IDC Expertentalk Next Generation Data Center

Data Center gefährden digitale Transformation

Wafa Moussavi-Amin ist Analyst und Geschäftsführer bei IDC in Frankfurt. In seiner Funktion als Geschäftsführer verantwortet Wafa Moussavi-Amin seit Oktober 2004 die Strategie und Geschäftsentwicklung der International Data Corporation (IDC) in Deutschland und der Schweiz, seit 2013 zeichnet er zudem verantwortlich für die Region Benelux.
Unternehmen modernisieren ihr Rechenzentren nur zögerlich. Wo sie deutlich aufholen müssen, welche Rolle Cloud dabei spielt und welches Deployment Modell sich in Zukunft durchsetzen wird, lesen Sie in diesem Beitrag.
Die Expertenrunde (v.l.n.r.): Matthias Zacher (IDC), Manfred Keßler (Gobal Access Internet Service), Johannes Wagmüller (NetApp), Donald Badoux (Equinix), Alexander Best (Datacore), Dr. Markus Pleier (Nutanix) und Moderatorin Lynn Thorenz (IDC)
Die Expertenrunde (v.l.n.r.): Matthias Zacher (IDC), Manfred Keßler (Gobal Access Internet Service), Johannes Wagmüller (NetApp), Donald Badoux (Equinix), Alexander Best (Datacore), Dr. Markus Pleier (Nutanix) und Moderatorin Lynn Thorenz (IDC)
Foto: IDC

Mit der digitalen Transformation erhöhen sich die Anforderungen das Data Center in Bezug auf Effizienz und Flexibilität immens. Unternehmen hierzulande modernisieren aber nur zögerlich. Das ist erschreckend, weil existenzbedrohend: Fast 80 Prozent der von IDC befragten Firmen verzeichneten in den vergangenen 12 Monaten nicht geplante Ausfallzeiten beziehungsweise Einschränkungen bei der Bereitstellung von Services.

Der Modernisierungsstau gefährdet also den operativen Betrieb in vielen Firmen und Organisationen hierzulande. Zwar haben viele Firmen in den vergangenen Jahren Investitionen ins Data Center getätigt, dennoch ist die Time-to-Market für die Bereitstellung von IT-Ressourcen nach wie vor zu lang und bremst die Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen im Rahmen der digitalen Transformation aus.

Das Modernisierungsproblem ist Firmen bewusst

Immerhin: Das Problem wird erkannt. So sehen drei von vier Unternehmen die Notwendigkeit zu erheblichen Modernisierungsschritten im Data Center.

Was ist also der Grund dafür, warum viele Unternehmen die Modernisierung ihrer Data Center nicht nachhaltig genug verfolgen und sich mit ineffizienten, teuren und unsicheren Infrastrukturlandschaften begnügen? Warum verfolgen knapp 90 Prozent zwar eine Cloud-Strategie, haben aber innovative Deployment Modelle wie den Multi-Cloud-Ansatz offenbar (noch) nicht wirklich auf dem Zettel?

Um herauszufinden, wo deutsche Unternehmen im Hinblick auf das moderne RechenzentrumRechenzentrum genau stehen, welche Strategien und Ansätze sie künftig verfolgen und auf welche Lösungen sie sich dabei stützen, hat IDC für die Studie "Next Generation Data Center in Deutschland" im Oktober 2017 gut 200 IT-Entscheider aus Firmen und Organisationen mit mehr als 500 Mitarbeitern in Deutschland zum Thema befragt. Die Ergebnisse wurden der IT-Fachpresse im Dezember 2017 in München vorgestellt. Alles zu Rechenzentrum auf CIO.de

Die Expertenrunde

Neben dem Studienverfasser Matthias ZacherMatthias Zacher teilten Alexander Best (Director Technical Business Development bei Datacore), Donald Badoux (Managing Director bei Equinix), Johannes Wagmüller (Director Systems Engineering bei NetApp) und Markus Pleier (Principal Architect Global Accounts bei Nutanix) ihre Sicht auf die Situation mit den anwesenden Journalisten. Manfred Keßler, CEO von Global Access Internet Service, ergänzte die Runde mit dem Blick aus der Anwenderbrille. Moderiert wurde der kontroverse Expertentalk von Lynn Thorenz, Leiterin des Bereichs Research und Consulting bei IDC. Profil von Matthias Zacher im CIO-Netzwerk

