Wachstumsfelder ausgelagert

Atos plant Aufspaltung nach IBM-Vorbild

Peter Sayer ist Korrespondent des IDG News Service.
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO sowie Chefredakteur der europäischen B2B-Marken von IDG. Er kümmert sich um die inhaltliche Ausrichtung der Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. 
Der französische IT-Dienstleister Atos will sich in zwei Unternehmen aufteilen. Die Wachstumsfelder Digital, Big Data und Sicherheit sollen künftig als Evidian firmieren.
Atos teilt sich: Das Legacy-Geschäft soll in der Atos Tech Foundations angesiedelt , das Zukunftsgeschäft in der neu gegründeten Evidian verselbständigt und an die Börse geführt werden.
Atos teilt sich: Das Legacy-Geschäft soll in der Atos Tech Foundations angesiedelt , das Zukunftsgeschäft in der neu gegründeten Evidian verselbständigt und an die Börse geführt werden.
Foto: Tobias Arhelger - shutterstock.com

Ähnlich wie IBM ihr Managed-Infrastructure-Services-Geschäft Ende 2021 in das Spin-off Kyndryl ausgelagert hat, plant auch AtosAtos vorzugehen. Bei den Franzosen sollen die wachstumsstarken Geschäftsbereiche Digital, Big Data und Security (BDS) in das Unternehmen Evidian ausgelagert und bis Ende nächsten Jahres an die Börse gebracht werden. Chef des Unternehmens wird der erst im April als Chief Commercial Officer zum Unternehmen gestoßene Ex-IBMer Philippe Oliva. Top-500-Firmenprofil für Atos IT Solutions and Services GmbH

Die Legacy-Geschäftsfelder werden in der Tech Foundations Co. (TFCo) zusammengefasst und sollen später dann als Atos firmieren. In dieser Unit sind Rechenzentrums- und Hosting-Dienstleistungen, Digital Workplace, Unified Communications und Business Process Outsourcing konsolidiert. Dieser Geschäftsbereich soll von Nourdine Bihmane geführt werden. Er ist ein Atos-Urgestein, seit 2001 im Unternehmen.

Atos-CEO Belmer warf nach wenigen Monaten wieder hin

Oliva und Bihmane waren Mitte Juni 2022 jeweils zu stellvertretenden Atos-CEOs berufen worden, nachdem klar wurde, dass der Konzern aufgespalten werden soll. Zuvor hatte der erst zum Jahresbeginn angetretene CEO Rodolphe Belmer überraschend seinen Rücktritt erklärt. Offenbar gab es heftige Meinungsverschiedenheiten über die Strategie des IT-Dienstleisters. Einem Reuters-Bericht zufolge soll Belmer für einen Verkauf der BDS-Sparte gestimmt und sich damit gegen Vorstand und Aufsichtsrat gestelllt haben.

Die meisten Kunden dürften von dem neuerlichen Kurswechsel nicht beglückt sein. Atos hatte erst im Februar angekündigt, seine Aktivitäten in drei Geschäftsbereiche umstrukturieren zu wollen. Zu den Tech Foundations mit den laut Atos "reifen" Geschäftsfeldern sollten die Unternehmenseinheiten Digital mit Dienstleistungen rund um die digitale Transformation und die Dekarbonisierung kommen. Der dritte Bereich Big Data und Sicherheit sollte sich auf die forschungsintensiven Aktivitäten Cybersicherheit, High-Performance- und Edge-Computing sowie unternehmenskritische Systeme konzentrieren.

Atos hat ein sehr breites Angebotsportfolio

Nun können sich Atos-Kunden wie etwa die Hotelkette Accor, der Elektroniklieferant RS Components oder der Telekommunikationskonzern Telefonica darauf einrichten, dass Atos dem Beispiel von IBM mit der Ausgliederung des Bereichs Managed Infrastructure Services von Kyndryl folgen wird. Wie IBM verfügt Atos über ein Supercomputing-Geschäft, betreibt eigene Rechenzentren und bietet Software, Beratung und IT-Dienstleistungen an - wenn auch in kleinerem Maßstab.

