Cloud Computing


IBM, Microsoft, Oracle und SAP

Wie IT-Konzerne ihre Cloud-Umsätze frisieren

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Wieviel Umsatz generieren IBM, Microsoft, Oracle und SAP wirklich im Cloud-Geschäft? Die Frage lässt sich kaum seriös beantworten, denn die Branchenschwergewichte weisen ihre Cloud-Einnahmen ausgesprochen kreativ aus.

Sagenhafte 9,4 Milliarden Dollar Umsatz will IBM innerhalb von zwölf Monaten im Cloud-Geschäft erzielt haben, Microsoft berichtet von mehr als 8,2 Milliarden Dollar. Können diese Zahlen stimmen? Dieser Frage gehen die Analysten David Mitchell Smith und Ed Anderson in einem aktuellen Gartner-Report nach. Eine Antwort lautet: Die Herstellerangaben zu den erzielten Cloud-Umsätzen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Wer versuche, Licht ins Dunkel zu bringen, vergleiche in der Regel Äpfel mit Birnen.

Die Branchenriesen weisen ihre Cloud-Einnahmen ausgesprochen kreativ aus.
Die Branchenriesen weisen ihre Cloud-Einnahmen ausgesprochen kreativ aus.
Foto: Sergey Nivens - Fotolia.com

"Schon seit längerem gehen einige Anbieter mit irreführenden Cloud-Umsatzzahlen hausieren", erläutern die Auguren. "Sie nutzen Cloud-bezogene Wachstumsraten als Marketing-Tool, um ihr Profil in den hart umkämpften Cloud-Wachstumsmärkten zu schärfen." Häufig wollten die Konzerne damit vor allem ihre Börsenbewertungen beeinflussen.

CIOs sollten den Cloud-Zahlen der IT-Hersteller nicht vertrauen, rät Gartner-Analyst David Mitchell Smith.
CIOs sollten den Cloud-Zahlen der IT-Hersteller nicht vertrauen, rät Gartner-Analyst David Mitchell Smith.
Foto: Gartner

9 Milliarden Dollar Cloud-Umsatz: zu schön, um wahr zu sein?

Besonders undurchsichtig erscheinen den Analysten die einschlägigen IBM-Zahlen. Erst kürzlich reklamierte Big Blue 9,4 Milliarden Dollar Cloud-Umsatz innerhalb von 12 Monaten für sich. Zugleich sprach das Management von jährlichen Einnahmen in Höhe von 4,5 Milliarden Dollar mit sogenannten "As-a-Service"-Produkten. Wo liegt der Unterschied? Dazu lassen sich im Zahlenwerk keine eindeutigen Angaben finden. Bestandteil letzterer Kategorie sind laut IBM etwa Infrastruktur-, Software-, Platform-, Business-Process-, Data- und Analytics-as-a-Service-Umsätze. Daneben hebt der Konzern aber auch noch andere Leistungen hervor, darunter das Implementieren von Public-, Private- und Hybrid-Umgebungen beim Kunden.

Wenn sich beim Thema Cloud Computing am Ende doch alles um Services drehe, stelle sich nun die Frage: "Welcher Cloud-Umsatz der IBM fällt nicht in die Kategorie As a Service?", sticheln die Gartner-Experten. Möglichkeiten gebe es viele, darunter etwa klassische Professional Services, Private Cloud, Enabling-Technik, Hosting oder schlicht Outsourcing.

Interessant finden Smith und Anderson die Aussage der IBM-Spitze, der Cloud-Umsatz sei im Jahresvergleich um 70 Prozent gewachsen. Denn damit wird auch deutlich, wie schlecht andere Segmente im Vergleich dastehen. Der Umsatz in den traditionellen IBM-Geschäftsbereichen ist nämlich im gleichen Zeitraum um ein Prozent gesunken. Dazu gehören etwa Global Technology Services, Global Business Services, Software, Systems Hardware und Global Financing.

Microsoft Office 365: ein reines Cloud-Geschäft?

Auch Microsofts Cloud-Zahlen sehen die Analysten kritisch. Zu seinem "Commercial-Cloud"-Geschäft zählt der Konzern vor allem Office 365, Azure und Dynamics CRM. Im "Update" für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2016 (Ende: 30. September 2015) berichtete Microsoft von hochgerechneten jährlichen Cloud-Umsätzen (run rate) von mehr als 8,2 Milliarden Dollar.

Gartner gibt zu bedenken, dass in den Office 365-Umsätzen natürlich auch Einnahmen mit klassischen Desktop- oder auch Suiten für andere Devices enthalten sein könnten, die mit einer Cloud-Nutzung gar nichts zu tun hätten. Microsoft bricht die Zahlen öffentlich nicht weiter herunter.

