Indiens SAP-Chef Clas Neumann im Interview

Inside Bangalore

02.04.2007
Von Anja Tiedge

Der oberste Wissenschaftskoordinator Indiens meint, indische Gehirne würden zum Öl des 21. Jahrhunderts, deren Wert ständig steige. Stimmen Sie dem zu?

Die Ausbildung in Indien ist stark mathematisch orientiert. Kinder lernen sehr früh, mit großen Zahlen umzugehen. Mein vierjähriger Sohn muss beispielsweise schon bis 30 zählen und einfache Rechenaufgaben lösen können. Außerdem gibt es ausschließlich Ganztagsschulen, dort wird eindeutig mehr vermittelt.

Das indische Bildungssystem hat aber auch gewisse Nachteile. Der Druck auf die Schüler ist durch hohe Schulgebühren sehr groß. Die Gebühren betragen bis zu einem Drittel des Familieneinkommens, egal aus welcher Schicht jemand kommt. Somit geht vom Elternhaus ein großer Druck aus, dass die Kinder in der Schule erfolgreich sind. Aber natürlich können nicht alle zu den Besten gehören. Daher gibt es in Indien auch eine relativ hohe Selbstmordrate unter den Schulkindern, die dem Leistungsdruck nicht gewachsen sind. Zudem ist es extrem schwer, an der Universität angenommen zu werden.

Das heißt aber auch, dass die Absolventen sehr gut ausgebildet sind.

Neumann: Genau. Die Männer und Frauen, die direkt von der Universität kommen, beherrschen Informatik und mathematische Zusammenhänge sehr gut. Und sie sind äußerst jung. Das ist einerseits gut, bringt andererseits aber auch gewisse Schockfaktoren mit sich. In einem internationalen Unternehmen geht es eben anders zu als in indischen Universitäten. An der Hochschule werden die Jugendlichen geradezu darauf gedrillt, sich allein durchzusetzen. In der Uni zählt der Einzelne - bei der Software-Entwicklung das Team.

Kann man aus dem indischen Weg Lehren für das deutsche Bildungssystem ziehen?

Neumann: Ich denke, dass man in Deutschland früher anfangen muss. Als meine Tochter ihren Einschulungsbescheid von der deutschen Schulbehörde bekam, konnte sie ihn bereits selbst schriftlich in zwei Sprachen beantworten, weil sie das an einer indischen Schule gelernt hatte.

Hierzulande werden Disziplin und Lernwille der Kinder zu sehr auf die Schule abgewälzt. In Indien sind die Eltern viel stärker eingebunden. Ihre Verantwortung für den schulischen Erfolg der Kinder ist dort höher. Das wird so gefühlt und gelebt. In Deutschland gilt allzu oft das Motto "Was nichts kostet, zählt nichts". Ich halte es durchaus für richtig, dass Schule und Bildung auch etwas kosten können. Dadurch wird auch eine gewisse Ernsthaftigkeit in der Ausbildung erzeugt.

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