Strategien


Connected Cars

Asien hängt Europas Autobauer ab

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Wer Autos kaufen oder mieten will, betrachtet die Angebote zunehmend durch die Brille des IT-Nutzers. Innovationen im Feld Connected Cars kommen vor allem aus Asien und weniger aus Europa, wie US-Marktforscher Forrester beobachtet.

Bertha Benz hieß die Dame, die am 5. August 1888 von Mannheim nach Pforzheim und drei Tage später über eine andere Route wieder zurück fuhr. Damit gilt sie als erster Mensch überhaupt, der eine Fernfahrt wagte (die Strecke betrug damals 106 Kilometer). Vor allem aber legte die Ehefrau von Carl Benz die Grundlage für den kommenden Erfolg von Daimler Benz.

Damals waren Innovationen in der Motoren-, Getriebe- und Fahrwerkstechnik wettbewerbsentscheidend, heute sind es IT-Neuerungen, die eine Kaufentscheidung beeinflussen. Das erklärt zumindest Charles Golvin vom US-Marktforscher Forrester.

Golvin führt in seiner Studie "The connected car" aus, welche Folgen die Zunahme von IT in Autos nach sich zieht.Technologische Basis der jetzigen und kommenden Entwicklung sind seiner Einschätzung zufolge drei Aspekte: Breitbandnetze, Sensor-Technologien wie Laserkreisel (Gyroskop ohne bewegliche Teile) und Beschleunigungsmesser sowie die Datenanalyse. Die Auswirkungen betreffen nicht nur Hersteller und Händler, sondern auch VersicherungenVersicherungen und Behörden. Top-Firmen der Branche Versicherungen

Kundenverhalten: Golvin schließt sich der These von Trendforschern an, wonach künftig nicht mehr das "dicke Auto" gefragt sein wird, sondern die intelligente Nutzung von Autos. Darauf bereitet sich beispielsweise Daimler mit dem Carsharing-Programm "Car2go" vor. Der Forrester-Analyst zieht hier eine Parallele zur Musikindustrie: Fans kaufen seltener komplette Alben bei iTunes, sondern nutzen Streaming-Dienste wie Spotify. Sie hören Musik, besitzen aber keine Tonträger mehr.

Wünschen die Kunden dennoch ein eigenes Auto, dann spielen die IT-Komponenten eine immer wichtigere Rolle. Autokäufer gucken zunehmend durch die Brille des Computerkäufers. Insbesondere Kunden in Süd-Korea sowie in den Großstädten Indiens und Chinas sind diesbezüglich besonders kritisch. Sie geben Trends vor und halten Internet-Zugang im Auto schon fast für eine Selbstverständlichkeit. Kein Wunder, dass die asiatischen Autohersteller besonders schnell auf diese Neuerungen reagieren. Hyundai gilt Golvin als Beispiel für einen Hersteller, der den Ruf gehört hat.

IT-Nutzung im Büro, zu Hause, im Café und im Auto

Funktionalitäten: Golvin redet keiner "Schnickschnack-IT" das Wort. Es geht nicht um Angeberei, sondern um Funktionalitäten. Wer die Kunden von morgen bedienen will, muss verstehen, dass sie IT an vier Orten nutzen: im Büro, zu Hause, unterwegs (wie im Internet-Café oder dem Hotel) und im Auto.

Jede Situation stellt ihre eigenen Anforderungen an die IT. Für connected Cars heißt das: Das Auto entwickelt sich zum rollenden Büro und zum rollenden Wohnzimmer, nicht nur unbedingt für den Fahrer, sondern auch für seine Mitfahrer. Diese wollen Smartphone und Tablet nutzen können. Außerdem steigen die Ansprüche an Navigations-Systeme.

Versicherungen und Sicherheit: Unter dem Aspekt der Sicherheit geht es nicht nur darum, dass Autos untereinander kommunizieren, Einparkhilfe leisten und vor Staus warnen. Versicherer sind aufgefordert, sich mit Informatikern und Autobauern zusammenschließen und Services rund um das Thema Unfall zu entwickeln. So bietet etwa die Versicherungskammer BayernVersicherungskammer Bayern, München, einen mit GPS-Technik ausgestatteten Crash-Sensor an. Der soll im Fall der Fälle automatisch einen Notruf absetzen. Top-500-Firmenprofil für Versicherungskammer Bayern

Eine andere Frage ist die künftige Berechnung von Policen. Faktoren wie Hubraum oder PS könnten um die IT-Ausstattung ergänzt werden.

Golvin betont, dass Informatiker hier nicht einfach ihre Phantasie spielen lassen dürfen. Sie müssten verstehen, dass ein Fahrzeug immer noch in erster Linie dazu dienen wird, Menschen sicher von A nach B zu bringen. Wer also Hard- und Software für Autofahrer entwickelt, muss bedenken, dass der Fahrer nicht zu stark abgelenkt werden darf. Über kurz oder lang ist da auch der Gesetzgeber gefragt. In Deutschland zum Beispiel ist das Telefonieren während der Fahrt ohne Freisprechanlage verboten.

Compliance: In puncto Regularien wendet Forrester-Analyst Golvin den Blick erst einmal auf das eigene Land. In den USA schaffen manche Anbieter Eltern die Möglichkeit, ihren Filius bei seinen Autofahrten zu überwachen. Sie wissen dann nicht nur, wo er ist, sondern per Kamera auch, wer mit im Auto sitzt. Golvin erwartet hier einige Diskussionen mit Datenschützern.

Das selbstfahrende Auto wird sich ab 2023 etablieren

Eine weitere These: Etwa in zehn Jahren werden sich selbstfahrende Autos etablieren. Die Technologie mache große Fortschritte. Gebremst wird der Markt-Eintritt fahrerloser Autos eher durch den Gesetzgeber.

Golvins Fazit läuft darauf hinaus, dass die emotionalen Aspekte rund um Autos - Image, Markenwert, Ansehen des Besitzers - immer stärker von "in-vehicle experiences" abhängen, und die gestaltet nun einmal die IT. Wobei: Bertha Benz hat ihre Fernfahrt ja auch ohne Navi geschafft.

Zur Startseite