Die wöchentliche CIO-Kolumne

Stellenabbau, Expertenmangel, Image-Probleme: Heilt der deutsche IT-Arbeitsmarkt sich selbst?

03. Dezember 2001
Heinrich Seeger arbeitet als IT-Fachjournalist und Medienberater in Hamburg. Er hat über 25 Jahre IT-journalistische Erfahrung, unter anderem als Gründungs-Chefredakteur des CIO Magazins. Er entwickelt und moderiert neben seiner journalistischen Arbeit Programme für Konferenzen und Kongresse in den Themenbereichen Enterprise IT und Mobile Development, darunter IT-Strategietage, Open Source Meets Business, droidcon und VDZ Tech Summit. Zudem gehört er als beratendes Mitglied dem IT Executive Club an, einer Community von IT-Entscheidern in der Metropolregion Hamburg.
Während Anwender wie Anbieter von Informationstechnik Stellen abbauen, verwies Heinrich Mayr, Präsident der Gesellschaft für Informatik (GI) jüngst darauf, dass es immer noch zu wenige gut qualifizierte IT-Experten gibt.

Informatiker mit akadamischem Abschluss könnten sich deshalb auch am krisengeschüttelten Arbeitsmarkt sicher fühlen, so der GI-Vorsitzende. Sie seien kaum von Entlassungen betroffen. Im Gegenteil: Nach wie vor würden mehr versierte Profis gesucht als Informatiker ausgebildet.

Daraus folgt: Wer entlassen werde, war nicht ausreichend qualifiziert. Und wer entlassen musste, hatte die falschen Leute an Bord - mangels Masse. Tatsache ist: Nur 5800 Diplome pro Jahr überreichen die deutschen Prüfungsämter an frischgebackene IT-Akadamiker.

Das ist offenkundig zu wenig, um die Ansprüche der IT-Verantwortlichen an die durchschnittliche Qualifikation ihrer Mitarbeiter zu befriedigen. Nicht nur die GI beklagt das. Auch für Werner Dostal, Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bei der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, sind die IT-Abteilungen deutscher Unternehmen zu wenig professionell besetzt.

Die jeweiligen Folgerungen aus den Analysen unterscheiden sich jedoch: GI-Geschäftsführer Jörg Maas verteidigte im August die schrödersche Greencard gegen gewerkschaftliche Kritik und bezeichnete sie als geeignetes Instrument, den Expertenmangel zu beheben. Und sein Präsident Mayr setzt unterdessen auf die Selbstheilungskräfte des Arbeitsmarkts: Informatikstudenten, die sich im abgelaufenen Boom durch gut dotierte Angebote aus der laufenden Ausbildung hätten herauskaufen lassen, würden nun, in der Krise, eher dazu tendieren, bis zum Examen durchzuhalten. Dadurch, so der GI-Chef, würde die Qualität der Informatik-Ausbildung in Deutschland mittel- bis langfristig steigen, wodurch sich das Problem von selbst erledigen werde.

Dostal äußert sich in seinen Vorträgen und Interviews meist weniger optimistisch. Die Greencard ist für ihn eine Ad-hoc-Lösung, der die Personalverantwortlichen in der IT freilich aus purer Faulheit applaudiert hätten. Und mangelnde Professionalität konstatiert er nicht nur bei den Absolventen von Ausbildungen, die Informatik lediglich als Dreingabe zu anderen Lernzielen vermitteln - "Bindestrich-Studiengänge" nennt er sie. Unprofessionell findet er auch den Umgang der Arbeitgeber mit den Computerprofis. Denen werde weder eine stabile berufliche Perspektive geboten noch genügend Anerkennung zuteil. Die schlechten Arbeitsbedingungen in der IT-Branche würden junge Leute abschrecken.

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