Mergers and Acquisitions

Die wichtigsten ITK-Übernahmen 2020

Heinrich Vaske ist Editorial Director a.D. von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO.
Peter Sayer ist Korrespondent des IDG News Service.
Nichts war 2020 normal - oder doch? Das Übernahmekarussell in der ITK-Szene drehte sich jedenfalls so schnell wie immer. Schenken Sie sich einen Kaffee ein und rufen Sie sich die wichtigsten Deals in Erinnerung!
Wer frisst wen? Die Liste der bedeutenden Mergers & Acquisitions 2020 im Tech-Bereich ist lang.
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Foto: NESPIX - shutterstock.com

Im ITK-Markt gab es 2020 trotz der grassierenden Pandemie viel Bewegung. Der allgemeine Digitalisierungstrend und der hohe Innovationstakt in der Branche haben die Anbieter unter Druck gesetzt: Um in Zukunftsmärkten wie Cloud Computing, Künstliche Intelligenz (KI), IT-Sicherheit oder Prozessautomatisierung nicht den Anschluss zu verlieren, mussten oder wollten sie handeln. Hier eine alphabetische Auflistung richtungsweisender Übernahmen (kein Anspruch auf Vollständigkeit).

Accenture kauft Security-Know-how

Drei Übernahmen im Bereich IT-Sicherheit sollen das Angebot von IT-Dienstleister Accenture ergänzen. Zunächst erwarb der Konzern im Januar von Symantec die Division "Security Services" mit rund 300 Mitarbeitern. Im März folgte die Übernahme der britischen Context Information Security. Einen Monat später schnappte sich der IT-Servicekonzern dann das erst vier Jahre alte Beratungshaus Revolutionary Security aus Philadelphia, das mit seinen 90 Beschäftigten unter anderem Penetration Tests vornimmt, Bedrohungen durch Insider aufspürt und die Abwehr von Angriffen perfektioniert.

Accenture investierte zudem in das Data-/Analytics-Business und schluckte die britische Beratung Mudano. Sie wurde in die Geschäftseinheit Applied Intelligence integriert, in der bereits Zukäufe wie Clarity Insights, die spanische Pragsis Bidoop oder Analytics8 aus Australien ihren Platz gefunden haben. Mudano soll vor allem Unternehmen der Finanzwirtschaft dabei helfen, eine Datenkultur zu schaffen und Kenntnisse in den Bereichen KI und Machine Learning aufzubauen.

Adobe integriert Collaboration-Lösung

Rund 1,5 Milliarden Dollar legte Adobe für Workfront auf den Tisch. Dabei handelt es sich um einen Anbieter von Projekt- und Task-Management- sowie Collaboration-Werkzeugen. Das Unternehmen harmoniert laut Adobe mit dessen Experience Cloud und bietet ähnliche Funktionen wie MS-Project und MS-Planner, Wrike, Asana, Smartsheet, Liquid Planner, Monday.com, Jira, Trello oder Clarizen. Workfront wird in ungefähr 3000 Unternehmen eingesetzt, darunter Deloitte, Under Armour, Home Depot oder T-Mobile USA. Ungefähr eine Million Menschen arbeiten damit.

AMD zahlt 35 Milliarden für Xilinx

Durch den Boom bei Künstlicher Intelligenz und Machine Learning ist die Nachfrage nach leistungsfähigen Grafikchips rasant gestiegen. Erster Profiteur ist Nvidia. AMD sitzt dem Spezialisten aber im Nacken. Für 35 Milliarden Dollar kaufte AMD Xilinx, einen der Topanbieter von FPGAs (Field-Programmable Gate Arrays) - von Chips also, die zunächst universell einsetzbar sind, dann aber via Hardwareprogrammierung von Schaltstrukturen für eine bestimmte Aufgabe optimiert werden. Intel hatte 2015 fast 17 Milliarden Dollar für den größten Xilinx-Wettbewerber Altera gezahlt, um hier ins Spiel zu kommen.

