Für 340 Millionen Euro in bar

Atos kauft Unify von Siemens und Gores Group



Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Nach langer Suche haben die Gores Group und Siemens einen Käufer für ihr Joint-Venture Unify gefunden: Atos will den Spezialisten für Unified Communications für 340 Millionen Euro in bar kaufen. Gleichzeitig übernimmt der französische IT-Dienstleister 200 Millionen Euro an Pensionsverpflichtungen und 50 Millionen Euro Schulden.
Foto: Unify

Wie AtosAtos bekannt gab, soll die Transaktion bereits im ersten Quartal 2016 abgeschlossen sein - die Zustimmung der Arbeitnehmervertreter sowie die Genehmigung durch die Kartell- und Aufsichtsbehörden vorausgesetzt. Der französische IT-Dienstleister, an dem SiemensSiemens mit zwölf Prozent beteiligt ist, beabsichtigt mit der Übernahme von Unify, seine Angebotspalette für die digitale Transformation zu erweitern. Gleichzeitig soll der Kauf des nach eigenen Angaben drittgrößten Anbieters für integrierte Kommunikationslösungen im Portfolio die Lücke zwischen Kommunikations- und IT-Dienstleistungen zu schließen. Top-500-Firmenprofil für Atos Top-500-Firmenprofil für Siemens

"Unsere Kunden verlangen nahtlose Servicelösungen für ihr gesamtes digitales Portfolio und einen zuverlässigen Partner, der ihre Bedürfnisse aus einer Hand abdecken kann", erklärt Thierry Breton, Chairman und CEO von Atos, in einer Stellungnahme. Das Portfolio und die Kundenbasis von Unify würden die bestehenden digitalen Angebote von Atos dabei auf einzigartige Weise ergänzen. (Siehe auch Analystenstimmen zur Übernahme)

Mit der Übernahme nimmt das Schicksal von Unify eine neue Wendung. Das zunächst Siemens Enterprise Communications (SEN) genannte Unternehmen war im Oktober 2006 durch die Ausgliederung des Bereichs Communications aus der Siemens AG entstanden. Im Juli 2008 entstand daraus ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem US-Investor The Gores Group. Dieser brachte für einen 51-Prozent-Anteil an dem Joint Venture seine Firmen Enterasys und SER-Solutions, einen Hersteller für Call-Center-Software, ein. 2013 folgten dann der Verkauf von Enterasys an Extreme Networks und die Umfirmierung in Unify, um den Fokus auf UCC-Lösungen (Unified Communication & Collaboration) stärker herauszustellen.

UCC-Lösung mit Potenzial

Der Circuit-Launch von Unify vor knapp einem Jahr
Der Circuit-Launch von Unify vor knapp einem Jahr
Foto: Unify

Potenzial sehen Analysten insbesondere in dem aus Project Ansible hervorgegangenen Cloud-Lösung Circuit. Dabei handelt es sich um eine Plattform, die auf WebRTC basiert und die alle Aspekte der Business-Kommunikation vereint - also UC, Social Media, Business-Applikationen wie BI, ERP oder CRM sowie Cloud-basierte Informationsdienste unter einen Hut bringt. Mit einer inzwischen auf 5.600 Mitarbeiter geschrumpften Belegschaft und Geschäftsaktivitäten in mehr als 60 Ländern erwirtschaftete Unify zuletzt einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro.

Strategischer Kauf oder Resteverwertung?

Betrachtet man die näheren Umstände des Deals stellt sich jedoch die Frage nach den eigentlichen Hintergründen des Unify-Kaufs. Die ehemalige Communications-Tochter ist nämlich nicht die erste Siemens-Tochter, die nach langer Suche bei Atos landet. 2010 erwarben die Franzosen den kriselnden IT-Dienstleister Siemens IT Solutions and Services (SIS) für 850 Millionen Euro. Davon bezahlte Atos (Origin) aber nur 186 Millionen Euro in bar, der Rest wurde in Wandelanleihen und Anteilsscheinen beglichen, weshalb Siemens inzwischen mit zwölf Prozent größter Anteilseigner von Atos ist. Zu dem Deal gehörte damals außerdem ein rund 5,5 Milliarden Euro schwerer Outsourcing-Vertrag mit Siemens mit einer Laufzeit von sieben Jahren.

Wie Atos nun zeitgleich zur Mitteilung über den Unify-Kauf bekannt gab, wurde die im Juli 2011 unterzeichnete IT-Vereinbarung über sieben Jahre verlängert und das vereinbarte Mindestgeschäftsvolumen für den Zeitraum 1. Juli 2011 bis 31. Dezember 2021 um 3,23 Milliarden Euro, nämlich von 5,5 Milliarden Euro auf 8,73 Milliarden Euro, erhöht. Zusätzlich zu Projekten in den Bereichen Managed Services, Application Management und Systems Integration, die im ursprünglichen Vertragsumfang enthalten waren, wurden die Leistungen auf die Digitalisierung der Geschäftsbereiche von Siemens, einschließlich der Bereiche Cloud Computing, Industrial Data Analytics und Cybersicherheit, erweitert.

Zudem hieß es, dass Atos und Siemens weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit prüften, um die Digitalisierungsstrategie, besonders in den Feldern Digital Remote Services, Internet der Dinge und Cybersicherheit voranzutreiben und damit die Grundlagen für Industrie 4.0 zu legen.

Ach ja: Auch bei der UC-Lösung hat sich der Siemens-Konzern für die künftige Atos-Tochter Unify entschieden und will als erster Unternehmenskunde Circuit im großem Umfang einsetzen.

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