Internet-Zukunft

Wenn das Web verstehen lernt

02. September 2002
Johannes Klostermeier ist ein freier Journalist aus Berlin. Zu seinen Spezialgebieten zählen unter anderem die Bereiche Public IT, Telekommunikation und Social Media. Auf cio.de schreibt er über CIO Auf- und Aussteiger.
Das World Wide Web wächst unaufhaltsam. Der Zugriff auf die riesigen Datenmengen wird dadurch erschwert, dass nur Menschen sie lesen und interpretieren können. Mithilfe des "Semantic Web" soll Computern Sprache und dem Internet Verstand beigebracht werden.

"Vor fünf Jahren waren wir nur 5, vor zwei Jahren 50, und jetzt trafen sich auf Sardinien schon 200 Wissenschaftler", berichtet Dieter Fensel, Professor an der Vrije Universiteit Amsterdam. Die Semantic Web Community (www.semanticweb.org) wird größer. Da Maschinen die Bedeutung der Wörter, ihre Semantik, nicht entschlüsseln können, arbeiten die Forscher an Technologien, die auch Computer Zusammenhänge im Web erkennen lassen. Der Gemeinschaft, hervorgegangen aus einer Initiative des Standardisierungsgremiums W3C, geht es darum, einem Web-Dokument nicht nur eine formale Syntax zu geben, wie sie etwa durch HTML definiert wird, sondern auch eine maschinenverwertbare Bedeutung.

Eine der Kerntechniken in diesem Zusammenhang ist das Resource Description Framework (RDF), das seinerseits die weit verbreitete Dokumentensprache XML (Extensible Markup Language) nutzt. Kurz gefasst lässt sich RDF als Metasprache für Metadaten beschreiben.

Computer sprechen mit Computern

Das semantische Web soll kein zweites Internet sein, sondern gewissermaßen auf das bestehende draufgesetzt werden. Tim Berners-Lee, Vater des World Wide Web, hat als Erster die entsprechende Vision formuliert: "Die Mechanismen des Handels, der Bürokratie und des Alltags werden von Computern übernommen, die mit anderen Computern kommunizieren."

Mit dem Semantic Web ließen sich, so die Idee, weit mächtigere Anwendungen realisieren als bisher. Beispielsweise sollen Suchmaschinen den Kenntnis-stand ihres Benutzers berücksichtigen können; oder die Kalender zweier Geschäftspartner wären mithilfe von Software-Agenten in der Lage, selbstständig Termine zu vereinbaren. Berners-Lee rechnet damit, dass spätestens 2010 Suchanfragen aus ganzen Sätzen bestehen dürfen und erheblich genauere Ergebnisse liefern als heute. Und die Entwickler haben noch größere Pläne: WebServices, elektronische Märkte, digitale Bibliotheken, ein weltumspannendes Wissensmanagement und zielgerichtetes E-Learning wollen sie per Semantic Web miteinander verknüpfen und so verbessern. "Sie können auf diese Weise Wissen herleiten, das niemand explizit formuliert hat", erklärt Alexander Linden, Gartner-Analyst für Emgerging Trends.

Für die Forscher, die sich im Juni trafen, ist klar, dass das Semantic Web kommt - irgendwann. Derzeit ist es vor allem für Universitäten und Kongresse ein Thema. "Die Firmen haben so viel auf der Agenda - es wird dauern, bis die Welt dafür bereit ist", sagt Linden. Hinzu kommt: "Im Moment kann man mit XML noch viel schneller mehr Probleme lösen." Dennoch sieht er mittelfristig gute Einsatzmöglichkeiten: im elektronischen Beschaffungswesen, beim Kundenmanagement, bei Online-Katalogen. "In vier oder fünf Jahren werden viele Firmen gar nicht wissen, dass sie Semantic-Web-Technologie einsetzen."

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