Dumpf am Bildschirm

Sind Zoom und Teams Kreativitätskiller?



Matthew lebt in Großbritannien und schreibt für unsere US-Schwesterpublikation Computerworld zu den Thema Collaboration und Enterprise IT.
Viele Menschen kommunizieren heute beruflich nahezu ausschließlich über Video-Calls. Vor allem in Innovationsprozessen sind aber persönliche Treffen sinnvoller, haben Wissenschaftler herausgefunden.
Wenn einem partout nichts mehr einfällt, kann das auch am Medium liegen!
Wenn einem partout nichts mehr einfällt, kann das auch am Medium liegen!
Foto: Studio Romantic - shutterstock.com

Eine kürzlich in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie mit dem Titel "Virtual Communication Curbs Creative Idea Generation" ergab, dass die Kreativität leidet, wenn Menschen per Video-Call zusammenarbeiten. Das liegt offenbar daran, dass sich in Videokonferenzen der Blick starr auf den Computerbildschirm heftet. Das führt zu einer Verengung des Blickwinkels, die den kognitiven Fokus einschränkt und kreative Gedanken unterdrückt, die bei einem persönlichen Gespräch entstehen, wenn der Blick auch mal durch einen realen Raum schweifen kann.

Melanie Brucks, Assistenzprofessorin für Marketing an der Columbia Business School, hat den Bericht gemeinsam mit Jonathan Levav, Professor für Marketing an der Stanford Graduate School of Business, verfasst. Sie warnt ausdrücklich davor, die Studienergebnisse als platten Vorwand dafür zu nehmen, die Menschen zurück ins Büro zu beordern und Videokonferenzen abzuschaffen. Die Studie zeige nämlich auch, dass Tools wie Zoom, Webex oder Microsoft Teams für andere Aufgaben gut geeignet seien - insbesondere für solche, die eine starke Konzentration erforderten.

Unsere US-Kollegen von der Computerworld haben mit Brucks gesprochen.

Zoom-Meetings sind nicht schlechter, aber ...

Was genau hat Ihre Studie in Bezug auf Kreativität und Ideenfindung in virtuellen und realen Meetings ergeben?

Melanie Brucks: Wir haben uns diesem Forschungsthema lange vor der COVID-Krise zugewandt, nachdem wir von Managern und Führungskräften gehört hatten, dass sie Probleme mit Innovationsprozessen hatten, wenn Remote-Teams involviert waren. Ich war ein bisschen skeptisch, da ich mir frühere Untersuchungen zu verschiedenen Kommunikationstechnologien angesehen hatte.

Es schien mir eher so, dass Zoom und andere Videokonferenz-Technologien vor allem Probleme lösen: Wir sehen die Gesichter der Menschen, wir hören, was sie sagen, und alles läuft synchron ab. Das ist anders als in der Telefonie, wo wir die Menschen nicht sehen können, oder bei E-Mails, wo keine Synchronität gegeben ist. Videokonferenzen schienen uns am ehesten die normale Unterhaltung zwischen Menschen zu simulieren.

Wir haben aber immer wieder gehört, dass es tatsächlich diese Probleme gibt. Also haben wir beschlossen zu testen: Stimmt es, dass es in Videokonferenzen schwieriger ist innovativ zu sein, als in persönlichen Gesprächen? Wir haben dazu zwei Phasen im Innovationsprozess untersucht: die Ideengenerierung und die Ideenbewertung. In der ersten Phase geht es um kreative neue Ideen, in der zweiten um die Beurteilung, welche dieser Ideen so vielversprechend sind, dass es sich lohnt in die Umsetzung zu gehen.

Was haben Sie herausgefunden?

Brucks: Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass Zoom-Meetings grundsätzlich nicht 'schlechter' als Face-to-Face-Zusammenkünfte sind. Viele Leute behaupten ja, das Starren auf einen Bildschirm könne nur die schlechteste Form der persönlichen Kommunikation hervorbringen. Das ist nicht wahr.