Analog Devices - noch eine Elefantenhochzeit

Auch im Markt für analoge und Embedded-Halbleiter wird eine größere Fusion vorbereitet: Um dem Platzhirsch Texas Instruments näher zu kommen, will Analog Devices 21 Milliarden für Maxim Integrated ausgeben. Deren analoge Chips werden für die Automatisierung von Gebäuden, Fabriken und Fahrzeugen gebraucht, die Nachfrage ist momentan sehr hoch. Maxim Integrated hatte zuvor angekündigt, den deutschen Experten für Motorsteuerungen, Trinamic, zu übernehmen.

Appian baut RPA-Know-how aus

Mit der spanischen Novayre Solutions erweitert der Low-Code-Programming-Spezialist Appian sein Portfolio um Robotic Process Automation (RPA). Der Plan ist es, die vorhandene Low-Code-Entwicklungsplattform auch für das Programmieren von Software-Bots zu nutzen. "Die Produkte ermöglichen eine End-to-End-Prozess-Orchestrierung, indem Menschen, Software-Bots und KI koordiniert zusammenarbeiten", beschrieb CEO Matt Calkins das Ziel.

Atlassian unterstützt Helpdesk via Slack

Im Mai kündigte Atlassian die Übernahme des Helpdesk-Softwareherstellers Halp an. Dieser ermöglicht es Technikteams, Helpdesk-Anfragen direkt in der Collaboration-Software Slack zu verwalten, zu priorisieren und zu beantworten. Halp ist mit dem Jira Service Desk und mit Confluence von Atlassian integriert, so dass Unternehmen mit dem Tool ihrer Wahl Tickets verarbeiten können. Halp soll nach der Übernahme weiter eine eigenständige Marke bleiben, auch das Team arbeitet unabhängig.

Avaloq geht an NEC

Die Schweizer Avaloq, die sich auf Lösungen für Banken und Vermögensverwaltungen konzentriert und zu den wenigen Spezialisten für Kernbankensysteme gehört, geht für 1,9 Milliarden Euro an den japanischen NEC-Konzern - sofern alle Aufsichtsbehörden zustimmen. Avaloq soll wie bisher aus der Schweiz heraus weiterarbeiten. Das Unternehmen hatte sich zuletzt zu einem Anbieter von Software-as-a-Service-Lösungen weiterentwickelt und übernimmt im Kundenauftrag ganze Geschäftsprozesse.

Avira schließt sich NortonLifeLock an

NortonLifeLock, der aus der Consumer-Sparte von Symantec hervorgegangene Anbieter der "Norton"-Produktreihe, schluckt den hierzulande bestens bekannten Antivirus-Spezialisten Avira für 360 Millionen Dollar. Die Avira-Anteile wurden von Investcorp Technology Partners verkauft, einem Finanzinvestor aus Bahrein, der erst im April eingestiegen war. NortonLifeLock erhofft sich einen stärkeren Footprint auf dem deutschen und europäischen Markt. Außerdem will das Unternehmen sein Produktportfolio um das Freemium-Geschäftsmodell von Avira mit mehr als 30 Millionen aktiven Installationen erweitern.

BMC und Compuware - zwei Dinos finden sich

Mit der Übernahme von Compuware zu einem nicht genannten Preis arbeitet sich BMC tiefer in den boomenden Markt für Softwaremodernisierung hinein. Die Kombination von BMCs "Automated Mainframe Intelligence" (AMI) mit verschiedenen Produkten von Compuware soll die immer noch stattliche Anzahl von Großrechner-Nutzern bei der Umsetzung ihrer DevOps-Strategien unterstützen. Compuware war 2014 für rund 2,4 Milliarden Dollar vom Private-Equity-Unternehmen Thoma Bravo akquiriert worden. Die Investoren nahmen das Unternehmen von der Börse und spalteten das Mainframe-Software-Geschäft von der Ausgründung Dynatrace ab. Letztere konzentriert sich mit einer Software-Intelligence-Plattform auf Anwendungsoptimierung.

