Viel leisten für weniger Geld

Wenn der Job zur Selbstverwirklichung wird

Susanne Köppler ist freie Autorin in München.
Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 18 Jahren. Langweilig? Nein, sie endeckt immer wieder neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und in ihrem eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisert.
Wenn der Job Freude und Spaß macht, profitieren davon in erster Linie die Unternehmen. In ihrem Buch "Faktor Freude" zeigt die Historikerin Sabine Donauer auf, wie die Wirtschaft in den vergangenen 100 Jahren erfolgreich Arbeitsgefühle erzeugt hat.

Wer davon ausgeht, nur die heutige Generation YGeneration Y hätte ein gesteigertes Freizeitbedürfnis und in Folge dessen auch eine veränderte Einstellung zum Beruf, sollte das aktuelle Buch von Sabine Donauer lesen. In "Faktor Freude. Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt", nimmt uns die Historikerin auf eine anschauliche Zeitreise durch das vergangene Jahrhundert mit. Schritt für Schritt zeigt sie auf, wie sich im Laufe der Zeit die Beziehungen der Arbeitnehmer zu ihrem Arbeitsplatz verändert haben und wie Arbeitswissenschaftler und Arbeitgeber unser Verständnis und Bild von Arbeit fundamental veränderten. Alles zu Generation Y auf CIO.de

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Verhältnis von Arbeitnehmern zu ihrem Arbeitsplatz ein eher nüchternes: Es wurde gearbeitet, um Geld zu verdienen. Die Arbeiter hatten ein hohes Bedürfnis an Freizeit und geistiger Anregung, zumal ihre Tätigkeit nicht nur mühselig, sondern auch monoton war. Im Umkehrschluss war für die Unternehmen klar, dass sie für mehr Arbeitsleistung auch mehr bezahlen mussten - sei es schlichtweg mehr Geld, über die Bereitstellung von Sozialleistungen oder Betriebswohnungen. Arbeit wurde als Mühsal betrachtet, welches auf monetärer Seite ausgeglichen werden musste, erklärt Donauer in einem Interview auf 3sat.

Sabine Donauer ist seit 2013 Referentin am Bundesministerium für Bildung und Forschung, Abteilung "Europäische und internationale Zusammenarbeit in Bildung und Forschung.
Sabine Donauer ist seit 2013 Referentin am Bundesministerium für Bildung und Forschung, Abteilung "Europäische und internationale Zusammenarbeit in Bildung und Forschung.
Foto: Körber Stiftung/David Ausserhofer

Arbeit wird zum Ort der Selbstverwirklichung

Beeinflusst durch das US-amerikanische Personalmanagement haben sich deutsche Unternehmen seit den 70er Jahren eine andere Strategie zu Eigen gemacht. Seither wird Arbeit nicht mehr als Mühsal angesehen, das entsprechend vergütet werden muss, sondern als Ort der Selbstverwirklichung und Spaß. Diese emotionale Logik entspricht laut Historikerin Donauer einer Form der immateriellen EntlohnungEntlohnung: Hier steht nicht mehr das Gehalt an sich im Vordergrund, sondern die Arbeit, die gute Gefühle auslöst und darum unter Umständen billiger zu haben ist. Alles zu Gehalt auf CIO.de

Laut Donauers Analyse, die das Ergebnis ihrer Dissertation ist, ist diese Emotionalisierung der Arbeit aber mit vier kritischen Entwicklungen verbunden: Zum einen wurde den Mitarbeitern nahe gelegt, dass die Freude an der Arbeit der einzig wahre Antrieb sei. Wer seinen Job gerne macht, soll nicht auf eine möglichst hohe Vergütung fixiert sein, sondern auf sich und seine persönliche Entwicklung bedacht sein. Zum anderen erwarteten die Unternehmen, dass Mitarbeiter, die sich wohlfühlen, ihre Leistung ständig steigern und so zum Unternehmenswachstzum beitragen.

Mehr Leistung zu weniger Geld, aber für mehr Entwicklungschancen und interessante Aufgaben, diese Gleichung scheint aufzugeben, so Donauer weiter. Die Produktivität pro Arbeitnehmer pro Stunde hat sich seit den 70er Jahren verdoppelt. Gleichzeitig stagnieren jedoch die Gehälter oder sinken sogar.

Für die Unternehmen selbst lohnt sich diese Entwicklung. Betrachtet man DAX-Unternehmen wie SAP, Adidas oder Continental, so können diese Firmen einen 500 bis 600 prozentigen Dividendenzuwachs seit dem Jahr 2000 verbuchen. Die Schere zwischen Vorstands- und Mitarbeitergehähltern geht immer mehr auf: Verdiente ein Vorstand im Jahr 1985 20 Mal so viel wie der durchschnittliche Angestellte, lag dieses Verhältnis im Jahr 2011 bereits bei 200:1.

