MBA-Programme

Studium der Zukunft kommt ohne Hörsaal aus

20.11.2012, von Yvonne EsterházyKristin SchmidtJan Willmroth

Neue Technik gegen alte Gewohnheiten: Online-MBA-Programme laufen Studiengängen mit Präsenzpflicht den Rang ab.

Wenn Enrico Rühle nach einem Zehn-Stunden-Arbeitstag um kurz nach acht seinen 19 Monate alten Sohn ins Bett gebracht hat, fängt für ihn der Stress noch einmal so richtig an. Bis gegen Mitternacht sitzt er dann oft noch an seinem Rechner, liest die neuesten Studien über die Luftfahrtindustrie, macht sich schlau über Lieferketten-Management, wühlt sich durch seitenlange Excel-Tabellen und Präsentationen zum Thema internationales Marketing.

Seit neun Monaten büffelt der Indien-Geschäftsführer des TÜV Rheinland für den Euro*MBA, den sechs europäische Hochschulen gemeinsam als Fernstudium anbieten. Während seine Kollegen den Feierabend genießen, sitzt der Elektroingenieur oft zu Hause und lernt - in seinem kleinen Arbeitszimmer in der indischen IT-Hochburg Bangalore. Selbst in den Mittagspausen im Café klappt er schon mal den Computer auf. "Ich wollte meine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse unbedingt mit einem MBA vertiefen", sagt der 38-Jährige. "Aber eine berufliche Auszeit kam für mich nicht infrage."

Deshalb hat er sich dafür entschieden, seinen MBA per Mausklick zu absolvieren, statt sich den Lehrstoff in Präsenzkursen in muffigen Hörsälen eintrichtern zu lassen. Für das international renommierte Euro*MBA-Programm investiert er neben seinem Vollzeitjob zwischen 15 und 25 Stunden pro Woche in sein Managementstudium. Nur sechs Mal in zwei Jahren fliegt er für das Studium nach Europa, das Gros seiner Studienzeit ist geprägt von Web-Seminaren und Gruppendiskussionen in Online-Foren. So kann Rühle sein Studium an einer europäischen Top-Adresse vorantreiben und sich gleichzeitig um 23 TÜV-Niederlassungen in Indien kümmern.

20 Wochenstunden lernen

Rühle ist einer von derzeit mehreren Tausend MBA-Studenten weltweit, die sich gegen die Auszeit vom Beruf entscheiden und für einen MBA nebenbei aus der Ferne lernen. Zwar gab es schon früher viele Teilzeitprogramme, die man neben dem Beruf absolvieren konnte. Doch auch dafür war es immer nötig, im Turnus weniger Wochen immer wieder zur Uni zu reisen und dort Wochenenden und Abende zu verbringen. Für viele Menschen keine Option mehr. Sie nehmen lieber zwei Jahre lang 20 Stunden Büffeln pro Woche in Kauf, um weiter bei der Familie leben und die Karriere im Unternehmen bei vollem Gehalt vorantreiben zu können.

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