Wir haben aber herausgefunden, dass Zoom & Co. nicht gut für die Ideenfindung sind. Menschen, die virtuell interagieren, bringen weniger kreative Ideen hervor als Menschen, die persönlich zusammenkommen. Aber in der zweiten Phase unseres Versuchs, der Ideenbewertung, haben wir keinen signifikanten Abweichungen zwischen Video-Calls und Face-to-Face-Treffen festgestellt. Wenn es überhaupt einen Unterschied gibt, dann sind virtuelle Gruppen sogar einen Tick besser, wenn es darum geht Ideen zu bewerten. Offensichtlich ist es also so, dass bestimmte Aufgaben besser in persönlichen Treffen erledigt werden sollten. Bei anderen scheint es keine Rolle zu spielen, ob virtuell oder Face to Face.

Haben Sie herausgefunden, warum die kreative Ideenfindung im Bildschirmdialog schwieriger ist?

Brucks: Wir mussten in unseren Untersuchungen erstmal einen Schritt zurücktreten und uns fragen: Was sind denn eigentlich die Unterschiede zwischen einer Konversation unter Menschen in einem Raum und einem Dialog am Monitor. Ich hatte schon früher anhand von Forschungsarbeiten mit Kollegen beobachtet, dass Videogespräche effizienter sind. Wir sind mehr bei der Sache und halten uns eher an die Agenda. Wenn wir einander physisch begegnen, gibt es einen chaotischeren Dialog, mehr Ungereimtheiten und auch Möglichkeiten, unterschiedliche Wege zu gehen. Wir haben uns also gefragt: Warum ist das so? Und uns wurde klar, dass der Hauptunterschied immer noch in der Körperlichkeit besteht.

Wenn wir persönlich interagieren, haben wir den Raum als gemeinsame Umgebung. Die einzige Möglichkeit, diese zu verlassen, ist aufzustehen und zu gehen. Wenn ich bleibe, bin ich - egal wo ich hinschaue und was ich tue - immer noch in dieser gemeinsamen Umgebung mit der anderen Person. Bei der Videokommunikation gibt es nur den Bildschirm als gemeinsame Umgebung. Wenn die Leute ihre Hintergründe unkenntlich machen, sieht man sogar nur noch ihr Gesicht. Das ist das Einzige, was man mit dieser Person teilt. Was also geschieht mit Menschen, die ihren visuellen Fokus ganz auf den Ausschnitt eines Bildschirms beschränken?

Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass visuelle Aufmerksamkeit und kognitive Anspannung eng miteinander verknüpft sind. Wenn man sich mehr auf das Visuelle konzentriert, ist man eher kognitiv konzentriert. Man blendet den Rest der Welt aus und konzentriert sich auf den Bildschirm - und ist so bei der Ideenfindung 'fokussierter'. Es hat sich herausgestellt, dass das schlecht für die Kreativität ist. Dabei geht es hier ja gerade nicht darum fokussiert zu sein, sondern offen, empfänglich, forschend.

Virtuell sinkt die Kreativität um 20 Prozent

Konnten Sie herausfinden, wie deutlich der negative Effekt auf die Kreativität ist, wenn Videokonferenz-Systeme benutzt werden?

Brucks: Wir haben die Anzahl der kreativen Ideen gezählt und in Laborstudien festgestellt, dass der Wechsel von einem realen zu einem virtuellen Meeting die Menge der generierten kreativen Ideen im Durchschnitt um etwa 20 Prozent verringert hat.

Stützen Sie mit Ihren Forschungsergebnissen diejenigen, die ihre Mitarbeitenden - sei es in Vollzeit oder in Mischformen - zurück in die Firmenbüros beordern wollen?

Brucks: Das ist eine interessante Frage, auch deshalb, weil sich die Situation im Laufe der Pandemie verändert hat. Wir haben ja schon 2016 mit der Arbeit an diesem Projekt begonnen. Damals war die persönliche Zusammenarbeit der Normalfall und die Frage lautete, ob es bestimmte Aufgaben gibt, die auch in einem Remote-Work-Szenario erledigt werden könnten.

