Entlassung

Unnötig Gift verspritzt

03. Februar 2003
Horst Ellermann ist Herausgeber des CIO-Magazins.
Bei Kündigungen geht es nicht immer fair zu. Das musste unlängst ein CIO aus Baden-Württemberg am eigenen Leib erfahren.

15 Jahre lang hat Holger Bergheim (Name von der Redaktion geändert) in seinem Unternehmen gearbeitet - zu aller Zufriedenheit, wie er dachte. Alle zwei Jahre hatte man ihn befördert; zuletzt baute Bergheim die IT-Organisation in Asien und Australien auf. Mitte 2002 kam dann plötzlich die Entlassung - per E-Mail. Zwei Tage später erklärt Bergheims Chef am Telefon, er habe gerade im Flieger gesessen und die Nachricht nicht persönlich überbringen können. Vorher war der Chef eine ganze Woche lang nicht zu erreichen. Im Nachhinein meint Bergheim, das sei wohl schon ein Alarmsignal gewesen.

Auch die Personalabteilung zeigt wenig Stilgefühl. Drei Monate wartet Bergheim, bis seine Entlassung begründet wird. Ein halbes Jahr wird die Einigung zwischen Arbeitgeber und -nehmer am Ende gedauert haben - für ein Arbeitstier wie Bergheim eine Qual. Gerade noch hat er ein Competence Center aufgebaut, Mitarbeiter eingestellt, Partner ausgewählt - da landet er am heimischen Herd und gibt den Hausmann. Kein GehaltGehalt mehr, kein Firmenwagen und zunächst kein Arbeitslosengeld, da man ihm fristlos gekündigt hat. "Ich konnte das gar nicht begreifen", erzählt der Mittvierziger. "Ich wollte unbedingt weiter in meinem Job arbeiten; deshalb habe ich auch die angebotene Abfindung ausgeschlagen." Alles zu Gehalt auf CIO.de

Wenn die Revision näher rückt

Daraufhin schaltet die Firma auf stur: Spesenabrechnungen werden wieder und wieder geprüft. Bergheim erinnert sich nun, dass seine Kostenstelle schon vor der Kündigung besonders scharf in Augenschein genommen worden war; die Revision rückte seinerzeit in doppelter Besetzung an. Aber es fanden sich keine Unregelmäßigkeiten, auch nicht bei den Spesen, obwohl Bergheim extrem viel gereist ist.

Man fahndet in Verträgen, ob er mit seiner Unterschrift vielleicht seine Kompetenzen überschritten hat. Hat er nicht. Dann ein Vorwurf aus Australien: Bergheim soll etwas mit einer Frau gehabt haben, die nun wegen sexueller Belästigung aussagen will. Die Frau ist jedoch keine Mitarbeiterin des Unternehmens. Schließlich strapaziert der Arbeitgeber ein Totschlagargument: Bergheim habe seinen Etat um zehn Prozent überzogen. "Lächerlich", sagt der: "Andere überziehen bei einem Projekt wie dem Aufbau eines Competence Center um 150 Prozent und mehr."

Vorboten des Todesstoßes Holger Bergheim ärgert sich heute, dass er die Zeichen seiner drohenden Kündigung zu lange ignoriert hat. Dazu zählt er: Der Vorgesetzte hält den Kontakt nicht aufrecht. Eine Woche vor der Kündigung ist er nicht einmal mehr telefonisch erreichbar. Die Revisionsabteilung rückt mit doppelter Besetzung an. Kleinlichst durchsuchen die Controller die IT-Buchhaltung. Eine Woche nach Deadline wird immer noch über das IT-Budget verhandelt.
Vorboten des Todesstoßes Holger Bergheim ärgert sich heute, dass er die Zeichen seiner drohenden Kündigung zu lange ignoriert hat. Dazu zählt er: Der Vorgesetzte hält den Kontakt nicht aufrecht. Eine Woche vor der Kündigung ist er nicht einmal mehr telefonisch erreichbar. Die Revisionsabteilung rückt mit doppelter Besetzung an. Kleinlichst durchsuchen die Controller die IT-Buchhaltung. Eine Woche nach Deadline wird immer noch über das IT-Budget verhandelt.

Bergheim glaubt, dass er alle Vorwürfe vor einem Arbeitsgericht hätte entkräften können. Für ihn ist die Ursache seiner Kündigung die Unfähigkeit des Konzern-CIOs, der ihn als Bauernopfer gegenüber der Finanzabteilung benutzt habe. Die Idee mit der IT-Organisation in Australien wurde inzwischen aufgegeben. Mittlerweile ist auch dem Kollegen gekündigt worden, der für die Region Europa, Mittlerer Osten und Afrika zuständig war.

Bergheim mag sich darüber nicht mehr aufregen. Kurz nachdem er den Abfindungsvertrag unterzeichnet hat, sagt er: "Ich bin jetzt da, wo ich nach der Kündigung war. Hätte ich gleich eingewilligt, wäre es mir besser gegangen. Da wurde unnötig Gift verspritzt."

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