Mit Fehlern zum Erfolg

Mit der richtigen Strategie führen selbst Rückschläge zu Innovationen



Constantin Gonzalez arbeitet als Principal Solutions Architect bei Amazon Web Services (AWS) in München. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt er sich mit verschiedenen Technologien wie CPU- und Systemarchitektur, Storage, Betriebssystemen, High Performance Computing, Webtechnologien, Cloud Computing, Microservices-Architekturen, IoT und maschinellem Lernen.
Es ist möglich, Software in kurzer Zeit fertigzustellen, ohne bei der Qualität falsche Kompromisse einzugehen. Das erfordert jedoch einen neuen Blick auf Fehler.
Software-Entwicklung: Zu einem besseren Umgang mit Fehlern und Rückschlägen gehört auch, einige der oft als deutsche Tugenden bezeichneten Verhaltensweisen zu verändern.
Software-Entwicklung: Zu einem besseren Umgang mit Fehlern und Rückschlägen gehört auch, einige der oft als deutsche Tugenden bezeichneten Verhaltensweisen zu verändern.
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Software schnell auf den Markt bringen – aber in einem perfekten Zustand. Der alte Zielkonflikt der IT schafft in Zeiten der DigitalisierungDigitalisierung neue Herausforderungen. Schließlich hat sich der Takt, in dem neue Lösungen eingeführt werden in vielen Bereichen stark erhöht. Im internationalen Wettbewerb können es sich jedoch nur die wenigsten Unternehmen leisten, Produkte erst dann anzubieten, wenn sie sich in jedem nur denkbaren Szenario bewährt haben. Alles zu Digitalisierung auf CIO.de

Ein interessanter Ansatz, mit dem der Spagat aus Qualität und Geschwindigkeit leichter zu meistern ist, stammt vom Philosophen, Statistiker und Finanzmathematiker Nassim Taleb. Er hat den Begriff der Antifragilität geprägt und versteht darunter Lösungen, die durch Fehler nicht aus den Angeln gehoben werden können.

minimum viable products

Wie sich dieses Konzept in der Praxis umsetzen lässt, zeigt die Harting Technologiegruppe, ein Weltmarktführer im Bereich schwerer Steckverbindungen für Maschinen und Anlagen. Bereits seit 2011 spielen die die Themen Digitalisierung und Industrie 4.0Industrie 4.0 für das Unternehmen eine große strategische Rolle. Im Zuge dieser Entwicklung stellte das Unternehmen seine Softwareentwicklung auf agileagile Methoden um und arbeitet mit "minimum viable products". Bei diesen "minimal machbaren Produkten" wird der Komplexitätsgrad sukzessive gesteigert; neue Funktionen werden erst dann hinzugefügt, wenn sich diese Features in der Praxis bewährt und als einfach und vorteilhaft in der Bedienung herausgestellt haben. Alles zu Agile auf CIO.de Alles zu Industrie 4.0 auf CIO.de

Durch die Umsetzung über Microservices aus der Cloud ist es für Harting leichter, Teile der Software zu verwerfen und diese schnell von Grund auf neu zu gestalten. Die Entwickler können Fehler und Fehlentscheidungen zügig beheben, Systeme reifen schneller und nähern sich so dem Zustand der Antifragilität an. Indem Fehler als unvermeidlicher Bestandteil der Softwareentwicklung akzeptiert aber gezielt analysiert werden, gewinnt das Unternehmen an Geschwindigkeit und kann schnell und relativ preiswert auch ältere Maschinen "digitalisieren" und an die Cloud anbinden.

Dies ist nur möglich, indem die Software-Entwicklungs und -Betriebskette vom Entwickler bis zum Live-System in der Produktion zu 100% nahtlos automatisiert wird: Mit "Continuous Integration" und "Continuous Delivery" (CI/CD) durchläuft jede Zeile Software automatisch zahlreiche Tests, mit denen die Lehren aus vergangenen Fehlern gezogen werden und die verhindern, dass neue Programmteile alte Fehler wiederholen.

Erst wenn alle Tests erfolgreich durchlaufen sind, kann neue Software den Gang in die Produktion antreten und wird vollautomatisch in Betrieb genommen. Treten neue Fehler in der Produktion auf, lautet die erste Aufgabe des Test-Ingenieurs: "Schreibe einen Test, der diesen Fehler produziert!" Danach ist sichergestellt, dass nicht nur der behobene Fehler erfolgreich das Problem löst – auch zukünftige Software-Versionen können ab sofort nicht mehr den gleichen Fehler unbemerkt provozieren.

