Strategien


Roland Berger und McKinsey

Wucht von Industrie 4.0 wird unterschätzt

Werner Kurzlechner lebt als freier Journalist in Berlin und stellt regelmäßig Rechtsurteile vor, die Einfluss auf die tägliche Arbeit von Finanzentscheidern nehmen. Als Wirtschaftshistoriker ist er auch für Fachmagazine und Tageszeitungen jenseits der IT-Welt tätig.
Die digitale Transformation muss Chefsache sein und erfordert hohe Investitionen. Die IT alleine kann die Probleme nicht lösen. Zwei Studien zeigen Handlungsfelder auf.
Die digitale Reife ist von Branche zu Branche höchst unterschiedlich, wie diese Zahlen von Roland Berger zeigen.
Die digitale Reife ist von Branche zu Branche höchst unterschiedlich, wie diese Zahlen von Roland Berger zeigen.
Foto: Roland Berger Strategy Consultants

Frankfurt liegt im Herzen von Europa, so sagt man dort - und Visionen wachsen am Main sowieso gerne in luftige Höhen. Da wäre das angrenzende Bad Vilbel vielleicht wirklich ein geeigneter Ort für das, was es zwischen Atlantik und Ural tatsächlich nicht gibt: "Silicon Valley - das klingt nach Ideen, Träumen und großen Innovationen", schrieb unlängst Jens Joachim in der FAZ. "Was in Kalifornien funktioniert, will ein Unternehmer nun auch in Europa realisieren - im beschaulichen Bad Vilbel."

Der Hintergrund der Geschichte: Der Bad Homburger Unternehmers Jörg-Peter Schultheis hat vor, bis 2019 im Bad Vilbeler Quellenpark einen Campus für Start-up-Unternehmen nach kalifornischem Vorbild zu etablieren. Ob das Projekt tatsächlich realisiert wird und ob es dann tatsächlich die angekündigten wegweisenden Dimensionen erreicht, steht indes noch in den Sternen.

Ein europäisches "Digital Valley"

Die Meldung aus dem Rhein-Main-Gebiet trifft aber in jedem Fall einen Nerv. Denn exakt für eine Plattform wie das Silicon Valley auch in Europa machen sich renommierte Berater stark angesichts der diagnostizierten Defizite bei der digitalen Transformation. So fordert Roland Berger die Gründung eines europäischen "Digital Valley", um die digitale Wirtschaft besser zu unterstützen. "Verglichen mit den USA ist die digitale Landschaft in Europa in hohem Maße zersplittert, geprägt von der Heterogenität seiner Akteure", sagt Stefan Schaible, CEO für Deutschland und Central Europe von Roland Berger Strategy Consultants.

Vor allem die Vernetzung dreier wesentlicher Bestandteile sei für den Erfolg digitaler Plattformen wie im amerikanischen Silicon Valley oder in Shanghai Shenzhen in China wesentlich: Innovatoren, Venture Capital und Talente. "Aber auch weitere Stakeholder wie Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Entscheidungsträger müssen Teil eines großen europäischen Netzwerks werden", so Roland Berger Consultants weiter.

Studien von Roland Berger und McKinsey

Der Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung erscheint in jedem Fall enorm. In Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Deutschen IndustrieIndustrie (BDI) untersucht Roland Berger in der Studie "Die digitale Transformation der Industrie" Ursachen und Auswirkungen der Digitalisierung auf die Industrie in Deutschland und Europa und erkennt beträchtliche Defizite bei der digitalen Reife. Top-Firmen der Branche Industrie

Neben Roland Berger bläst auch McKinsey in dieses Horn. McKinsey stellt in einer eigenen Studie "Industry 4.0 - How to navigate digitization of the manufacturing sector" fest, dass sich nur sechs von zehn Unternehmen in Deutschland gut auf Industrie 4.0Industrie 4.0 gut vorbereitet fühlen. "Viele Unternehmen fangen erst jetzt an, sich konkret mit Industrie 4.0 auseinanderzusetzen", sagt McKinsey-Berater Detlef Kayser. "Vorteile neuer Technologien wie 3D-Druck3D-Druck, Big DataBig Data und Internet der Dinge werden zu oft als Risiko und nicht als Chance gesehen, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen." Alles zu 3D-Druck auf CIO.de Alles zu Big Data auf CIO.de Alles zu Industrie 4.0 auf CIO.de

Die größten Hindernisse für Industrie 4.0

300 Entscheider aus Deutschland, Japan und den USA befragte McKinsey. Als größte Hindernisse auf dem Weg zur Industrie 4.0 wurden hierzulande das Wissen der Mitarbeiter, Datensicherheit und einheitliche Datenstandards gesehen. Knapp 60 Prozent aller Unternehmen würde ihre Systeme zwar outsourcen, 81 Prozent aber nur innerhalb Deutschlands. Für ein Drittel der Befragten kommt eine Auslagerung nur innerhalb Europas in Frage.

91 Prozent betrachten die Digitalisierung der industriellen Produktion als Chance. Von Angriffen aufs Kerngeschäft durch branchenfremde Konkurrenz - zum Beispiel aus der IT-Branche - rechnen in der Bundesrepublik hingegen nur rund 50 Prozent. In Japan sind es demgegenüber 63 Prozent, in den USA sogar 92 Prozent.