In der COVID-Krise lautete die Fragestellung dann: Welche Menschen sollen wir für welche Zeiträume wieder zurück in die Büros holen? Die Antwort in beiden Fällen lautet: Es geht nicht um alles oder nichts. Die Zukunft der Arbeit ist hybrid! Viele Wissensarbeiter werden künftig die Möglichkeit haben, vor Ort in einem Firmenbüro oder remote zu arbeiten. Dabei geht es nicht mehr um die Frage: 'Müssen wir anwesend sein oder aus der Ferne arbeiten?', sondern darum, welche Aufgaben wir intelligenterweise wo erledigen.

Wenn Sie beispielsweise alle Mitarbeitenden zu einem Quartals-Meeting in ein Hotel einladen, dann sollten Sie künftig nicht mehr Vorträge über das halten, was erreicht wurde. Besser wäre es, den Beschäftigten Möglichkeiten zu geben, neue Ideen einzubringen. Andererseits gibt es viele Aufgaben, die besser im Home-Office oder sonst wie remote erledigt werden. Wir konnten auch keine Unterschiede bei den sozialen Bindungen feststellen. Eine einfache Schlussfolgerung nach dem Motto: "Wir müssen alle wieder schnell zurück ins Büro", ist nicht möglich. Es ist viel differenzierter als das.

Gibt es Möglichkeiten, die Ideenfindung in einem virtuellen Umfeld zu verbessern?

Brucks: Als die COVID-Pandemie ausbrach, konnten wir erstmal keine weiteren Versuchsanordnungen machen und keine Daten sammeln. Auf der Grundlage unserer Ergebnisse - und das ist empirisch nicht untermauert, also rein spekulativ - denke ich, dass es hilfreich ist, für die Ideenfindung den Bildschirm auszuschalten. Man ist dann nicht mehr daran gebunden und kann die Umgebung kognitiv durchwandern.

Dazu eine kleine Anekdote: Letztes Jahr habe ich Studenten virtuell zum Thema Innovation unterrichtet, und als sie in ihren Gruppen die Ideen finden sollten, habe ich ihnen gesagt, sie sollen die Videofunktion vorübergehend abschalten. Sie sagten, dass es sich befreiend angefühlt habe und mehr Kreativität freigesetzt worden sei.

Aber Vorsicht: Es gibt noch viele Dinge in diesem Bereich, die getestet werden müssen. Durch die COVID-Krise wurden wir ja alle gewaltsam in das Thema Remote Work hineingestoßen, die Forschung kam nicht hinterher und muss hier noch aufholen.

Ein größerer Bildschirm hilft auch nicht

Könnten die Einführung immersiver Technologien wie Virtual und Augmented Reality (VR/AR) - vielleicht auch einfach nur größere Bildschirme - die kreative virtuelle Zusammenarbeit verbessern?

Brucks: Darüber habe ich auch nachgedacht. Die VR-Technologie ist noch jung. Bei Avataren kann man die Gesichter der Menschen nicht sehen. Tools wie Zoom sind ja vor allem deshalb so großartig, weil man sehen kann, wie die Menschen auf einen reagieren. Sobald VR in der Lage ist, eine reale räumliche Umgebung vollständig zu imitieren, dürfte der negative Effekt, den wir jetzt noch beobachten, verschwinden.

Unsere Forschungsergebnisse zeigen ja, dass die Ideenfindung am Bildschirm nicht so gut, dafür aber deren Bewertung etwas besser ist. Das kann ja durchaus bedeuten, dass wir eine via VR vollständig nachgeahmte persönliche Erfahrung gar nicht immer haben wollen. Manchmal wird es effizienter sein, Videotechnologie zu nutzen und nicht VR. Das würde ich aber gerne erst noch genauer untersuchen.

Was die Größe des Bildschirms angeht, haben wir eine virtuelle Studie umgesetzt, in deren Rahmen wir Menschen Ideen an unterschiedlich großen Screens entwickeln ließen. Wir wollten wissen: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Bildschirmgröße und der Leistung der Teilnehmer bei der Ideenfindung? Wir haben keinen signifikanten Zusammenhang festgestellt. Das könnte natürlich daran liegen, dass auch ein großer Bildschirm immer noch ein kleiner Teil unserer realen Umgebung ist. Wenn wir einen Bildschirm hätten, der eine ganze Wand einnimmt, wäre das vielleicht anders. (hv)

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