Alexander Trautmann

Vom Fernsehen in die Klinik

03. Februar 2003
Von Andreas Schmitz
Seit gut vier Monaten ist Alexander Trautmann CIO im Universitätsklinikum Leipzig. Mit Krankenhäusern hatte der frühere IT-Chef von n-tv bislang nichts zu tun. Genau deshalb, meint Klinikvorstand Elmar Keller, sei der 43-Jährige der richtige Mann für die schwierige Aufgabe.
Ein Rettungshubschrauber ist nicht in Sicht, dafür CIO Trautmann. Er soll die IT renovieren, bevor es zu spät ist.
Ein Rettungshubschrauber ist nicht in Sicht, dafür CIO Trautmann. Er soll die IT renovieren, bevor es zu spät ist.

Neben dem Eingang C in der Leipziger Liebigstraße 27 bröckelt der Putz von der Hauswand. Noch immer, 13 Jahre nach der Wende, wurde das Gebäude, das der Universität Leipzig gehört, nicht restauriert. Wacker hält sich das vernachlässigte, tief ergraute und poröse Betondach über der Tür. Schrill wirkt dagegen das Plastikschild, das Alexander Trautmann kurz nach Beginn seiner Tätigkeit an dem Gebäude anbringen ließ: eine sauber polierte, weiße Fläche mit dem nagelneuen, graublauen Logo der Uniklinik und der Aufschrift "Bereich 1: Informationsmanagement; Chief Information Officer (CIO); Anwendungssysteme und Systemtechnik".

Bis vor vier Monaten endete der Weg im Inneren des Gebäudes unvermittelt vor einer grauen Stahltür, die das damalige "Zentrum für Medizinische und Administrative Informationssysteme" (ZMAI) vom übrigen Universitätsbetrieb abschirmte. "Da hängt ein Telefon an der Wand. Wählen Sie die Nummer von Herrn Trautmann, dann werden Sie hier eingelassen", erklärt noch heute eine Mitarbeiterin, der die Umstellung offenbar schwer fällt. Zu DDR-Zeiten begann hinter der Tür das Reich der Parteisekretäre. "Als erste Neuerung habe ich diese Tür von morgens bis abends offen stehen lassen", sagt Trautmann. Der erste CIO der vor knapp drei Jahren der Hochschule ausgegründeten Universitätsklinik hat jetzt im Trakt hinter der Stahltür sein Büro.

Alexander Trautmann (43), CIO Universitätsklinikum Leipzig
Alexander Trautmann (43), CIO Universitätsklinikum Leipzig

Über einen Headhunter bekam der Luft- und Raumfahrtingenieur erstmals Kontakt zur Klinikwelt. Der dort seit Ende 2000 als kaufmännischer Vorstand tätige Elmar Keller, früher Vorstand der privaten Rhön-Kliniken, suchte einen CIO: möglichst mit Erfahrung aus der Wirtschaft, aber ohne hinderliche Abhängigkeiten von Ärzteverbänden und Lobbyisten aus der Gesundheitsindustrie - einen Mann ohne Schatten also.

Trautmann, bis Ende August 2002 beim Nachrichtensender n-tv beschäftigt, kam das Jobangebot gelegen. Der in Berlin für die EDV, die Produktionsentwicklung und Übertragungstechnik verantwortliche CIO befürchtete, bei der Übernahme durch die RTL Group Mitte August 2002 Verantwortung zu verlieren. "Der strategische Faktor meiner Arbeit wäre entfallen", ist sich Trautmann sicher, "doch der machte meine Arbeit ja aus."

Ein IT-Chef für 29 Kliniken

Doch auch bei seinem neuen Arbeitgeber waren die Zuständigkeiten zunächst ungeklärt. Für IT-strategische Belange war in den vergangenen acht Jahren das Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie (IMISE) verantwortlich, für taktische und operative Dinge der Bereich Informationssysteme (bis 1994: ZMAI). "Zusätzlich gab es in jeder einzelnen Klinik IT-Betreuer", sagt der neue CIO. Innerhalb der ersten drei Monate hat Pragmatiker Trautmann aus dem Bereich Informationssysteme den Bereich Informationsmanagement gemacht und sich zum Chef über strategische und operative Fragen in allen 29 Kliniken sowie zum Vorsitzenden eines neu geschaffenen IT-Lenkungsausschusses der Unikliniken erklärt. "Das Institut IMISE ist nun unser internes Beratungshaus", sagt Trautmann. "Sie bekommen von uns Aufträge für Studien und liefern uns die Ergebnisse." Als nächstes möchte er einen Stab aus fünf Mitarbeitern aufbauen, der die Prozesse im Krankenhaus umgestalten soll.

Die Aufgaben, die derzeit auf die gut 2200 Krankenhäuser in Deutschland zukommen, sind gewaltig. Seit dem 1. Januar können sie auf Basis der so genannten Diagnosis Related Groups (DRGs) ihre Kosten abrechnen. Dieses Konzept basiert auf gewichteten Fallpauschalen und setzt eine hohes Maß an Transparenz voraus. Die Diagnose- und Therapiedaten eines Patienten sollten deshalb online allen Kliniken zur Verfügung stehen. Die Krankenkassen unterstützen zudem Krankenhäuser, die schon dieses Jahr auf DRGs umstellen, mit einer Budgeterhöhung von mehr als zwei Prozent. "Das ist so, als wenn Sie der Autoindustrie sagen: Baut in acht Wochen ein Null-Liter-Auto! Wenn ihr das nicht schafft, seid ihr selbst Schuld", erklärt Trautmann.