Stress im Job

Millionengehalt, aber kein Mittagessen

10.12.2007, von Simon Hage

Was konkret meinen Sie mit sozialer Komplexität? Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Ein Jung-Manager tritt nach einem hervorragenden Universitätsabschluss seinen ersten Job in einem Großunternehmen an und macht dort rasch Karriere. Er eckt aber immer wieder an, weil er nicht bemerkt, dass er anderen ständig auf die Füße tritt. Seine Kollegen beginnen dann, ihn zu meiden und geben ihm nicht mehr alle erforderlichen Informationen. Er wird nicht mehr eingeladen in informelle Zirkel - merkt das aber gar nicht, weil er immer nur sachbezogen handelt. Ihm fehlt die emotionale Intelligenz. Plötzlich bemerkt der junge Manager, dass er nicht mehr weiterkommt. Das erste Projekt misslingt - er kommt langsam auf die Abwärtsschiene und wird depressiv.

Was würden Sie einem solchen Patienten raten?

Zunächst muss er einen Schritt zurücktreten und sich das Gesamtbild anschauen. Burn-out-Patienten haben gewöhnlich eine sehr eingeschränkte Wahrnehmung. Sie sehen nur das Böse, das ihnen widerfährt. Sie sind aber oft blind für ihren ganz persönlichen Beitrag zur Symptomatik. Wer sich ausgebrannt fühlt, überschätzt in der Regel die Macht der äußeren Strukturen - und unterschätzt die eigenen mentalen Fähigkeiten.

Dabei gibt es kaum einen Arbeitsplatz, den man nicht aus eigener Kraft zum Besseren wenden könnte - wenn auch in kleinen Schritten. Viele tragen unbewusst einen übersteigerten Perfektionismus mit sich herum, der entscheidend zum Ausbrennen beiträgt.

Stress muss nicht immer schlecht sein, er kann auch Ansporn bieten. Ab wann wird der hohe Arbeitseifer zur Gefahr für die Gesundheit?

In der Stressforschung unterscheidet man den Eustress vom Disstress, den guten vom schlechten Stress. Eustress liegt immer dann vor, wenn ich mich trotz hoher Anforderungen wohlfühle, wenn mein Organismus die Leistung halten oder sogar noch steigern kann. Der Organismus ist auf Stress ausgelegt, er will sogar beansprucht und trainiert werden - allerdings maßvoll.

Bildlich gesprochen: Wer angemessen trainiert und dabei in neue Leistungsbereiche vorstößt, stärkt Muskeln und die Kondition. Keinesfalls darf man jedoch aus dem Stand einen Marathon laufen - sonst klappt man zusammen. Das wäre Disstress.

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