Modernisierungsstau in deutschen Rechenzentren

Was zeichnet die Infrastrukturlandschaft deutscher Unternehmen aus? Sie ist nicht effizient, weist deutliches Potenzial im Hinblick auf die Kostenoptimierung auf und ist zu allem Überfluss auch noch unsicher – von ihrem Silocharakter, der sich immer mehr als Showstopper der Digitalisierung erweist, einmal ganz abgesehen. Die aktuelle IDC Studie zeigt es jetzt schwarz auf weiß: In den meisten Organisationen müssen IT-Infrastruktur und IT-Architektur grundlegend überarbeitet werden, in 73 Prozent der befragten Firmen herrscht Modernisierungsstau.

Zu den dringlichsten Tasks im Pflichtenheft für das moderne Data Center zählen die weitere VirtualisierungVirtualisierung von Storage und Netzwerk sowie die Nutzung von Software Defined Infrastructure, Container, konvergente und hyperkonvergente Lösungen und zukünftig, wenn auch mit Einschränkungen, Composable IT. Das Next Generation Data Center verknüpft zudem interne IT-Umgebungen und externe IT- und Businessressourcen, wie Cloud-Plattformen, Multi Clouds, Colocation Services und Business-Netzwerke zu einer einheitlichen Business Delivery Plattform. Davon sind die meisten Firmen allerdings noch weit entfernt. Alles zu Virtualisierung auf CIO.de

SDI, hyperkonvergente Lösungen und Composable IT werden Data Center revolutionieren

Dennoch: IDC ist davon überzeugt, dass Software-Defined-Infrastrukturen (SDI), hyperkonvergente Lösungen und zukünftig auch Composable IT die Data Center auch hierzulande revolutionieren werden. IT-Verantwortliche müssen besser jetzt als gleich damit beginnen, ihre starren IT-Ressourcen zu flexibilisieren.

Immerhin: Eine höhere Effizienz und Effektivität der IT-Ressourcen steht für 37 Prozent der befragten Unternehmen ganz oben auf der Agenda. Damit benennen die IT-Entscheider klar den grundlegenden Engpass der IT-Infrastruktur in der Digitalisierung. Erkannt wird das Problem also, doch wie sieht es mit der Umsetzung aus?

"Der eigentliche Prozess wahrer Veränderung fängt nicht im Rechenzentrum, sondern im Kopf an", gibt Markus Pleier von Nutanix zu bedenken. Um in der digitalen Wirtschaft zu bestehen, müssten Unternehmen in Plattformen denken. Dabei empfiehlt Pleier einen Top-down-Ansatz. Die Zeiten, in denen es zu allererst darum ging, welche Infrastrukturkomponente die performanteste oder preisgünstigste ist, seien endgültig vorbei. Die Ausgangsfrage müsse heute vielmehr lauten, welche Anwendungen die wichtigsten sind, um die Digitalisierung der Organisation und des Geschäftsmodells voranzutreiben.

IT und Business sprechen immer noch nicht die gleiche Sprache

Damit legt Pleier den Finger in die Wunde, denn obwohl es Fortschritte in der Annäherung zwischen IT und dem Business gibt, spricht man leider immer noch nicht allerorts die gleiche Sprache. IDC rät IT-Organisation einmal mehr, sich als Business Enabler zu verstehen und damit Innovationen im Sinne des Unternehmens zu ermöglichen. Wer IT im Jahr 2018 immer noch als Selbstzweck sieht, hat seine Zukunft schon verschenkt.

Auch Johannes Wagmüller von NetApp stellt den internen Kunden in Form der Fachabteilungen in das Zentrum aller weiteren Überlegungen. "Was genau will mein Kunde und wie kann ich ihn bestmöglich unterstützen, sollte die erste Frage lauten, die sich die IT stellt. Ohne diese Klarheit können Sie digitalisieren, so viel Sie wollen. Erfolgreich werden Sie damit selten sein", so Wagmüller.

