Trainings zu Scrum, Design Thinking und ITIL

Weiterbildung muss digital, schnell und günstiger sein

02. November 2016
Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Die Digitalisierung beschleunigt das Tempo in der Weiterbildung. Unternehmen setzen auch aus wirtschaftlichen Gründen auf standardisierte Inhalte, die mobil auf möglichst vielen Geräten abrufbar sind.

Ob mobiles Lernen via Apps oder Videos - Bildung ist abwechs­lungsreicher und immer online verfügbar. "Große Unternehmen stellen ihre Weiterbildung von Präsenzkursen auf Online-Kurse um, virtuelle Klassenräume sind heute Standard", erklärt der Bildungsprofi und Synergie-Geschäftsführer Ralf Karabasz aus Bonn. Doch für den Chef der Bonner Akademie, Uwe Schöpe, geht der Trend hin zum E-Learning nicht schnell genug: "In den USA ist digitales Lernen das normalste der Welt, wir in Deutschland sind noch zurück."

Auch vor der Weiterbildung macht die Digitalisierung keinen Halt.
Auch vor der Weiterbildung macht die Digitalisierung keinen Halt.
Foto: Pressmaster - shutterstock.com

Weiterbildung von der Stange

Standardisierte Inhalte waren lange verpönt, mit maßgeschneiderten Kursen ließ sich viel Geld verdienen. Aus betriebswirtschaftlichen Gründen fordern Unternehmen nun Angebote von der Stange, die sie möglichst vielen Mitarbeitern über Lernplattformen anbieten können und die auf unterschiedlichen Geräten einsetzbar sind. "Firmen wollen 60 bis 90 Prozent der Lerninhalte digital an­bieten", so Ingmar Rath, Vorstandschef der Integrata AG in Stuttgart.

Auch die Rolle des lernenden Mitarbeiters veränderte sich in den vergangenen Jahren. "Der Einzelne hat heute eine viel höhere Eigenverantwortung für seine Weiterbildung", sagt Karabasz. Die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen ebenso wie die zwischen beruflichem Lernen und privatem Wissensdurst. Wer aus dem Karussell des permanenten Lernens aussteigt, riskiert nicht nur beruflich, den Anschluss zu verlieren. Ohne technisches Verständnis lassen sich weder die Bankgeschäfte online erledigen noch die nächste Reise über ein Internetportal buchen. Die Digitalisierung ist längst Teil des täglichen Lebens.

Ingmar Rath, Integrata: "ITIL, Softwaretesting oder agile Methoden wie Scrum gehören zu den Bestsellern der IT-Weiterbildung. Jeder zweite Kunde will ein Zertifikat."
Ingmar Rath, Integrata: "ITIL, Softwaretesting oder agile Methoden wie Scrum gehören zu den Bestsellern der IT-Weiterbildung. Jeder zweite Kunde will ein Zertifikat."
Foto: Integrata AG

Um die eigenen Mitarbeiter fitMitarbeiter fit für die digitale Zukunft zu machen setzt Peter Dern "Bildung als Schlüssel für Veränderungen". Dern und möchte "mit Design Thinking Innovationen und neues Denken fördern." Später soll noch Storytelling als weitere Methode hinzukommen. Doch der promovierte Chemiker weiß auch, dass er dafür seine Kollegen überzeugen muss. Ein E-Learning-Kurs, der die Methoden von Design Thinking erklärt, reicht nicht, darum setzt der Bildungschef auf die Führungskräfte als Verbündete. "Wenn der Chef sagt, dass Design Thinking ein wichtiges Thema für uns ist, hören die Mitarbeiter zu. Wir wollen Leidenschaft für das Lernen wecken." Alles zu Personalführung auf CIO.de

Lernen soll so viel Spaß machen wie Shoppen

In der Akademie der Software AG sollen auch Mitarbeiter ihr Wissen weitergeben und andere für neue Themen begeistern. "Die Kollegen sollen positive Lernerfahrungen sammeln, deshalb haben wir die Usability der Lernplattform verbessert", sagt Dern. Dadurch will er die Mitarbeiter zum Lernen verführen. Insgesamt stehen den Mitarbeitern rund 700 E-Learning-Kurse zur Verfügung, die sich überwiegend mit technischen Themen beschäftigen. Darunter sind auch 20 selbstentwickelte Soft-Skill-Kurse. Demnächst sollen 80 weitere, auf das Unternehmen zugeschnittene Angebote hinzu kommen.

Peter Dern, Software AG: "Sagt der Chef, dass Design Thinking ein wichtiges Thema für uns ist, hören die Mitarbeiter zu. Wir wollen Leidenschaft für das Lernen wecken."
Peter Dern, Software AG: "Sagt der Chef, dass Design Thinking ein wichtiges Thema für uns ist, hören die Mitarbeiter zu. Wir wollen Leidenschaft für das Lernen wecken."
Foto: Software AG

Auch externe Links zählen zum Angebot. "Wir hoffen, dass die Kollegen auch für kleine Fünf-Minuten-Einheiten dort vorbeischauen und über ihre guten Erfahrungen mit anderen sprechen. Ich wünsche mir, dass die Lernplattform ähnlich populär wird wie ein Shopping-Portal." Die Corporate University der Software AG beschäftigt 20 Mitarbeiter, die sich um administrative Aufgaben kümmern, technische Produktschulungen entwickeln und umsetzen, sowie die hauseigene Personalentwicklung verantworten.