Zu wenig Investitionen in Forschung für Industrie 4.0

Diese Sorglosigkeit ist offenbar nur ein Teil des Problems. Laut McKinsey investieren deutsche Unternehmen nur 14 Prozent ihres jährlichen Forschungsetats in für Industrie 4.0 relevante Themen. Es klaffe eine zweifache Lücke: "Zum einen geben US-Unternehmen mehr als doppelt so viel Geld aus. Zum anderen sind die 14 Prozent auch ein Unterinvestment gemessen an den eigenen Umsatzerwartungen, da sich die deutsche Industrie im Durchschnitt ein Umsatzwachstum von 20 Prozent dank der neuen Technologien erhofft."

Gemeinsame Initiativen und Standards innerhalb der Industrie könnten nach Einschätzung von McKinsey ein Weg sein, Vorteile von Industrie 4.0 zu realisieren. Genau dieses Rezept empfiehlt auch die Roland Berger-Studie, um die Herausforderung der digitalen Transformation zu bewältigen.

Die Berater von Roland Berger prognostizieren bis 2025 ein zusätzliches kumuliertes Wertschöpfungspotenzial von 425 Milliarden Euro alleine in Deutschland durch die Digitalisierung der Industrie. Für Europa seien es sogar 1,25 Billionen Euro. Die möglichen Einbußen durch ein Misslingen der digitalen Transformation beziffert Roland Berger auf bis zu 605 Milliarden Euro europaweit.

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Kommentare zum Artikel

Michael Reiserer

Das Problem liegt im Management - ich teile zu 100% die Einschätzung von Roland Berger - neue Wettbewerber kommen so schnell, dass die deutschen Bremser und Berufsbedenkenträger ihre Geschäftsmodelle verlieren, bevor sie sich umgeschaut haben. Google hat heute z.B. eine Textilfaserproduktionsmaschine vorgestellt - mit einem Anbieter aus Japan. Digitalisierung bietet unendliche Chancen für neue Geschäftsmodelle, aber auch für neue Arbeitswelten und die Gesellschaft. Wir sollten diese Chancen nutzen und davon profitieren.

Dr. Dietmar Müller

Was nicht aus dem Blick geraten darf: Ausgerechnet eine der Wesensmerkmale der Industrie 4.0 stellt die größte Bedrohung für sie dar - die Vernetzung. Sie öffnen Tür und Tor für Spione und Hacker. Erschwerend kommt hinzu, so Dr. Michael Weiß von der Experton Group, dass viele Sicherheitsfragen der aktuellen Industrie 3.0 noch nicht gelöst sind.

Die Analysten von Gartner prognostizieren daher, dass Unternehmen zu ihrem bestehenden Sicherheitsteam externe Experten hinzuziehen müssen, um Cyberattacken erfolgreich zu bekämpfen (vgl. http://w.idg.de/1zWbk5e). Oder hält das jemand für übertriebene Panikmache?

Dietmar Müller,
im Namen von IDG und FireEye

Marco Hass

Witzig, immer zu spät dran!
4 Punkt irgendwas, Führungskultur, Work-Life, Innovation 10 Punkt, usw.
Die addierten Wertschöpfungs- und Einsparpotentiale würden aus jedem Arbeitnehmer MillionäreInnen machen.

Auf der einen Seite frage ich mich, wie kommt ihr darauf und glaubt ihr das selbst?

Auf der anderen Seite fällt schon auf, dass die größten Bremsen im Top-Managemant und den Aufsichtsgremien sitzen.

Wie wäre das Ganze etwas, sagen wir mal, Diagonaler?

Das Bestehende würdigen und schätzen und Neues erforschen und integrierien? Nicht umgekehrt!

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. (Albert Einstein)
MarcoHass et aol com

Patrick Stähler

Industrie 4.0 ist kein CIO Thema, sondern ein strategisches Thema. Leider sind weder unsere CIOs noch CEOs darauf vorbereitet, noch unsere Tools, die wir im Strategischen Management oder im Innovationsmanagement verwenden.

CIOs leben in ihrer Welt des Business Engineerings, wo Prozesseffizienz zählt. CEOs verstehen nicht, das das Internet eben kein Effizienz- oder Marketingthema ist, sondern ihren Umsatz gefährdet und sie ihr Geschäftsmodell anpassen müssen. Nur denken CEOs nicht in neuen Geschäftsmodellen, sondern in existierenden Märkten und Branchen. Unsere heutigen CXOs wurden Chef, weil sie das heutige Geschäftsmodell optimal beherrschen und bis ins Kleinste optimiert haben. Sie sind begnadete Optimierer, aber keine Unternehmer.

Wenn jetzt Android das Betriebssystem der Industrie 4.0 werden würde, wäre dann Google ein Industrieunternehmen und damit ein Wettbewerber von Siemens Steuerungen? Das interessiert Google nicht. Google denkt nicht in Branchen, sondern in Plattformen, worüber sie ihre Services anbieten können.

Wir müssen lernen, Geschäftsmodelle vom Kunden her neu zu denken. Dann funktioniert Industrie 4.0.

Mario S. Mommer

Wahrscheinlich werden auch viele Entscheider davon abgeschreckt, dass alles nach riesigen Investitionen klingt und die Vorteile eher unkonkret erscheinen. Dabei kann man mit "small data" und ein Wenig Vernetzung schon eine ganze Menge erreichen ohne gleich die Firma darauf zu verwetten.

Sven

Das ist doch noch gar nichts. Im Polstermöbel-bereich, werden sie auch in 10-15 Jahren, Industrie 4.0 nur vom Hörensagen kennen. Hier gilt die Devise, IT nur als notwendiges Übel zu betrachten. Lieber Produktivität vernichten, als nur einen Euro zu viel in die IT stecken.

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