Prognose von Gartner

Zehn Thesen zur Zukunft der Arbeit

24. August 2010
Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Arbeitsgruppen mit Kollegen waren gestern, Swarms mit Bekannten sind morgen. Heute werden Zielgruppen analysiert, morgen nach Rastern gefahndet. Der US-Marktforscher Gartner schildert die Arbeitswelt der Zukunft.

Chaos ist das Wort, das immer wieder auftaucht: Der US-Marktforscher Gartner hat ein Szenario für die Arbeitswelt der kommenden zehn Jahre erstellt. Zugespitzt behauptet Gartner, dass Entscheider in einem zunehmend chaotischen Umfeld die Kontrolle verlieren. Unternehmen müssen sich immer wieder neu ausrichten und an ständige Veränderungen anpassen. Neben "chaotisch" fallen in der Analyse Begriffe wie "dramatisch" und "sprunghaft". Gartner verdeutlicht das an zehn Trends:

Die Zukunft der Arbeit in zehn Trends

  1. Das Verschwinden der Routine: Glaubt man Gartner, bestehen derzeit drei Viertel der Arbeit aus Routine-Tätigkeiten. 2015 werden es nur noch 60 Prozent sein. Unternehmen werden sich mehr auf Innovationen konzentrieren. Das bringt das Schlagwort vom lebenslangen Lernen wieder auf die Agenda.

  2. Arbeiter bilden Schwärme: Abteilungsübergreifendes Arbeiten und die Collaboration mit Partnern, Kunden und Lieferanten gewinnen an Bedeutung. Gartner führt hier den Begriff "Swarming" (dt. "Schwärmen" oder auch "Gewimmel/Getümmel") ein. Das bedeutet: Klassische Teamarbeit leisten Menschen, die meist im selben Unternehmen tätig sind und sich oft schon kennen. Swarms bilden Menschen, die sich nicht kennen, aber ad hoc und kurzfristig ein gemeinsames Projekt bearbeiten. Für bürokratische Strukturen und lange Abstimmungswege haben sie keine Zeit.

  3. Labile Verbindungen: Basierend auf dem "Swarm"-Konzept erwartet Gartner, dass sich Ad-hoc-Teams aus Menschen bilden, die jemanden kennen, der jemanden kennt, der eine bestimmte Aufgabe übernehmen oder bestimmte Skills einbringen kann. Damit werden sowohl private als auch professionelle Netzwerke immer wichtiger. Problem dabei: Entscheider müssen darauf vertrauen, dass die Bekannten der Bekannten gute Leistung bringen. Viel Zeit für Kontrolle und Überprüfung werden sie nicht haben.

  4. Mit dem Kollektiv umgehen: In Deutschland spricht beispielsweise die Öko-Bewegung von der "Macht des Verbrauchers". Gartner schreibt vom "Kollektiv", das den Markt beeinflusst. Kollektive können sich zum Beispiel zeitweilig nach Vorfällen wie der BP-Katastrophe im Golf von Mexico bilden: Aktivisten nutzen das, um für alternative Energien zu trommeln oder zum Boykott von BP aufzurufen. Kollektive können aber auch dauerhafter bestehen, wenn sie durch eine gemeinsame Idee verbunden werden. Sie können Kaufentscheidungen einzelner und vieler Konsumenten beeinflussen, wobei die Art der Beeinflussung schwer zu durchschauen ist. Unternehmen müssen so etwas wie "Markt-Intelligenz" entwickeln. Das geht laut Gartner über derzeitige Versuche, Kunden zu segmentieren, hinaus.

  5. Sketch-Ups statt Pläne: Weniger Routine-Arbeit bedeutet weniger Chancen zur Standardisierung. Entscheider können daher weniger planen. Statt dessen haben sie mit informellen Workflows zu tun. Gartner spricht von "Work Sketch-Ups".

  6. Spontaneität ist gefragt: Eine Folge des Arbeitens im Gewimmel ist das unerwartete Auftauchen neuer Perspektiven. Wer spontan auf neue Geschäftsmodelle und neue Kontakte reagieren kann, profitiert.

  7. Simulieren und Experimentieren: Dieser Trend betrifft unmittelbar die IT. Sie muss laut Gartner Technologien bereitstellen, um Szenarien zu simulieren und innerhalb dieser Simulationen experimentieren zu können. Das ist das Ende der Excel- und sonstiger Sheets. Die Präsentation der Zukunft ist n-dimensional und bezieht Daten aus verschiedensten Quellen ein.

  8. Die neue Raster-Fahndung: Um all dieses Ausfransen in verschiedene Arbeitsweisen und verschiedene Zielgruppen zu managen, werden Entscheider versuchen, Raster und Modelle zu entdecken. Sie werden Mitarbeiter dafür abstellen, die solche Raster erkennen und einschätzen können, wie kurz- oder langfristig sie bestehen und welche Wertigkeit sie für das Unternehmen haben könnten.

  9. Alle sind mit allen und allem verbunden: Der Trend zur Hyperkonnektivität zeichnet sich bereits ab und wird sich weiter verstärken. Das geht zum Einen mit höheren IT-Sicherheitsbedrohungen einher. Zum Anderen müssen Entscheider Metriken für den Nutzwert eines Netzwerkes finden. Ein Netzwerk ist kein Selbstzweck.

  10. Die Suche nach dem Arbeitsplatz: Wer Sketch Up-mäßig in diversen Swarms tätig ist, braucht trotzdem einen Arbeitsplatz. Menschen werden über Kontinente und Zeitzonen hinweg miteinander arbeiten und dabei mal zu Hause, mal im Pendlerbüro und mal am eigenen Schreibtisch sitzen. Das bedeutet, dass Grenzen zwischen privat und beruflich verschwimmen, und zwar sowohl physisch als auch psychisch. Wer Freunde mit in seinen Swarm holt, trennt diese Grenzen nicht immer. Das kann zu Problemen führen. Unternehmen müssen lernen, damit umzugehen.

Der Artikel erschien in unserer Schwesterpublikation CIO.