Kurzes Gastspiel bei Atos: Wegen strategischer Meinungsverschiedenheiten scheidet der zum Jahresbeginn angetretene CEO Rodolphe Belmer bereits am 30. September 2022 wieder aus.
Kurzes Gastspiel bei Atos: Wegen strategischer Meinungsverschiedenheiten scheidet der zum Jahresbeginn angetretene CEO Rodolphe Belmer bereits am 30. September 2022 wieder aus.
Foto: Atos

IBM war zum Zeitpunkt seiner Aufspaltung mit einem Nettogewinn von 5,7 Milliarden Dollar im Jahr 2021 profitabel und sah den Schritt als Möglichkeit, seine wachstumsstarken Geschäftsfelder, darunter das Cloud-Business, von den stagnierenden Legacy- und Wartungsaktivitäten zu trennen. Atos hingegen ist in einer viel schlechteren Verfassung: Das Unternehmen meldete für 2021 einen Verlust von knapp drei Milliarden Dollar und musste sich mit einem um zwölf Prozent geschrumpften Geschäftsbereich TFCo herumärgern.

Atos-Aufspaltung in zwei gleich große Unternehmen

Im Gegensatz zu IBM, das seine Legacy-Geschäfte mit ungefähr 70.000 Mitarbeitern in das Spin-off Kyndryl ausgelagert und damit rund ein Viertel seiner Größe verloren hat, plant Atos, sich in zwei nahezu gleich große Hälften aufzuspalten. Atos zählt allerdings nur rund ein Drittel der Mitarbeiter von IBM vor der Aufspaltung (350.000 Beschäftigte). Hinzu kommt, dass die Franzosen beim Pro-Kopf-Umsatz hinterherhinken: Während IBM 2021 bei Einnahmen von insgesamt 57 Milliarden Dollar einen Pro-Kopf-Umsatz von rund 200.000 Dollar meldete, kam Atos bei Erlösen von zwölf Milliarden Dollar nur auf 108.000 Dollar je Mitarbeiter.

Der Name Evidian, unter dem Atos seine BDS-Geschäfte separieren und an die Börse bringen will, ist nicht neu: Atos hatte ihn bereits für sein Identity- und Access-Management-(IAM-)Portfolio verwendet. Hoffnungsträger in diesem Bereich ist der künftige CEO Oliva, der von Eutelsat zu Atos gestoßen war - von dem Unternehmen also, dessen CEO vorher Rodolpho Belmer war. Davor war Oliva fast zwei Jahrzehnte lang für IBM tätig, wo er die Cloud- und Hybrid-Cloud-Dienste verantwortete.

Atos ist durch eine Reihe von Übernahmen europäischer IT-Dienstleister entstanden und hat durch die Fusion mit dem niederländischen IT-Dienstleister Origin im Jahr 2000 größere Bedeutung im europäischen Outsourcing-Markt erlangt. Ein wichtiger Schritt war zudem die Übernahme der Sema-Gruppe von Schlumberger im Jahr 2004, die mit einem Jahresumsatz von 2,4 Milliarden Euro zu den größten europäischen Dienstleistern gehörte.

Übernahmen der IT-Geschäfte von Siemens machten Atos groß

Aus deutscher Sicht war die Übernahme der Siemens IT Solutions and Services (SIS) im Jahr 2010 bedeutend: Die SIS stand damals für Jahreseinnahmen von 3,7 Milliarden Euro und beschäftigte 31.000 Mitarbeiter. Atos war nun mit Jahreseinnahmen von zwölf Milliarden Euro der zweitgrößte IT-Service-Provider in Europa - und noch lange nicht am Ziel. Im Jahr 2015 übernahm man die IT-Sparte von Xerox und den französischen Großrechner- und Supercomputer-Hersteller Bull. Ein Jahr später wurde auch Unify, die ehemalige Siemens Enterprise Communications (SEN), als führender Anbieter von integrierten Kommunikationslösungen von Atos aufgekauft.

