Was die Analysten sagen

Ungewisse Chancen für Google Chrome OS

15. Juli 2009
Von Nicolas Zeitler
Zwiespältige Reaktionen erntet Googles Ankündigung eines eigenen Betriebssystems. Der Trend zu Cloud Computing könne Chrome OS zum Konkurrenten für Windows machen, sagen die einen. Das System von Google komme zu spät und könne zu wenig, meinen andere Beobachter.

Die Ankündigung löste einigen Wirbel aus: Mitte vergangener Woche erklärte GoogleGoogle, mit Chrome OS ein eigenes Betriebssystem auf den Markt bringen zu wollen. Es soll ab der zweiten Jahreshälfte 2010 zu haben sein. Eine Nachricht, die MicrosoftMicrosoft auf keinen Fall ignorieren könne, meint Rüdiger Spies, Independent Vice President Enterprise Applications beim Beratungshaus IDC. "Chrome OS ist das erste Betriebssystem, das im und für das Zeitalter des Internets entwickelt worden ist", sagt Spies. Alles zu Google auf CIO.de Alles zu Microsoft auf CIO.de

Cloud Computing verbreite sich derzeit stark, außerdem seien gerade junge Anwender zunehmend gewohnt, Daten nicht mehr lokal zu speichern, so Spies. Vor diesem Hintergrund sei Chrome OS eine "interessante Idee". Google betont in seiner Ankündigung des neuen Systems, Chrome OS sei vor allem für die Arbeit übers Internet gemacht. Nach dem Rechnerstart solle der Nutzer "binnen weniger Sekunden" surfen können. Spies erwartet, dass das aufs Web zugeschnittene Betriebssystem in Unternehmen vor allem auf sogenannten Net Stations zum Einsatz kommen könnte, also schlanken Endgeräten, von denen aus der Anwender über den Browser nur auf wenige Anwendungen zugreift.

Rüdiger Spies von IDC erwartet ein leicht bedienbares Betriebssystem von Google.
Rüdiger Spies von IDC erwartet ein leicht bedienbares Betriebssystem von Google.

Ein Feld, auf dem Google Microsoft womöglich empfindlich treffen könnte. Der Verkauf seines Betriebssystems Windows und des darauf abgestimmten Office-Pakets sei der Kern des Geschäfts von Microsoft. Beide Produkte machten im vergangenen Jahr 58 Prozent des Umsatzes der Redmonder aus. Auf der anderen Seite habe Microsoft auch die Mittel, um sich gegen den Angriff zu wehren, meint IDC-Mann Spies. Der Kampf könnte sich vor allem in Verhandlungen mit Hardware-Herstellern abspielen, vermutet er. Möglich wäre zum Beispiel, dass Microsoft sein Windows 7 für eine begrenzte Zeit kostenfrei an die Hersteller von Netbooks abgebe. Ein klarer Nachteil für Google auf diesem Feld ist aus Spies’ Sicht, dass der Internet-Gigant anders als Microsoft keine bestehenden Partnerschaften mit Hardware-Anbietern hat.

Zweifel daran, dass es überhaupt zu einem ernsthaften Konkurrenzkampf auf diesem Feld kommen wird, hegt dagegen Autor Ian Paul von unserer amerikanischen Schwesterpublikation PC World. Chrome OS sei für Microsoft in etwa so gefährlich "wie eine Mücke für einen Bären", schreibt er. Googles System sei als Lösung für Heimanwender angekündigt. Dagegen habe Microsoft mit seiner Plattform Azure schon längst eine Umgebung geschaffen, über die Entwickler in der Cloud Anwendungen auf professionellem Standard anbieten könnten. Und unser US-Schwestermagazin CIO.com zitiert den langjährigen Marktbeobachter Roger Kay von Endpoint Technologies mit den Worten: "Ein richtiges Betriebssystem muss auch Hardware verwalten können."