Bildungs-Outsourcing liegt im Trend

Doch seit Jahren gibt es einen gegenläufigen Trend: Konzerne lagern das Management der betrieblichen Weiterbildung an Dienstleister aus. Von der Anmeldung zum Seminar über die Einladung der Teilnehmer bis zur Abrechnung und Feedback-Bogen organisieren die Dienstleister den Management-Training-Solution-Service für die Firmen über eine Plattform. "Große Unternehmen wollen mit der Organisation der Weiterbildung nichts mehr zu tun haben, das senkt die Kosten und ist betriebswirtschaftlich sinnvoll", weiß Synergie-Geschäftsführer Ralf Karabasz.

Ralf Karabasz, Synergie: "Große Unternehmen wollen mit der Organisation der Weiterbildung nichts mehr zu tun haben, das senkt die Kosten."
Ralf Karabasz, Synergie: "Große Unternehmen wollen mit der Organisation der Weiterbildung nichts mehr zu tun haben, das senkt die Kosten."
Foto: Synergie GmbH

Auch Integrata hat diesen Service im Angebot, der jedes Jahr zweistellige Wachstumsraten verzeichnet. Die Bonner Akademie, die zur Zurich-Gruppe gehört, wickelt die Weiterbildung für eine große Bank bereits seit zwölf Jahren ab, bietet diesen Service an. Geschäftsführer Uwe Schöpe sieht in diesem Geschäftsfeld noch viel Potenzial: "Wenn es der Kunde wünscht, verhandeln wir auch mit Weiterbildungsanbietern über die Konditionen."

Zudem veröffentlicht die Bonner Akademie in einer App sämtliche Kurse zu einem Thema, sortiert nach Städten, Preisen und Verfügbarkeit. Die Listen ähneln denen eines Hotelbuchungsportals, inklusive Bewertungen. Die Konkurrenten schreckt dieses Angebot nicht. "Wir rennen bei den Anbietern offene Türen ein. Viele wittern eine Chance, über die App weitere Buchungen zu generieren", verrät Schöpe.

Über ein Rabatt- und Provisionsmodell verdient die Bonner Akademie mit. Auch wenn viele Firmen sich E-Learning-Kurse wünschen, schließen muss Integrata-Chef Rath die rund 100 Trainingsräume keineswegs. "Gerade wenn es um neue Technologien geht, schicken die Firmen ihre Mitarbeiter in unsere Trainingscenter, damit sie sich mit neuen IT-Systemen vertraut machen, ohne die operativen Systeme zu belasten und sich mit dem Thema Firewall auseinander setzen zu müssen", erklärt Rath.

Welche Kurse sind gefragt?

Die Bestseller der IT-Weiterbildung bei Integrata sind IT-Service-Angebote von ITIL über Software-Testing bis zu agilen Methoden wie Scrum. Auch IT-Zertifizierungen bleiben beliebt. "50 Prozent unserer Kunden wollen ein Zertifikat", erläutert der Integrata-Chef.

Uwe Schöpe, Bonner Akademie: "In den USA ist digitales Lernen das normalste der Welt, wir in Deutschland sind noch zurück."
Uwe Schöpe, Bonner Akademie: "In den USA ist digitales Lernen das normalste der Welt, wir in Deutschland sind noch zurück."
Foto: Bonner Akademie

Durch die Fusion mit der französischen Cegos Gruppe, deren Schwerpunkt das offene Seminargeschäft ist, sieht sich Integrata auch international gut positioniert. Jedes entwickelte E-Learning-Programm kann das Unternehmen in 18 Sprachen erstellen und an die kulturellen Gepflogenheiten des Ziellandes anpassen. Das hilft, die sinkenden Investitionen der Unternehmen in Weiterbildung zu kompensieren. Ralf Karabasz sieht die starke Konzentration in der Weiterbildung auf Online-Lernangebote kritisch. "Viele Führungskräfte haben Angst, dass sie von der Digitalisierung abgehängt wer­den. Hier brauchen wir ganz andere Angebote, um diese Mitarbeiter wieder zu integrieren und für neue Aufgaben fit zu machen", fordert der Bildungsberater.

Auch die große Euphorie für agile Methoden und Design Thinking als Allheilmittel kann Karabasz nicht teilen. "Die Hilflosigkeit von vielen Führungskräften, wie sie ihre Mannschaft auf die Veränderungen vorbereiten, zeigt sich auch daran, dass sie 'agil' und 'Design Thinking' davor schreiben. Mit Hilfe von Methoden wird niemand zur innovativen Führungskraft."