Deutschland

Die Ausgestoßenen

30.06.2008
Von Christian Rickens und Henrik Müller

Erbschaftssteuerreform in der Kritik

Die Unternehmer fühlen sich von der Politik nicht mehr repräsentiert. Es ist niemand da, dem sie vertrauen. Dies ist die eine Wahrheit.

Eine andere Wahrheit offenbart sich im Gespräch mit Mitgliedern der Bundesregierung. Die Wirtschaftselite, so die Sicht selbst liberaler Unionspolitiker, bekomme einfach nicht mehr mit, was sich in der Gesellschaft verändert. "Wir haben in der Mittelschicht ein massives Bedürfnis nach Absicherung gegen den sozialen Abstieg. Dieses Thema wird die nächste Wahl entscheiden", sagt ein als wirtschaftsfreundlich bekanntes Kabinettsmitglied. Und dann wunderten sich die Unternehmer, "wenn wir wegen der Erbschaftsteuer nicht die Koalition platzen lassen".

Die Erbschaftsteuerreform. Nirgendwo lässt sich das aktuelle Unverständnis zwischen Wirtschaft und Politik so deutlich ablesen wie an diesem Punkt. In den Augen von CDU und SPD ist die Bundesregierung den Unternehmerfamilien denkbar weit entgegengekommen: Wer in Zukunft Unternehmensanteile erbt, kann weitgehend von der Erbschaftsteuer befreit werden.

Ein enormes Privileg; die Erben von größeren Immobilien- oder Barvermögen müssen fast ein Drittel des Nachlasses an den Staat abgeben. Doch der Steuerrabatt für Entrepreneure gilt nur unter zwei Voraussetzungen: Der Erbe muss das Unternehmen den bisherigen Plänen zufolge 15 Jahre lang weiterführen. Und die Lohnsumme des Unternehmens muss für die ersten zehn Jahre nach dem Erbfall mindestens 70 Prozent der durchschnittlichen Lohnsumme vor dem Erbfall betragen.

Es sind diese Klauseln, die den Unternehmer Edwin Kohl demnächst ins Ausland treiben könnten. "Wenn Kohl Pharma in eine Krise geraten sollte, sehen sich meine Söhne vielleicht gezwungen, Personal abzubauen - und müssen dann genau in dem Moment, wo das Geld ohnehin knapp ist, auch noch Steuern nachzahlen. Das könnte die Insolvenz bedeuten."

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