"Flexibilität und Agilität sind enorm wichtige Faktoren, um die digitale Transformation im Unternehmen voranzutreiben", ergänzt Donald Badoux von Equinix. Er empfiehlt, sich folgenden Fragen zu stellen: Passt die IT-Strategie zur übergeordneten Unternehmensstrategie? Und unterstützt sie das Unternehmenswachstum oder den Eintritt in neue Märkte?

Organisationen, die das nicht mit einem klaren "Ja" beantworten können, können schon bald die Businessanforderungen nach einem sicheren und reibungslosem IT-Betrieb in zunehmend offenen und heterogenen geschäftlichen Ökosystemen nicht mehr gewährleisten. Damit setzen sie leichtfertig die erfolgreiche digitale Transformation und in letzter Konsequenz die Zukunft des Unternehmens aufs Spiel.

Große Komplexität und unzureichendes Wissen über SDI

Den einen Königsweg zum Next Generation Data Center gibt es nicht, das liegt auf der Hand. Lösungsansätze wie Software Defined Compute, Software Defined Storage, Software Defined Networking sowie die Orchestrierung und Automatisierung über verschiedene Systeme und Domains sind nach der Virtualisierung der Infrastruktur für viele Unternehmen die nächsten logischen Schritte bei der Bereitstellung von IT-Ressourcen.

Neben den Vorteilen sehen sich die befragten Unternehmen aber auch mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, große Komplexität und ein unzureichendes Wissen über SDI wurden als die größten Hürden benannt. Zudem schätzt mehr als ein Fünftel der für die Studie befragten Organisationen die Technologie (noch) als unreif ein. Aus Sicht von IDC müssen Anbieter hier nachbessern und beispielsweise mit Best Practice und Anwendungsfällen überzeugen.

Die digitale Transformation ist eine Evolution, keine Revolution – da sind sich alle in der Runde einig. Für Alexander Best von Datacore ist Virtualisierung ganz klar die Methode der Wahl "Lassen Sie sich nicht von Herstellerabhängigkeiten ausbremsen und achten Sie auf eine möglichst einfache Skalierung, horizontal wie vertikal", so Best. Um die Kosten überschaubar zu halten, sei es zudem eine gute Idee, bestehende Infrastrukturen mit einzubinden.

Nutzen hyperkonvergenter Systeme wird immer besser verstanden

Auch zeigt die Studie, dass der Nutzen hyperkonvergenter Systeme offenbar zunehmend besser verstanden wird. Immerhin 44 Prozent der Befragten versprechen sich eine bessere Auslastung der IT-Ressourcen, vorausgesetzt die Lösungen sind auf die jeweiligen Businessanforderungen zugeschnitten. 27 Prozent der IT-Abteilungen planen, ihre Server-Infrastruktur durch eine hyperkonvergente Infrastruktur abzulösen, 26 Prozent der IT-Abteilungen wollen ihr SAN durch eine hyperkonvergente Infrastruktur ersetzen.

Dass es dann in der Praxis nicht ganz so einfach mit der Umsetzung ist, bestätigt Manfred Keßler, CEO von Cloud Service Provider Global Access Internet Services. Beispielsweise ließen sich hyperkonvergente Systeme dann erfahrungsgemäß doch nicht so einfach nutzen, wie Herstellerseitig gerne versprochen wird. "Plug and play funktioniert in der Realität nicht", berichtet er aus seiner Erfahrung und weist zudem darauf hin, dass derlei Systeme auch nicht für alle Szenarien im Datacenter geeignet seien.

Eine gestandene Softwareumgebung schmeißt man nicht einfach um, die müsse man transformieren. Und alte mit neuen Stacks zu kombinieren, gehe nach seinen Erfahrungen selten problemlos über die Bühne, so der CEO weiter. Alexander Best hingegen ist ein Fan integrierter Systeme und liefert auch gleich die Begründung mit: "Diese bringen den Storage einfach näher an die Applikation."

Und was ist mit der Cloud?

