Deutschland

Die Ausgestoßenen

30.06.2008
Von Christian Rickens und Henrik Müller

Nun erleidet das Vertrauen in die dauerhafte Leistungsfähigkeit der Nation erneut Rückschläge. Ein schwer genießbarer Cocktail hat sich da zusammengebraut. Zutaten: die Erfolge der Linkspartei; die wirklichkeitsfremde Reform der Erbschaftsteuer; die publikumswirksam inszenierten Steuerrazzien gegen Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel und andere, gefolgt von schrillen verbalen Ausfällen der Politik gegen die Top-Manager. All das verstärkt in den Köpfen vieler Topleute das Gefühl: Wir sind hier nicht willkommen.

"Unter Rot-Grün gab es bereits einen starken Drang ins Ausland", sagt der Unternehmensberater Matthias Geisler von der Firma Globogate, einem Dienstleister, der Abwanderungswillige unterstützt. "Seit vorigem Sommer und erst recht seit den Steuerrazzien im Februar haben die Anfragen wieder stark zugenommen."

Hinwendung zum Ausland verstärkt sich

Knapp die Hälfte der deutschen Aktionäre äußert in einer Emnid-Umfrage Verständnis dafür, dass Wohlhabende mit ihrem Geld steuerschonend ins Ausland gehen.Immerhin ein Viertel hält die "Hexenjagd auf Steuersünder" im Zuge der Liechtenstein-Affäre für falsch. Und ein Siebtel aller Aktionäre hat schon mal überlegt, wegen der hohen deutschen Steuern selbst Geld ins Ausland zu schaffen.

Während Auswanderer-Shows im Privat-TV ("Mein neues Leben XXL") deutsche Maurer in Kanada, Tischler in Südafrika oder Tanzlehrer in Connecticut präsentieren und dem breiten Publikum den Traum vom fröhlicheren Sein jenseits deutscher Grenzen einpflanzen, während knapp ein Viertel der Gesamtbevölkerung inzwischen mit dem Gedanken spielt, auszuwandern, sind die Besten und die Reichen tatsächlich auf dem Sprung.

"Seit Sommer 2007 hat sich die Hinwendung zum Ausland deutlich verstärkt. In jedem zweiten Evaluationsgespräch fragen mich die Kandidaten, ob ich nicht eine Position im Ausland für sie habe", berichtet Tiemo Kracht, Geschäftsführer der Personalberatung Kienbaum. Dabei kommt der Wunsch nach einem Auslands-Job nicht etwa von verkrachten Sachbearbeitern, sondern vor allem von Bereichsleitern, Geschäftsführern und Vorständen.

Zur Startseite