Reichweite, Infrastruktur, Preis

E-Autos bleiben Nischenfahrzeuge

01.09.2015
Die Fahrer von Elektroautos können sich als Vorreiter fühlen. Nicht nur, weil sie an der Ampel fast jeden Benziner abhängen. BMW und Tesla werben mit ganz unterschiedlichen Konzepten um Käufer. Und haben doch drei gemeinsame Probleme.

Stolz sitzt der Dreikäsehoch am Steuer des BMWBMW i8. Sein Papa fotografiert durch die offene Flügeltür des Sportwagens. Plötzlich springt der Kleine heraus und stürmt auf eine Kundenberaterin zu: "Wie viel fährt der?" Im Münchner BMW-Pavillon für Elektromobilität am Lenbachplatz ist ebenso wie im Tesla-Store am Viktualienmarkt viel von Nachhaltigkeit die Rede. Aber am Schluss geht es doch meistens um ganz andere Dinge - da unterscheidet die E-Autos kaum etwas von herkömmlichen Benziner- oder Diesel-Modellen. Ansonsten aber haben die Elektro-Fahrzeuge noch deutlichen Nachholbedarf, meinen Fachleute. Top-500-Firmenprofil für BMW

Hoher Preis, geringerer Nutzen: Für die meisten Autokäufer seien E-Autos heute kein Thema, sagt Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach. "R.I.P.: Reichweite, Infrastruktur, Preis - solange das nicht gelöst ist, ruht die E-Mobilität in Frieden", so der Professor. Auch Christoph Stürmer, Autoexperte bei der Unternehmensberatung PwC, sieht E-Autos aktuell als Nischenfahrzeuge: Eher für Betuchte mit Bahn-Netzkarte, Lufthansa-Meilenkarte und anderen Autos in der Garage. Der Kundenkreis hat auch andere Fragen - etwa, ob die Golftasche auf die Kindersitze passt.

Im BMW-i-Pavillon waren schon der Prinz von Dänemark und Sternekoch Eckart Witzigmann, prominente Fußballer und Filmgrößen zu Besuch, wie Showroom-Leiter Ralf Reichert sagt. Allianz-Chef Oliver Bäte fährt nach eigenen Worten den kleinen i3 als DienstwagenDienstwagen. Alles zu Dienstwagen auf CIO.de

"Ich verkaufe auch ein Image", sagt Reichert. Mit Solaranlage auf dem Haus lasse sich der i3 klimafreundlich betanken, die Türverkleidung ist aus Pflanzenfasern, die Sitze können mit Recyclingstoff bezogen werden - oder mit Leder. Ein junger Araber im FC-Bayern-Trikot zeigt auf den i8 und hält Reichert ein Smartphone mit dem Foto des gleichen Wagens in grün vor die Nase: "Mein Auto! In den Emiraten."

Auf solche Eindrücke zielt auch Tesla: "Ein Auto ist für viele die emotionalste Sache, die man kaufen kann", sagt Tesla-Store-Manager Benedikt Bucher. Viele Interessenten, die in den Laden kommen, seien bereits gut informiert. "Die wollen sich das mal live anschauen, mal reinsitzen und fahren."

So wie Stephanie Schwindhammer aus dem Allgäu. Mit Mann und Kindern hat sie eben eine Probefahrt in einem Tesla absolviert. "Mir hat gefallen, dass er so leise war. Sehr geräumig innen." Aber: "Ich war skeptisch, ob das Auto noch sexy ist, wir sind eine gewisse Kraft gewöhnt." Der Vorführwagen von Tesla hat 700 PS. "Die Beschleunigung ist beeindruckend", lobt Schwindhammer. Aber ob sie ihn kauft? Da ist sie noch unentschlossen.

Laut Kraftfahrt-Bundesamt (PDF-Link) hat Tesla im ersten Halbjahr in Deutschland knapp 700 Autos verkauft. Der BMW i3 fand rund 1000 Käufer, der i8 etwa 250. Insgesamt machten Elektrofahrzeuge 3 Promille der Zulassungen aus.

BMW i3
BMW i3
Foto: BMW AG

Tesla-Mann Bucher sagt: "Viele Leute haben Spaß an der Beschleunigung." In drei Sekunden von 0 auf 100, das ist ein Verkaufsargument. Und außerdem auch noch "für lau laden". An den Tesla-Schnellladestationen kann der Kunde kostenlos Strom tanken. In 75 Minuten ist der Akku wieder voll.

Aber: In München gibt es keine einzige Tesla-Ladestation - in ganz Deutschland gerade mal 46. Reicht das? "Die Frage nach der Reichweite kommt natürlich immer", räumt Bucher ein. Das Spitzenmodell fährt etwa 500 Kilometer weit - unter idealen Bedingungen. Wenn der Käufer der zwischen 75.000 und 150.000 Euro teuren Autos aber Vollgas gibt, Klimaanlage oder Heizung aufdreht und auch noch Radio oder Scheibenwischer anmacht, geht schon nach der halben Strecke der Saft aus. Notfalls kann der Tesla auch an einer normalen Steckdose aufgeladen werden. Ein Mal abschleppen ist im Kaufpreis mit drin.

Täglich bis zu 1500 Besucher kämen in den BMW-Schaupavillon für Elektromobilität, auch viele Touristen, sagt Reichert. An den Ladestationen stehen zwei i3 für Probefahrten bereit. "Wer gefahren ist, ist 100 Prozent begeistert." Der Kleinwagen sei spritzig und finde überall einen Parkplatz: Ein ideales Stadtauto. Aber mit bis zu 160 Kilometer Radius sei er nicht für den Wochenendtrip zum Gardasee geschaffen. An einer normalen Steckdose lädt er über zehn Stunden. "Für manchen ist das Konzept tatsächlich nicht nutzbar", meint Reichert.

Der Wagen werde von umweltbewussten Familien gekauft, von Behörden oder als Zweitwagen. Das Basismodell kostet 34.950 Euro, mit Zusatzausstattung kommt man aber leicht auf 45.000 Euro, ein i8 ist sogar erst ab 130.000 Euro zu haben. "Wenn sie den Preis hören, schlucken manche", sagt Reichert. (dpa/tc)

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