Eine dritte kritische Nebenwirkung sieht die Historikerin in der so genannten Desomatisierung von Arbeit: Begeisterung, Leidenschaft und Spaß stehen bei den Arbeitsgefühlen im Vordergrund, körperliche Belastungsgrenzen rücken in den Hintergrund. In Donauers Augen ist der Körper aus der Diskussion über gute Arbeitsgefühle weitestgehend verbannt. Viertens kommt Arbeit heutzutage viel individualisierter daher als noch vor Jahrzehnten.

Dank moderner Talent-Management-Tools erhalten viele Unternehmen eine große Zahl an Informationen über jeden Mitarbeiter und über seinen individuellen Willen zum Fortkommen. Er selbst muss unter Beweis stellen, dass er motiviert und frohgemut zu Werke geht. Letztlich ist er selbst auch dafür verantwortlich, ob er einen Job findet, der "ihn glücklich macht", so die Logik vieler Personaler.

"Glückliche Mitarbeiter"

Doch wie genau funktioniert diese Strategie? Sieht man sich die Websites moderner, erfolgreicher Unternehmen an, fällt die Emotionalität, mit der hierbei gearbeitet wird, schnell ins Auge. Mit Aussagen wie "Unsere Mitarbeiter lieben ihren Job" oder "Wir haben die zufriedensten Mitarbeiter" schaffen die Unternehmen ein Image, durch das Mitarbeiter ein Arbeitsgefühl entwickeln, welches sie als einen Teil ihrer Entlohnung ansehen.

Insbesondere im Hinblick auf die Generation Y sieht Donauer interessante Züge dieser Entwicklung, da die auf den Arbeitsmarkt strömenden Young Professionals die erste Generation sind, die die von den Firmen verbreitete Selbstverwirklichung als Teil des Arbeitslebens geradezu fordern. Damit sind die Firmen aktuell überfordert, erklärt die Historikerin im Interview. Die Generation Y wünscht sich sinngebende Arbeit, Ortsungebundenheit sowie flexible Arbeitszeiten. Trotzdem arbeiten 60 Prozent der Menschen in Deutschland mehr, als vertraglich vereinbart ist. Laut Donauer ist bisher kein Modell vorhanden, in dem die Wünsche der Arbeitnehmer mit den hohen Anforderungen der Unternehmen vereinbar ist.

Weniger ist mehr

Am Ende ihres Buches "Faktor Freude" plädiert Sabine Donauer, sich auf den englischen Wirtschaftsökonom John Maynard Keyens besinnen sollten. Der war bereits 1930 davon ausgegegangen, dass seine Enkel im Jahr 2030 durch die Automatisierung der Landwirtschaft und der Lebensmittelherstellung nicht mehr als 15 Stunden pro Woche arbeiten müssten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Aus ihrer Sicht ist die Prämisse des ständigen Wachstums nicht nur schädlich für die Mitarbeiter, sondern im ökologischen Sinne auch für den Planeten. "Die Vorteile eines Weniger statt des alles immer liegen auf der Hand", schreibt Donauer.

Neben der Sicherung menschenwürdiger Zukunftsperspektiven könnten wir unsere Konsumkultur in eine Kultur des Zeitwohlstands verwandeln. In den OECD-Ländern haben die Bürger in der Regel 60 bis 70 Prozent ihres Einkommens zur freien Disposition, nur 30 bis 40 Prozent des Haushaltseinkommens werden für Grundbedürfnisse wie nahrung und Wohnung ausgegeben."

Vor dem Hintergrund sollte der Konsum reduziert werden. Wichtigste Voraussetzung dafür sei es aber, dass sich die Menschen frei machten vom Versprechen, dass gesteigertes Arbeiten und Konsumieren glücklicher macht als mehr freie Zeit mit Freunden, Familie und Muße für sich selbst.

Sabine Donauer

Sabine Donauer studierte 2002 bis 2007 in Augsburg, Leider, Paris und Oxford Europäische Kulturgeschichte und besitzt zudem einen Masterabschluss in Higher Education der Harvard University. Seit 2013 ist sie Referentin am Bundesministerium für Bildung und Forschung, Abteilung "Europäische und internationale Zusammenarbeit in Bildung und Forschung. "Faktor Freude. Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt" wurde am 9. November in der edition Körber-Stiftung veröffentlicht.

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