Doch schon bald zeigte sich, dass dieses Konvolut an Marken, Produkten und Kulturen nur schwer zusammenzuführen ist. Atos war zunehmend mit sich selbst beschäftigt, während insbesondere die indischen Dienstleister aufgrund ihrer Kostenvorteile im klassischen IT-Dienstleistungsgeschäft davonzogen. Atos geriet im Geschäftsjahr 2021 mit einem Fehlbetrag von 2,96 Milliarden Euro tief in die Verlustzone, der Aktienkurs brach ein, zudem schüttelte ein Finanzskandal das Unternehmen. Großaktionäre waren den Franzosen vor, wichtige Trends verschlafen und sich bei den Zukäufen verspekuliert zu haben.

Aktionäre sind skeptisch

Nun also der Plan, sich in zwei Teile aufzuspalten: Am 14. Juni, dem Tag der Bekanntgabe, brach der Aktienkurs um etwa 25 Prozent ein und ist seitdem immer weiter gesunken. Es scheint so, als würden die Anleger nicht daran glauben, dass das Unternehmen in zwei Teilen profitabler und erfolgreicher wirtschaften kann als in einem.

Wird Philippe Oliva, der künftige CEO des Atos-Ablegers Evidian, das Unternehmen zum Erfolg führen?
Wird Philippe Oliva, der künftige CEO des Atos-Ablegers Evidian, das Unternehmen zum Erfolg führen?
Foto: Atos

Um Kunden und Investoren zu überzeugen, muss Atos eine Reihe von Herausforderungen bewältigen. Weiter IT-Dienstleistungen in der bisherigen Qualität und Kontinuität zu erbringen, während das Unternehmen im Kern zerteilt und umgebaut wird, ist nur eine davon. Die Aufspaltung in zwei Unternehmen wird Atos dazu zwingen, zentrale Dienste wie die Rechnungsstellung oder Systeme, die die Mitarbeiter zur Kommunikation mit den Kunden nutzen, zu duplizieren. Die beiden Unternehmenshälften werden ihre eigenen Verwaltungen und leitenden Angestellten benötigen.

Vor allem für die in der TFCo zusammengeführten Hosting- und Outsourcing-Geschäfte dürfte es schwieriger werden, neue Möglichkeiten für Effizienzsteigerungen und Wachstum zu finden, zumal die Konkurrenz oft preisgünstiger anbieten kann und die Wirtschaft weltweit auf eine Rezession zusteuert. Bihmane hat bereits seine Strategie dargelegt, wie er das Wachstum, die Rentabilität und den Cashflow von TFCo bis 2026 wiederherstellen will.

Restrukturierung wird schmerzhaft für Kunden und Mitarbeiter

Der erste Schritt soll darin bestehen, das bestehende Portfolio des Unternehmens zu rationalisieren und nicht-strategische Geschäftsbereiche aufzugeben. Die Kunden werden hier aufpassen müssen: Selbst wenn Atos seine bestehende Angebote aufrechterhält, dürften CIOs, die in der Vergangenheit gute Verträge ausgehandelt haben, nun verstärkt zur Kasse gebeten oder aus den Verträgen herausgedrängt werden.

Der zweite Schritt wird die rund 48.000 Mitarbeiter von TFCo betreffen, denn hier wird das Unternehmen versuchen, seine Kostenstruktur durch "Right-Shoring" zu verbessern. Das Unternehmen wird alles daran setzen, Arbeitsplätze dorthin zu verlagern, wo es am billigsten ist, sich von teuren Mitarbeitern zu trennen, die Partnerstrukturen kostenseitig zu überarbeiten und seine Einrichtungen und Rechenzentren zu konsolidieren. Im dritten Schritt hofft Atos dann, mit neuen Angeboten und einem Ausbau der Vertriebskapazitäten zurückzukehren auf den Wachstumskurs.

Atos prognostiziert bereits, dass der Umsatz von TFCo weiter sinken wird - von fünf Milliarden Euro im Jahr 2022 auf 4,1 Milliarden Euro im Jahr 2025, ehe es dann von 2026 an wieder aufwärts gehen soll. Für die zukunftsträchtigeren Geschäfte von Evidian dürfte es einfacher werden. Die hier konsolidierten Unternehmensbereiche wachsen um durchschnittlich fünf Prozent jährlich, nach der Aufspaltung sollen es sogar sieben Prozent sein. Dabei wird eine operative Marge von knapp acht Prozent erwartet, die bis 2026 auf zwölf Prozent steigen soll. (hv)

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