Digitale Landwirtschaft

Wenn der Computer die Kühe kontrolliert

30. Juli 2015
Wer denkt bei Smartphone-Apps schon an Kühe oder Schweine? Dabei sind digitale Anwendungen aus der Landwirtschaft nicht mehr wegzudenken. Für App-Hersteller öffnet das einen großen Absatzmarkt.

Der Milchvieh-Landwirt Dennis Strothlüke am Stadtrand von Bielefeld hat vor einigen Jahren digital aufgerüstet. Seither sagt ihm sein Handy, wann die Kühe brünstig sind, wann sie kalben, wann die Gerste reif ist und wie er seine Landmaschinen für welches Saatgut einstellen muss. Für den 38-jährigen Landwirt und für viele seiner Kollegen ist die digitale Technik wirtschaftlich ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil ihrer Arbeit.

Die Digitalisierung setzt auch in der Landwirtschaft ein. Bewegungsprofile von Milchkühen sind dabei erst der Anfang.
Die Digitalisierung setzt auch in der Landwirtschaft ein. Bewegungsprofile von Milchkühen sind dabei erst der Anfang.
Foto: Iakov Kalinin-shutterstock.com

Um diese Technik auf dem Hof zu entdecken, muss man genau hinsehen: Die Strothlükes führen einen mittelgroßen reinen Milchvieh-Betrieb mit rund 135 Kühen. Früher standen sie in einem alten geschlossenen Stall, vor Jahrzehnten erbaut. 2012 haben die Landwirte einen modernen und offenen Laufstall angebaut. Jetzt können die Kühe frei zwischen den beiden Ställen hin und her laufen.

Knapp die Hälfte von ihnen trägt ein Halsband mit einer speziellen Funktion: Es erstellt ein Bewegungsprofil. Wenn sich eines der Tiere überdurchschnittlich viel bewegt, sendet das Halsband die Daten an Strothlükes Handy. "Da kann ich dann erkennen: Diese Kuh ist brünstig und ich kann den Besamungstechniker rufen", erklärt der 38-Jährige. Dann bleiben wenige Stunden Zeit, um die Kuh künstlich zu befruchten. "Seit wir die Anwendung installiert haben, haben wir eine Besamungsquote von über 95 Prozent", schätzt er. "Das heißt, fast alle Tiere, die brünstig sind, werden erfolgreich besamt. Das waren davor deutlich weniger." Kosten eines einzigen Halsbands: 140 Euro.

Eine höhere Besamungsquote bedeutet mehr Kälber - und einen höheren Umsatz für den Hof. "Früher hat eine Kuh bei uns alle 422 Tage ein Kalb zur Welt gebracht. Seit wir die Technik haben, ist es ein Kalb pro Kuh alle 388 Tage", sagt Strothlüke. Digitale Anwendungen sind darum vor allem wirtschaftlich ein wichtiger Faktor für die Betriebe. Die rund 10000 Euro, die die sogenannte Brunsterkennung gekostet hat, habe er schnell wieder drin gehabt, sagt Strothlüke.

"In ganz Nordrhein-Westfalen ist die digitale Technik bei den Landwirten sehr stark verbreitet", sagt Bernhard Rüb, Pressesprecher der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen: "In neuen Ställen ist sie oft standardmäßig eingebaut." Laut einer Umfrage des Telekommunikationsbranchenverbands Bitkom nutzt bundesweit inzwischen jeder fünfte Bauer solche und ähnliche digitale Anwendungen.

Dabei ist die Brunsterkennung nur eine von verschiedenen digitalen Möglichkeiten in Viehbetrieben. Andere Apps analysieren den Milchfluss und liefern Informationen über den Gesundheitszustand der Kühe. Die Strothlükes nutzen eine ähnliche Technik, mit der die Wiederkäu-Aktivität der Tiere gemessen wird. Auch diese Anwendung gibt Auskunft über die Gesundheit der Kühe nach der Geburt eines Kalbs. Es gibt automatische Fütterungssysteme in Schweineställen, und Geflügelhalter nutzen digitale Temperaturregler.

Technische Neuerungen gibt es aber nicht nur in der Viehwirtschaft, sondern vor allem auch beim Ackerbau: "In den Cockpits moderner Mähdrescher befinden sich inzwischen mehr Computer als man für die Mondlandung brauchte", sagt Rüb.

Diese Entwicklung eröffnet wiederum den Softwareherstellern einen stetig wachsenden Absatzmarkt. Für die kommenden zehn Jahre erwartet Bitkom, dass Softwarehersteller rund drei Milliarden Euro mit digitalen Anwendungen allein für die Landwirtschaft umsetzen können.

Weniger zu tun hat Strothlüke durch die moderne Technik allerdings nicht. "Hauptsächlich führe ich den Hof mit meinem Schwiegervater", sagt er: "Alle zwei Wochen nehmen wir uns abwechselnd mal einen Sonntag frei." Nur durchschlafen kann er jetzt wieder öfter. Denn wenn er wissen will, ob eine Kuh kalbt, muss er nicht in den Stall rennen: "Ein Blick aufs Handy genügt." (dpa/rs)

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