Narzissmus

Selbstverliebtheit begünstigt steile Karriere

15.09.2020
Von Daniel Rettig

Seine vierte Ehefrau, die Schriftstellerin Melanie Craft - die beiden sind seit 2010 geschieden -, las ihm einst aus einem Buch vor. In der Passage hieß es, dass gute Schriftsteller niemals verheiratet sein sollten. Sie seien viel zu besessen, egoistisch und narzisstisch. "Tatsächlich?", dachte Ellison. "So bin ich auch."

Schon seit Jahrzehnten beschäftigten sich Psychoanalytiker mit Narzissmus. Zurück geht diese Charaktereigenschaft auf die griechische Sagenfigur Narkissos. Der wurde einst von Männer und Frauen gleichermaßen begehrt, liebte aber nur sich selbst. Deshalb ließ er alle Bewunderer abblitzen, auch die Bergnymphe Echo. Die Götter bestraften Narkissos daher mit einem tückischen Fluch: Er verliebte sich in sein eigenes Spiegelbild.

Als er seine aussichtslose Lage erkannte, soll er sich einen Dolch in die Brust gestoßen haben. Anderen Quellen zufolge ertrank er, als er sich mit seinem Spiegelbild vereinen wollte. Doch seine Legende lebt weiter. Heute vielleicht mehr als je zuvor.

Ehrgeizig, hoch motiviert und machthungrig

Davon ist zum Beispiel Hans-Joachim Maaz überzeugt. Der renommierte Psychiater und Psychoanalytiker glaubt, dass die Gesellschaft in der Narzissmus-Falle steckt. Diese führe vor allem zu Gier, egal ob nach Geld oder anderen Vorteilen, schreibt Maaz in seinem aktuellen Buch "Die narzisstische Gesellschaft".

Auch die US-Professorin Jean Twenge von der San Diego State Universität glaubt, dass Narzissmus immer verbreiteter werde. Gemeinsam mit einem Kollegen schrieb sie im Jahr 2010 das Buch "The Narcissism Epidemic". Einen Beleg für diese Narzissmus-Epidemie fand sie zum Beispiel in einer Untersuchung aus dem Jahr 2008.

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