Softwareentwicklung im Wandel

Schätzen Sie Ihre Developer genug?

Jochen Malinowski ist bei Accenture Geschäftsführer für den Bereich New IT und Experte darin, wie sich Unternehmen "lean" und "agil" aufstellen können. Er leitet außerdem die Plattform Intelligent Engineering Services (IES) sowie das Master Technology Architect (MTA) Programm von Accenture.
Das Zeitalter, in dem industrialisierte Softwareentwicklung samt Standardisierung, Offshoring und Skalierung die Antwort auf fast alle Probleme zu sein schien, ist vorbei.
Der Job eines Softwareentwicklers ist heute vielschichtiger denn je. Lesen Sie, warum die Rolle des Developers künftig aufgewertet werden sollte.
Der Job eines Softwareentwicklers ist heute vielschichtiger denn je. Lesen Sie, warum die Rolle des Developers künftig aufgewertet werden sollte.
Foto: Gorodenkoff - shutterstock.com

Unternehmen haben IT als Treiber für neue Geschäftsmodelle erkannt und versuchen Talente zu finden und den Softwareentwicklungsprozess in kleineren, agilen und lokalen Teams umzusetzen. Doch auch hier gilt: One-Size-Fits-All ist nicht die richtige Antwort. Stattdessen gilt es bewusst das richtige Liefermodell, die richtige Lokation und das richtige Zusammenarbeitsmodell zu finden - auch im Zeitalter der Agilität.

Studien zu dem Erfolg von Softwareentwicklungsprojekten gibt es zahlreich. Meist mit den gleichen Ergebnissen: Die Mehrzahl der Entwicklungsprojekte schlägt fehlt - Kosten-, Zeit- oder Qualitätsziele werden schlicht nicht erreicht. Die Standish Group hat dies in den Jahren seit 1994 in ihren Chaos Reports immer wieder bestätigt: 83,9 Prozent der IT-Projekte sind teilweise oder vollständig fehlschlagen. Die Standish Researcher stufen nur 16,2 Prozent der Projekte als erfolgreich ein.

Nur eine übersichtliche Anzahl von Projekten wurde also pünktlich und budgetgerecht mit allen versprochenen Funktionen abgeschlossen. Der Großteil der Projekte oder 52,7 Prozent dagegen lag über den veranschlagten Kosten und/oder die versprochenen Funktionalitäten fehlten. Zudem interpretieren die amerikanischen Experten knapp ein Drittel als vollständig fehlgeschlagen.

Softwareentwicklung: Von Inhouse und Outsourcing

Schon 1968, bei der Keynote-Präsentation der ersten internationalen Softwareentwicklerkonferenz, der NATO Software Engineering Conference, wurde angemerkt: Der Grund für die Probleme der Softwareentwicklung sei, dass sie hinter anderen Industriebereichen zurückhinge. Ein wesentlicher Grund sei in der fehlenden Industrialisierung der Softwareentwicklung zu finden. Als ein Ergebnis derartiger Analysen wurde in den letzten beiden Jahrzehnten die Idee der industriellen Softwareentwicklung immer weiter vorangetrieben. Gleichzeitig sind in diesem Zeitraum Schwellenländer wie Indien und die Philippinen auf der Bühne der IT-Welt aufgetaucht.

Diese Entwicklungen haben - gemäß der Prinzipien des Taylorismus - zu Arbeitsteilung und Idee der industriellen Fertigung durch das Nutzen von globalen Unterschieden in den Arbeitskosten geführt. Hierbei wurden Projekte oft durch verteilte Teams bearbeitet: Ein kleines Team agiert in den Räumen des Kunden respektive der Fachbereiche, um dort die Anforderungen zu erheben und die technische Architektur zu entwerfen. Das deutlich größere Offshore- oder Nearshore-Team setzte die definierten Vorgaben dann um, um das Ergebnis zum Testen wieder an die lokalen Teams zurückzuspielen.

Lesetipp: Wie Softwareentwicklung nicht geht

Ohne Frage hat dieses Modell sehr gut funktioniert. Das zeigt auch die repräsentative 2020 UK IT Sourcing Study von Whitelane Research und PA Consulting, die 564 IT-Sourcing-Beziehungen und mehr als 1.150 Verträge untersuchte. 87 Prozent aller Beziehungen bewerteten die Befragten darin als zufriedenstellend. In den nächsten zwei Jahren wird für Großbritannien sogar mehr Outsourcing prognostiziert, wobei 66 Prozent der Befragten planen, mit der gleichen Rate oder mehr auszulagern. Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass Arbeitsteilung und StandardisierungStandardisierung zu Kosteneinsparungen und Effizienzgewinnen geführt hat. Denn die Kostensenkung ist mit 71 Prozent der Haupttreiber für Unternehmen auszulagern, gefolgt von Business Transformation und einer verbesserten Servicequalität. Alles zu Standardisierung auf CIO.de

Developer: Technologie ist Business-Treiber

Die Welt hat sich gewandelt: Technologie ist nicht länger nur ein einfacher Unterstützer der Geschäftsbereiche von Unternehmen, sondern – im Gegenteil - der maßgebliche Treiber. Das ist leicht nachweisbar: Die nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen der Welt wie Apple, Amazon, Facebook oder Google sind mehrheitlich Technologieunternehmen. Erfolgreiche Unternehmen nutzen Technologie, um neue Geschäftsmodelle zu entwerfen und nicht nur um Kosten zu senken. Gleichzeitig ändert sich die Art wie Software gebaut wird: hin zu Insourcing, hin zu agilen, kleinen und oftmals lokalen Full-Stack-Entwicklerteams und weg von den großen standardisierten Offshore-getriebenen Entwicklungseinheiten.

