Keine Innovation ohne Programmieren

Was IT-Profis können müssen

07. Oktober 2015
Susanne Köppler ist freie Autorin in München.
Die Digitalisierung fordert noch mehr Know-how und Innovation von Arbeitnehmern. Damit dieses Wissen und innovative Denken entwickelt werden können, stehen auch die Universitäten in der Pflicht. Sie müssen die Kaderschmiede der digitalen Revolution sein.

Rund vier von fünf Deutschen sind laut einer Bitkom-Umfrage der Ansicht, dass die Digitalisierung die Wirtschaft mindestens so stark verändert wie die industrielle Revolution vor über 100 Jahren. Diese Entwicklung ist bestimmt von Innovationen, ohne die intelligente Fabriken oder selbstfahrende Automobile nicht möglich wären. Aber wie werden zukünftige IT-Experten auf die Entwicklung solcher Innovationen vorbereitet, was erwarten sie, und welches Umfeld ist dafür nötig? Uwe Dumslaff, Chief Technology Officer (CTO) bei Capgemini, und Alexander Pretschner, Professor für Softwareentwicklung an der TU München, diskutieren diese Fragen aus der Perspektive von Industrie und Lehre.

Innovation ist cool

Für Studenten müssen Innovationen vor allem eines sein - cool. Sie denken dabei an die neue Apple Watch oder Googles Roboterauto: Produkte, die für den Endverbraucher gemacht sind, weiß Pretschner aus Erfahrung. Mit Business-to-Business-Lösungen (B2B), also Produkten für Unternehmen und nicht für Endverbraucher (Business-to-Customer), kommen sie in ihrem Alltag nicht bewusst in Berührung und nehmen diesen Bereich daher kaum als innovativ wahr. "Diejenigen, die sich auch für B2B-Innovationen begeistern können, sind häufig die ‚Techies‘, die Spaß daran haben, Algorithmen parallel zu implementieren, und die an reiner Informatik interessiert sind", erklärt der Professor.

Studium muss Theorie und Praxis vermitteln

Für viele IT-Unternehmen liegt das Hauptaugenmerk aber im B2B-Bereich. "Sie entwickeln als Dienstleister intelligente Verwaltungssysteme für Behörden oder lassen Maschinen untereinander kommunizieren, um Produktionsabläufe im Autobau effizienter zu machen", erläutert CTO Dumslaff. Für ihn ist der Erfolg seines Arbeitgebers nicht davon abhängig, Vorreiter in der Entwicklung völlig neuer Endprodukte zu sein. Vielmehr müsse ein IT-Dienstleister wie Capgemini Innovationen bewerten und sie für Kundenlösungen anwenden und weiterentwickeln. Die Grundlagen für diese Art des innovativen Denkens und Arbeitens müssten im Studium vermittelt werden, fordert Dumslaff.

Für Pretschner ist es Aufgabe der Hochschullehre, beide Gruppen zu erreichen: Auf der einen Seite die Technikaffinen, auf der anderen diejenigen, die eher das Endprodukt sehen und die Informatik beispielsweise als Nebenfach zur Betriebswirtschaftslehre belegen. Er setzt deshalb in seinen Vorlesungen viel auf Praxisbeispiele. So konnten seine Studenten letztes Jahr beispielsweise eine multimodale Travel-App für Capgemini implementieren, die verschiedene Fortbewegungsmittel auf einer Reisestrecke intelligent kombiniert und mit der Nutzer ihre Reise planen und bezahlen können. Den Studierenden wurde so technisches Know-how vermittelt, und sie sahen gleichzeitig das Endprodukt.

Innovatives Denken kann man nicht lernen

Innovationen sind von Menschen und deren individuellen Ideen abhängig. Studierende können deshalb nicht dazu ausgebildet werden, Innovationen zu entwickeln, da sind sich Dumslaff und Pretschner einig. "Aber man muss ihnen die Grundsätze für innovatives Denken vermitteln, nämlich kritisches Optimierungsdenken, Experimentierfreude und Offenheit", findet Pretschner. Genau dies deckt sich mit den Praxisanforderungen. Früher konnte man sich jahrelang in einem Thema der Informatik spezialisieren und damit wachsen. Das reiche heutzutage nicht mehr aus, und für morgen schon gar nicht. Deswegen müsse ein Appetit vorhanden sein, sich auf Innovationen einzulassen, beschwört Dumslaff.

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