Expertenmeinungen

Im Reality-Check: Die E-Mail stirbt aus

Alexander Freimark wechselte 2009 von der Redaktion der Computerwoche in die Freiberuflichkeit. Er schreibt für Medien und Unternehmen, sein Auftragsschwerpunkt liegt im Corporate Publishing. Dabei stehen technologische Innovationen im Fokus, aber auch der Wandel von Organisationen, Märkten und Menschen.

Der Reifeprozess

Professor Joachim Höflich Kommunikations-wissenschaftler, Uni Erfurt: "Der Glaube, dass man alle Aufgaben in kürzester Zeit über die E-Mail abwickeln kann, wird nun zurechtgestutzt."
Professor Joachim Höflich Kommunikations-wissenschaftler, Uni Erfurt: "Der Glaube, dass man alle Aufgaben in kürzester Zeit über die E-Mail abwickeln kann, wird nun zurechtgestutzt."
Foto: Universität Erfurt

Das Telefon hat diesen Schritt schon lange hinter sich - vor dem Ersten Weltkrieg wurden Nachrichten über das Telefon vorgelesen und Gottesdienste übertragen, in halb Europa gab es Theatrophone, in München bis 1930 das Operntelefon. Dann kam das Radio. Das Telefon musste sich eine andere Nische suchen, die, wie sich Jahrzehnte später herausstellte, riesig war. Neue Medien bauen auf alten Medien auf. "Wir müssen lernen, mit einem neuen Medium umzugehen - nicht im technischen, sondern in einem sozialen und kommunikativen Sinn", so der Erfurter Wissenschaftler Höflich.

Zu diesem Reifeprozess gehöre auch, dass man nicht um Mitternacht einen Bekannten anrufe, "um über Nietzsche zu diskutieren". Und bei Mails? Einige Unternehmen haben bislang halbherzige Versuche gewagt: Keine Mails nach 18:00 Uhr, keine Mails an kranke Mitarbeiter, ein Arbeitstag pro Woche ohne Mail.

Nun wird es ernst: Während der IT-Dienstleister Atos lediglich die interne Kommunikation bereinigen will, geht Bayer-CIO Hartert in seiner Wette einen kleinen Schritt weiter und weist der E-Mail 2021 in der generellen Unternehmenskommunikation nur noch eine Nebenrolle zu. Ted Schadler, Principal Analyst bei Forrester Research und Mitautor des Facebook-Ratgebers "Empowered - Die neue Macht der Kunden", hält das für übertrieben: "Die E-Mail wird in Unternehmen sicherlich nicht aussterben." Seiner Meinung nach würden die Vorteile der E-Mail alle Nachteile aufwiegen: "Sie ist allgegenwärtig, hat demnach eine große Reichweite und gewährleistet als universelle Inbox, dass eine Person erreicht werden kann."

Auch Hanns Köhler-Krüner, Research Director bei Gartner Deutschland im Bereich Content, CollaborationCollaboration & Social, würde kein Geld auf das Ende der E-Mail setzen: "Es ist derzeit nicht realistisch, dass Unternehmen sowohl die interne als auch die externe Kommunikation vollständig ohne E-Mails leisten können." Die Experten sind sich darüber hinaus einig in der Einschätzung, dass die E-Mail vor Veränderungen steht. "Das Medium wird durch andere Technologien wie Instant Messaging und soziale Netze ergänzt", prognostiziert Marktforscherin Radicati, und Forrester-Analyst Schadler sieht eine neue Bedeutung der alten Mail: "Präsenzanzeigen, die Integration von Kontakten und Chats, Social Feeds, RSS Feeds und Workflows fließen in die Inbox und nutzen ihre Allgemeingültigkeit - die Inbox erhält soziale Features und gewinnt an Wert." Alles zu Collaboration auf CIO.de

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