, fehle noch die Service-Software. Nach Angaben des Bundesverbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung hat die Betreibergesellschaft zum Start einen Gerätemangel signalisiert.

Wenn alles schief geht, muss das Konsortium monatlich bis zu 300 Millionen Euro Pönale zahlen - die vom Bund erhofften Einnahmen. "Notfalls stellen sich unsere Mitarbeiter an die Autobahn und kassieren die Maut von Hand", unkt ein T-Systems-Mitarbeiter.

"Das ganze System wird so nicht funktionieren", ist sich der Projektkritiker sicher. Seine radikale Empfehlung: "Alles einstampfen und noch mal von vorn anfangen."

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