In den Data Centern dominieren nach wie vor on-premises Infrastrukturen. Viele Services und Workloads verschieben sich allerdings mittelfristig in die Cloud. Damit verändert sich die Nutzung von IT-Infrastrukturen. Die Entkoppelung von Hard- und Software ermöglicht das architektonische und IT-technische Grundgerüst für effiziente Cloud-Strukturen für die zentrale und Fachbereichs-IT und über Unternehmensgrenzen hinaus.

Cloud ComputingCloud Computing und Provider Services sind maßgebliche Bestandteile des Next Gen Data Centers. Multi Clouds, also die parallele Nutzung von zwei oder mehr Cloud-Diensten für einen Workload auf Basis einer Architektur, entwickeln sich dabei immer stärker zu einem neuen Cloud-Deployment-Modell – befinden sich aber hierzulande noch in einer frühen Reifephase. Die von IDC befragten Unternehmen gaben zu Protokoll, in den nächsten 36 Monaten verstärkt in Lösungen für Monitoring, Modellierung, Analyse, Systemstabilität, Sicherheit, zur Überwachung von Performance- und Wartungs-SLAs sowie Systeme zur Automatisierung und Orchestrierung investieren zu wollen. Alles zu Cloud Computing auf CIO.de

Architektur, Prozesse, Skills und Unternehmenskultur kommen auf den Prüfstand

Die Rahmenbedingungen stimmen: Anbieter haben innovative Technologien zu Lösungen entwickelt, die viele der gängigsten Anforderungen der Unternehmen abdecken. Die Modernisierung der Data Center hin zum Data Center der nächsten Generation hat hierzulande gerade erst begonnen und wird die IT- und Fachabteilungen in den nächsten drei bis fünf Jahren sicher gut beschäftigen.

IT-Abteilungen müssen jetzt neben der Technologie und der Architektur auch die Prozesse, die SkillsSkills und die "Kultur" auf den Prüfstand stellen. Viele Anbieter leisten hier aktiv Hilfestellung. Keine leichte Aufgabe, denn die hohe Komplexität der Data Center Transformation nimmt Einfluss auf die gesamte Service-Delivery - und gehört aus diesem Grund auf die CIO-Agenda. Alles zu Skills auf CIO.de

IDC Analyst Matthias Zacher stellte die Highlights der neuen IDC Studie zum Rechenzentrum der Zukunft vor.
IDC Analyst Matthias Zacher stellte die Highlights der neuen IDC Studie zum Rechenzentrum der Zukunft vor.
Foto: IDC

Die Modernisierung von IT-Infrastruktur erbringt immer einen direkten oder indirekten Businessnutzen. Hierzu zählen Effizienzgewinne im Data-Center-Betrieb, die Automatisierung, Vereinfachung und Beschleunigung von Abläufen auf Infrastrukturebene sowie eine höhere Sicherheit im IT-Betrieb. Moderne Infrastrukturen verbessern die Performance von Applikationen und ermöglichen eine höhere Skalierung und effizienteres Deployment. Time to Market und Time to Production werden verbessert.

Cloud nicht unbedingt günstiger, senkt aber die Overhead-Kosten im Betrieb

IDC rät, Kosten differenziert und über den gesamten Lebenszyklus zu betrachten. Moderne Lösungen oder die Nutzung von Cloud Services sind per se nicht kostengünstiger, senken allerdings Overhead-Kosten für den Betrieb. Indirekte Kostenvorteile sind zwar nur schwer messbar, aber zweifelsohne vorhanden. Unternehmen sollten sich den Businessnutzen so detailliert wie möglich aufzeigen lassen, Anbieter sollten hier unbedingt in die Pflicht genommen werden.

Das Next Generation Data Center ist ein wichtiger Schlüsselfaktor für die erfolgreiche Digitalisierung. Organisationen, die die ersten Schritte Richtung Data Center Modernisierung schon gegangen sind, sind ihren Wettbewerbern bereits jetzt eine Nasenlänge voraus. Gerade hierzulande müssen Unternehmenslenker und CIOs aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren. Wir von IDC werden die Entwicklung weiterhin gespannt verfolgen und einordnen.

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