Cherry nimmt neuen Anlauf

Viele COMPUTERWOCHE-Leser werden irgendwann einmal auf einer Cherry-Tastatur geklappert haben - jetzt geht das Unternehmen aus dem oberpfälzischen Auerbach mehrheitlich in den Besitz des US-Investors Argand über. Die bisherigen Eigner, darunter das Cherry-Management sowie der Investor Genui, sollen an Bord bleiben. Mit frischem Geld wird nun in Forschung und Entwicklung sowie effizientere Fertigungsverfahren investiert.

Cisco braucht mehr Network Intelligence

ThousandEyes, ein Anbieter von Cloud-basierten Analysetools für Internet-, WAN- und LAN-Umgebungen, geht zu einem nicht genannten Preis an Cisco. Der Network-Intelligence-Spezialist aus San Francisco ist der Lage, die Performance von Internet- und Cloud-Verbindungen zu prüfen und Anwender darüber zu informieren, warum die Übertragungsraten sinken. Cisco will die Technologie in vorhandene Produkte einbinden, etwa in die Application-Performance-Tools von AppDynamics, seine SD-WAN-Produkte oder auch in das Videokonferenzsystem WebEx.

Cisco schlug ebenfalls bei Fluidmesh Networks zu, einer Ausgründung des MIT und der Polytechnischen Universität Mailand. Fluidmesh ist darauf spezialisiert, zuverlässige Verbindungen zwischen Sensoren herzustellen, die an sich schnell bewegenden Objekten wie Zügen, autonomen Fahrzeugen oder robotergesteuerten Fertigungsmaschinen angebracht sind. Cisco will mit der Übernahme sein Produkportfoilo im Bereich Industrial Internet of Things (IIoT) ausbauen. Die Unternehmen hatten bereits im Zusammenhang mit Ciscos "Connected Rail Solutions" zusammengearbeitet.

CompuGroup expandiert in die USA

CompuGroup Medical, Anbieter von Software für Ärzte, Apotheken und Krankenhäuser, hat sich 2020 mit zwei Zukäufen in Richtung Internationalisierung bewegt. Im Februar wurde die Übernahme der deutschen und spanischen Sparte des US-Softwarehauses Cerner mit samt einiger Krankenhaus-Informationssysteme angekündigt (225 Millionen Euro). Vor wenigen Wochen folgte dann der Kauf des US-Unternehmens eMDs (203 Millionen Euro), einem Anbieter von Arztinformations- und Abrechnungssystemen.

Deutsche Bank verschenkt Postbank Systems

Einen Euro - mehr musste der indische IT-Dienstleister Tata Consultancy Systems (TCS) für die Übernahme von Postbank Systems nicht an die Deutsche Bank bezahlen. Als interner Dienstleister hatte das mit der Postbank-Fusion zum Frankfurter Geldhaus gekommene IT-Unternehmen den Infrastrukturbetrieb sowie das Projekt- und Anwendungsmanagement für die Marke Postbank und weitere Tochtergesellschaften geleitet. 1.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wechseln nun zu TCS. Genauso günstig kamen die Inder an die irische Pramerica Technology Services mit ebenfalls 1500 Beschäftigten, einer Tochter der Großversicherung Prudential Financial.

DocuSign holt sich Seal Software

Als Spezialist für elektronische Signaturen erlebt DocuSign in der Pandemie eine Sonderkonjunktur. Mit Seal Software - Kaufpreis: 188 Millionen Dollar - wurde eine Machine-Learning-gestützte Analytics-Software zugekauft, mit der Unternehmen große Mengen an Verträgen semantisch bearbeiten und beispielsweise nach Rechtsbegriffen statt nach Keywords durchforsten können. Die Software soll tief in DocuSigns "Agreement Cloud" integriert werden.

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