Auto, Rasenmäher, Wohnung

Tauschen und Teilen im Internet boomen

10. Oktober 2014
Ein Klick, und die Bohrmaschine ist für einen weiteren Tag verliehen. Immer mehr Plattformen im Internet helfen, den eigenen Besitz unkompliziert zu tauschen und zu teilen. Wird das die Gesellschaft verändern? Experten sind skeptisch.

Der schwarze Kombi glänzt. Das Auto ist fast nagelneu, und doch vermietet es sein Besitzer regelmäßig an Wildfremde - samt Ledersitzen, Panoramadach und Bluetooth-Navi. Achim Gnadt macht es nichts aus, sein liebevoll ausgesuchtes und gepflegtes Fahrzeug zu teilen. Er macht es auch nicht umsonst. Der Student bessert so sein monatliches Einkommen auf. Zugleich freut er sich, wenn er anderen Menschen mit der Leihgabe das Leben vereinfachen kann. Mit dieser Einstellung ist der 22-Jährige nicht allein.

Die Plattform, die der angehende Wirtschaftsinformatiker nutzt, ist vergangenes Jahr um die Hälfte gewachsen. Mit nun mehr als 55000 Nutzern und knapp 6000 verfügbaren Autos ist Tamyca.de eigenen Angaben zufolge Marktführer in Deutschland. Auch die Zahl der Internet-Angebote, über die sich Interessenten für die Bohrmaschine, das Brautkleid, den Parkplatz und für übriggebliebenes Essen finden lassen, steigt. Selbst die eigenen vier Wände lassen sich vermarkten: Die Plattform Airbnb macht der herkömmlichen Reisebranche weltweit Konkurrenz.

"Mein Ziel ist, die Fixkosten für das Auto möglichst abzudecken", sagt Gnadt. In guten Monaten erlöst der Student bis zu 300 Euro. "Ich habe eine hohe emotionale Bindung zu meinem Auto, doch es geht mir auch darum, die vorhandenen Ressourcen besser einzusetzen." Auch die Freude, die er bei seinen Kunden sehe, sporne ihn an. Schlechte Erfahrungen gab es noch nicht. Gnadt ist auch auf Mitfahrplattformen präsent. Auf längeren Fahrten sitze er so selten alleine im Auto, berichtet er.

Das Phänomen des Tauschens, Teilens und Verleihens wird in der Fachdiskussion unter den Begriffen Sharing Economy und kollaborativer Konsum zusammengefasst. Schon seit Jahren wird die wachsende Lust daran als Mega-Internet-Trend beschrieben, der Potenzial habe, Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend zu verändern: hin zu mehr Gemeinsamkeit, weg von überbordendem Ressourcenverbrauch.

Diejenigen, die mitmachen, sind nach Forschungsergebnissen des Lüneburger Soziologen Harald Heinrichs in der Mehrheit jünger als 39 Jahre. Der Experte unterscheidet zwei Gruppen: auf der einen Seite die Konsumpragmatiker, die Geld sparen wollen oder denen es um Bequemlichkeit geht; auf der anderen Seite stünden Nachhaltigkeit, Umweltschutz und die bessere Nutzung vorhandener Ressourcen im Fokus. Diese Gruppe hoffe etwa, dass weniger Autos produziert werden, wenn sich mehr Menschen eins teilen.

Den bisher erreichten Stand beurteilt der Soziologe zurückhaltend: "Von einer Sharing-Revolution, wie es manche Trend-Gurus kommunizieren, würde ich nicht sprechen." Denn mehr als die Hälfte der Bundesbürger könne mit dem wachsenden Angebot an Internet-Plattformen noch nichts anfangen. "Konsumpraktiken sind Routinen und die ändern Menschen nicht von heute auf morgen." Vor allem das Einkaufsverhalten der Jüngeren sei in Bewegung gekommen.

Unabhängig vom Internet funktionieren nachbarschaftliche Initiativen, wie etwa Tauschringe. "Ein Viertel unserer Mitglieder hat kein Internet", sagt Veronika Perner vom Tauschring im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Angebote und Suchanzeigen gebe es auch in der eigenen, alle sechs Wochen erscheinenden Zeitung, so dass die rund 160 Mitglieder on- wie offline zusammenfinden könnten. Möglich sei dies auch bei den regelmäßigen Treffen.

Getauscht werde alles, auch Dienstleistungen vom Fensterputzen bis zum Haustierhüten. In diesen Fällen sei es besser, die Menschen persönlich zu kennen: "Wenn jemand in der Urlaubszeit meine Katze hütet und kommt in meine Wohnung und ich kenne denjenigen gar nicht, da hätte ich schon ein komisches Gefühl." Gegründet wurde der Tauschring im Jahr 2000.

Tauschen und Teilen unter Nachbarn sei eine sehr alte und bewährte Praxis, sagt die Frankfurter Konsumforscherin Birgit Blättel-Mink. Die neuen Plattformen im Internet hätten sie auch für technikaffine junge Menschen attraktiv gemacht, denen es weniger um soziale Aspekte gehe. Auch das Ziel der Umwelt- und Ressourcenschonung sei nicht zwingend im Spiel.

Die Sharing Economy könne durchaus zu nachhaltigerem Wirtschaften führen, meint der Soziologe Heinrichs. Dazu müsse sie sich aber weiter ausbreiten können. Hier sieht er die Politik in der Pflicht: Zum einen müssten dringend offene steuer- und versicherungsrechtliche Fragen geregelt werden, sagt der Professor für Nachhaltigkeit und Politik. Und dann flössen hierzulande auch noch viel zu wenig Fördergelder in Richtung der neuen, kollaborativen Konzepte. (dpa/rs)

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