Ein Trend, der sich allmählich durchsetzt. Schon 2018 nahm der Energieriese BP diese Entwicklung auf. Das Unternehmen kündigte an, einen Großteil der IT wieder zurück ins eigene Haus zu holen. Der Grundgedanke dabei: IT soll nicht mehr nur eine Support-Funktion im Unternehmen sein, sondern im Mittelpunkt der Transformationsstrategie stehen. Für den Insourcing-Trend lassen sich aus meiner Sicht zwei zentrale Gründe herausarbeiten.

  1. Die Art der Entwicklung von Software hat sich stark verändert: Das Verständnis von Softwareentwicklung als Handwerkskunst - und eben nicht industrielle Massenfertigung - gewinnt wieder mehr und mehr Befürworter. Dabei kommt ein neuer Aspekt und eine andere Ausprägung hinzu: Plattform- und Framework-basierte Handwerkskunst. Denn die gesamte Entwicklung verlagert sich in die Cloud – und das unter Nutzung der vorhandenen Plattformen und Frameworks. Durch diese Vorgehensweisen entfällt viel von dem bisher üblichen Boiler Plate-Code, der in der Vergangenheit Stück für Stück manuell erstellt werden musste.

  2. Außerdem gewinnt das Thema Business-Agilität massiv an Bedeutung: Unternehmen haben erkannt, das Innovationen in deutlich kürzeren Zyklen zum Endkunden gelangen müssen. Dies kann nicht mit halbjährlichen Release-Zyklen, jährlichen Budgetierungsprozessen und monatelangen Regressionstests funktionieren. Agilität und gemeinsame Produkt-Teams - bestehend aus Fachabteilung und der IT - sind die neue und effektive Blaupause, um eine beständige Lieferung neuer Innovationen in kurzen Zyklen zu ermöglichen.

Wie Softwareentwicklung in Zukunft aussehen sollte

Es ist offensichtlich: Fullstack, Cloud native, lokale Softwareentwickler – sie alle werden gebraucht, um die oben beschriebenen herausfordernden Anforderungen erfüllen zu können. Doch die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ist eindeutig: Es braucht DeveloperDeveloper, aber es gibt deutlich zu wenig Coder. Das zeigt auch ein Überblick von Bitkom, dem Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, aus dem November 2019 mit der Headline "Harter Wettbewerb um die klügsten Köpfe". Schließlich haben viele Unternehmen erkannt, das Technologie mehr als nur unterstützende Funktionen erfüllt. Sie versuchen nun, eigene Entwicklerkapazitäten aufzubauen. Alles zu Developer auf CIO.de

Aber auch hier gilt: Es gibt keine einfachen Lösungen und das geänderte, neu benötigte Skill-Set kann nicht so einfach trainiert werden. Es genügt eben nicht, mal schnell agileagile und lokale Full-Stack-Developer-Teams aufzubauen. Diese sind stattdessen einzubetten in eine umfassende und grundsätzliche Neuerung: Die Art und Weise wie Software aktuell und zukünftig zu verstehen ist. Denn sie ist schlicht der Treiber für neue Geschäftsmodelle. Und das ändert auch den Blick auf das Zusammenspiel verschiedener Unternehmenseinheiten. Nur eine ganzheitliche Transformation mit einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe und der Ausnutzung der genannten IT-Möglichkeiten und –Chancen mit Organisation, Betriebsmodell, Kultur, FührungFührung und Architektur wird zum Erfolg führen. Alles zu Agile auf CIO.de Alles zu Führung auf CIO.de

Und das geht einher mit einer grundsätzlichen Änderung: So erfordert diese Transformation eine Aufwertung der Rolle des Softwareentwicklers - inklusive Kultur, Karrierepfad, Wertschätzung und Vergütung. Auch ist das zusammengehen von Fachabteilung und IT in gemeinsamen "Produktteams zwar ein oftmals richtiges Ziel, in der Realität – seien wir ehrlich - aber oft schwer umzusetzen, gerade im Hinblick auf Verantwortlichkeiten, gemeinsame Ziele und Visionen."

"Software is eating the world" – das Zitat von Netscape-Erfinder Marc Andreesen, veröffentlicht in einem Essay im Wallstreet-Journal in 2011, und mittlerweile das inoffizielle Motto der Digitalisierung - ist heutzutage richtiger denn je. Software ist überall. Viele Unternehmen haben erkannt, dass sie der Software einen höheren Stellenwert einräumen müssen. Dies erfordert jedoch eine andere Art, Software zu entwickeln. Der Leitfaden zum Erfolg ist meiner Meinung nach eine klare Vision und eine ganzheitliche Betrachtung. Und kein blindes Folgen einer bestimmten Methodik. (bw)

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