Die Fehlerkultur verbessern

Wenn Firmen wie Harting ihre Methoden und Werkzeuge für die Digitalisierung optimieren, so gehört dazu auch, aus Fehlern das Maximum zu lernen. Einer von vielen Ansätzen, der sich dabei bewährt hat, ist die 5-Why-Methode aus dem Qualitätsmanagement. Dabei wird die Warum-Frage solange gestellt, bis das eigentliche Problem identifiziert ist.

Ist beispielsweise eine Website nicht erreichbar, so lautet die erste Frage: Warum ist sie nicht erreichbar? Die ServerServer haben Timeouts gemeldet. Warum? Weil die Server überlastet waren und den Traffic nicht verkrafteten. Warum? Weil zu wenig Server existierten, um alle Anfragen zu Stoßzeiten abarbeiten. Warum? Weil bei der Planung mögliche Lastspitzen nicht berücksichtig wurden. Alles zu Server auf CIO.de

Wer sich traut, sich nicht mit der ersten Antwort auf das "Warum" zufrieden zu geben, sondern penetrant nachbohrt, kommt grundlegenden Problemen auf die Spur und kann auf dieser Basis gezielt Verbesserungen vornehmen und neue, innovative Lösungen entwickeln. So führte die Analyse der Serverausfälle zur Erfindung des Auto Scalings. Es entstand, weil viele Unternehmen immer wieder unerwartete Spitzen bei den Zugriffen auf ihre Website abfangen müssen. Sobald die Last für eine Webseite ansteigt, installiert Auto Scaling automatisch einen weiteren Webserver. Umgekehrt schaltet die Lösung nicht-benötigte Webserver ab, wenn die Last wieder abfällt.

Mehr wagen, weniger zaudern

Zu einem besseren Umgang mit Fehlern und Rückschlägen gehört auch, einige der oft als deutsche Tugenden bezeichneten Verhaltensweisen zu verändern. Die Arbeitsweise, Dinge sehr gründlich zu durchdenken und so lange weiterzuverfolgen, bis sie perfekt sind, ist eine davon. In einer sich sehr dynamisch verändernden Umgebung führt sie allerdings nicht länger zum Erfolg. Wer sich vom Wettbewerb absetzen will, muss stattdessen Entscheidungen auch dann treffen, wenn diese nur auf unvollständigen Informationen und Annahmen beruhen. Unternehmen brauchen also den Mut, auch dann zur Tat zu schreiten, wenn erst 70 Prozent der in einer idealen Welt benötigten Informationen vorliegen.

Das geht nicht, ohne jederzeit zum Kurswechsel bereit zu sein. Sich stets flexibel ausrichten zu können und dabei geringe finanzielle Verluste in Kauf zu nehmen, ist für Unternehmen langfristig jedenfalls weniger teuer, als in einer ewigen Phase der Recherche und des Nichtstuns zu verharren und sich vom Wettbewerb überholen zu lassen.

Den Umgang mit Fehlern verändern

Unternehmen, die sich – etwa im Zuge einer Digitalisierungsstrategie – neu ausrichten, müssen gleich auf mehreren Ebenen alte Denkmuster über Bord werfen und den kulturellen Wandel einleiten. Eine neue Fehlerkultur ist nur dann erfolgreich, wenn Mitarbeiter sich ermutigt fühlen, immer wieder Neues auszuprobieren – und dabei Fehler machen zu dürfen. Mitarbeiter, die fürchten müssen, dass ihre Karriere stagniert, sobald etwas misslingt, werden schlechte Entscheidungen treffen, und das Unternehmen leidet darunter.

Es liegt an den Führungskräften, eine Kultur des Experimentierens und Lernens zu etablieren und dafür zu sorgen, dass sie vom Vorstand bis zum IT-Mitarbeiter umgesetzt wird. Im Prinzip gibt es dazu keine Alternative. Denn in einer immer agileren Welt, in der sich IT-Systeme und Geschäftsmodelle im Rekordtempo verändern, müssen auch Unternehmen flexibler werden und sich eine oft verdrängte Wahrheit eingestehen: dass Fehler und Rückschläge ein zentraler Bestandteil jeder InnovationInnovation sind. Alles zu Innovation auf CIO.de

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