Mit seiner Office-Suite verdient Microsoft Milliarden. Doch wieviel davon ist wirklich Cloud-basiert?
Mit seiner Office-Suite verdient Microsoft Milliarden. Doch wieviel davon ist wirklich Cloud-basiert?
Foto: Microsoft

Oracle: Hardware-Leasing als Cloud-Umsatz?

Besonders kreativ beim Ausweisen von Cloud-Umsätzen ist offenbar der Datenbankriese Oracle. Glaubt man dem Gartner-Bericht, hat die Ellison-Company einen Weg gefunden, sogar Hardware-Leasing-Geschäfte als Cloud-Umsätze zu deklarieren.

Im Financial Report für das zweite Geschäftsquartal 2016 nennt Oracle einen hochgerechneten Jahresumsatz mit SaaS- und PaaS-Produkten in Höhe von 2,6 Milliarden Dollar. Auf Quartalsbasis sei der gesamte Cloud-Umsatz im Jahresvergleich um 26 Prozent auf 649 Millionen Dollar gewachsen. Darin enthalten seien 165 Millionen Dollar für IaaS und 484 Millionen Dollar für SaaS und PaaS.

Den Begriff IaaS benutze der Konzern allerdings in vielen unterschiedlichen Ausprägungen, monieren die Analysten: "Bei einigen Diensten handelt es sich tatsächlich um IaaS, andere lassen sich besser mit Managed Hosting beschreiben; in einigen Fällen geht es schlicht um das On-Premise-Leasing von Hardware."

Auch klassische "Subscription"-Umsätze verwende Oracle gerne mal als Synonym für Cloud-Einnahmen. Darüber hinaus berichten die Gartner-Analysten von Deals, in denen Wartungs- und andere Dienste kurzerhand als Cloud-Umsätze deklariert worden seien. Dessen ungeachtet stehen auch bei Oracle alle Zeichen auf Cloud. Für das zweite Geschäftsquartal 2016 wies der Konzern in allen nicht Cloud-bezogenen Geschäftsbereichen Rückgänge aus.

SAP und die Cloud: eine Frage der Definition

Alles andere als transparent stellt sich die Situation auch im Zahlenwerk der SAP dar. Die Walldorfer heben im Cloud-Kontext insbesondere SAP S/4 HANA hervor. Wie andere traditionelle IT-Anbieter unterstreicht SAP den "hybriden Charakter" seiner Softwareprodukte, um damit seine Position im SaaS-Geschäft zu stärken. Im Geschäftsbericht für das dritte Quartal 2015 nennt SAP eine beeindruckende jährliche Umsatzwachstumsrate von 116 Prozent (90 Prozent währungsbereinigt) für den Bereich "Cloud Subscriptions and Support". Jedes Quartal würden auf diesem Weg 600 Millionen Euro in die Kassen fließen. Fast 174 Millionen Euro stammen dabei aus dem Zukauf des auf Reisekosten spezialisierten Cloud-Anbieters Concur.

Daneben berichtet SAP von 4,1 Milliarden Euro Quartalsumsatz, den der Bereich "Cloud and Software" erwirtschaftet habe. Besonders interessant finden die Gartner-Auguren dabei SAPs Cloud-Definition: "Cloud Computing is a generic term for flexible, IT-related services available through, or hosted on, the Internet for consumers and business…", formulieren die Walldorfer. Diese doch sehr generische Beschreibung lasse sehr viel Raum, um sowohl Cloud- als auch Hosting-Dienste einzubeziehen, kommentieren Smith und Anderson.

Amazon kommt der Wahrheit am nächsten

Ein relativ klares Bild seiner Cloud-Einnahmen liefert nach Einschätzung der Analysten derzeit einzig Amazon mit seiner AWS-Sparte. Für das zum 30. September 2015 beendete Quartal meldete der E-Commerce-Konzern einen Nettoumsatz von 2,09 Milliarden Dollar für Amazon Web Services (AWS). Das entspreche einem jährlichen Wachstum von 78 Prozent und einem hochgerechneten Jahresumsatz (run rate) von 7,5 Milliarden Dollar.

Fazit: Empfehlungen für den CIO

Welche Schlüsse sollten CIOs und andere IT-Verantwortliche aus diesen Praktiken ziehen? - Auf keinen Fall den ausgewiesenen Cloud-Zahlen vertrauen, raten die Analysten. Schon gar nicht sollten sie taktische oder strategische Cloud-Entscheidungen von Herstellerangaben zu deren Cloud-Umsätzen abhängig machen. Stattdessen gelte es, den Unternehmen mit gezielten Fragen auf den Zahn zu fühlen. Entscheidend müsse am Ende sein, wie gut die strategische Ausrichtung des Providers und dessen Produktportfolio zu den eigenen Anforderungen passten. (wh)