Vom Nutzen einer Nomenklatura

Titelhelden à la carte

07. Oktober 2002
Lange Zeilen auf Visitenkarten bauschen den Status auf. Wer die Bezeichnungen des Business-Adels zu dechiffrieren versucht, dem wird allerdings schnell schwindelig.

Trafen sich neulich der Business Consultant für Advanced Content & Services und der Client Executive Financial Solutions Germany in einer Bar. Dort lehnten bereits der Sales Manager Network and Service Providers Business Customer Organization und der Leiter Datenverarbeitung und Organisation Geschäftseinheit Allgemeine Dienste am Tresen. Man verzichtete aus Zeitgründen auf die Vorstellungsrunde, tauschte stattdessen die eng bedruckten Visitenkarten aus, deutete eine Verneigung an.

Blenden macht Spaß

Zu Hause dann die Fragen: Was macht ein Manager für Advanced Development & Integration genau, womit verdient ein Vice President Strategic Information Management sein Geld? Ist das Ganze nur eine Reminiszenz an die Zeiten, als sich im Aufwind von Business und Börse auch die Nomenklatura in schwindelnde Höhen verstieg? Wer für den Nachschub von Papier und Büroklammern zuständig war, konnte sich damals mit dem Titel eines President Administration Back Office schmücken.

Die angeblich international kompatiblen Bezeichnungen, einmal als billiges Motivationsmittel entdeckt, möchte heute keiner mehr hergeben. "Die Titel denken wir uns oft selbst aus", verrät ein Berater. Ein neues Set Visitenkarten für den Total Project Manager oder den Enterprise Strategic Consultant ist sehr viel günstiger als Statussymbole wie ein Mahagonitisch oder eine Sekretärin.

Leider verbirgt sich der genaue Aufgabenbereich eines mutmaßlichen Kollegen deshalb oft in einer Grauzone. Die Sprachakrobatik der ganzen Branche sei ein Tabu, sagt ein Berater der Gartner Group, denn: "Jeder weiß, dass er nicht so genau Bescheid weiß. Und das Tolle: Irgendwie versteht man sich ja schließlich doch."

Kommentare zum Artikel

comments powered by Disqus
Zur Startseite