Gesellschaft

Strebt nach eurem Werk!

03. September 2013
Wirtschaftswoche-Redakteur
Nicht die Erschöpfung sollte der Arbeit ihren Sinn verleihen, sondern der Werkstolz des Schöpfers. Ein Plädoyer gegen die Überhöhung von Arbeit als Selbstzweck.

Glücklich, wer abends seinen Arbeitsplatz mit Stolz verlässt. Wer weiß oder zumindest glaubt, dass er etwas sinnvolles geleistet, etwas geschaffen hat, das die Mühen wert war. Vielleicht ein repariertes Auto, ein gepflügtes Feld oder eine Steuererklärung. Oder ein gelungener Text. Wer sein Werk vollbracht hat, dem kann Arbeit eine Quelle des Glückes sein.

Für viele Menschen in Deutschland klingt dagegen das schöne Wort "Frohes Schaffen" wie blanker Hohn. Und so ist es auch gemeint in dem gleichnamigen Dokumentarfilm, der in den Kinos zu sehen ist. Konstantin Faigle stellt darin Menschen vor, die durch Arbeit unglücklich werden. Ein Ingenieur, der vor lauter Arbeit nicht auf die Idee kommt, eine Familie zu gründen. Einen 75-jährigen vereinsamten Rentner, der seit dem Ruhestand nichts mehr mit sich anzufangen weiß. Ihre Arbeit hat diese Menschen erschöpft und innerlich ausgehöhlt.

Stephan Grünewald, Psychologe und Inhaber des Rheingold-Instituts, stellt in seinem aktuellen Buch "Die erschöpfte Gesellschaft" fest, dass ein grundsätzlicher Wandel stattgefunden hat in der Haltung zur Arbeit. Nicht mehr das eigene Werk ist der Grund für den Stolz der arbeitenden Menschen, so sein Fazit nach Tausenden Tiefeninterviews, sondern die Erschöpfung. "Wir wissen zwar oft nicht mehr genau, was wir gemacht und mit welchem Sinn wir es betrieben haben. Aber an der bleiernen Müdigkeit spüren wir, dass wir uns doch rechtschaffen abgearbeitet haben. Die Frage, ob unser Tag erfolgreich, befriedigend oder erfu?llend war, macht sich also nicht an der Qualität der geleisteten Arbeit fest, sondern am Ausmaß unseres eigenen Ausgelaugt- und Gestresstseins."

Aus Schöpferstolz ist der Stolz der Erschöpften geworden.

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