Strategien


Digitalisierungsstrategie der französischen Eisenbahn

SNCF auf dem Weg zum digitalen Mobility-Service-Provider

Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Selbst wenn die Digitalisierungsreise niemals endet, Benoit Tiers, CDO und CIO bei SNCF, hat vielen seiner Kollegen etwas voraus: Er hat schon einen guten Teil der digitalen Transformation bewältigt. Und die klassische Eisenbahn SNCF entwickelt sich zum modernen Dienstleister von Massenmobilität.
Frankreichs Eisenbahngesellschaft SNCF sieht sich als Speerspitze der Digitalisierung.
Frankreichs Eisenbahngesellschaft SNCF sieht sich als Speerspitze der Digitalisierung.
Foto: Leonid Andronov - shutterstock.com

Pünktlichkeit, wenige Zugausfälle, ein Mobilitätsassistent, der Bahnreisende automatisch über Störungen und alternative Verbindungen informiert, Drohnen für die Zugwartung, Digital Twins für die Erhöhung der Zugfolge und Zuverlässigkeit, Smartphones als Streckentester - wovon deutsche Reisende bisher nur träumen können, das ist bei der SNCF (Société Nationale des Chemins de fer Français) schon Realität.

Die digitale Reise der SNCF.
Die digitale Reise der SNCF.
Foto: SNCF

Deshalb ist man bei der französischen Eisenbahn auf eins besonders stolz: Man sieht sich als die Speerspitze der DigitalisierungDigitalisierung in Frankreich. In der Pariser Unternehmenszentrale wird dem deutschen Besucher als erstes erzählt, dass die Bahn im Jahr 2000, zeitgleich mit dem Start von Google in Frankreich, die erste kommerzielle französische Website gelauncht habe - mit voyages-sncf.com. Und bereits 2015 stellten die Franzosen die grundsätzlichen Weichen in Richtung Digitalisierung. Alles zu Digitalisierung auf CIO.de

Mit digitalen Berührungsängsten hatte Benoit Tiers also nicht zu kämpfen, als er vor zwei Jahren als CDO und CIO zu SNCF kam. Er fand eine digital-affine Unternehmensführung vor, die die Herausforderungen der digitalen Transformation mit allen ihren Konsequenzen bereits angenommen hatte und längst am Umbau des klassischen Eisenbahnunternehmens zu einem modernen Dienstleister für Massenmobilität arbeitete. Inzwischen investiert der Konzern jedes Jahr 300 Millionen Euro in die digitale Transformation.

Digitalisierung bei der SNCF

Benoit Tiers ist CDO und CIO bei SNCF und leitet die digitale Transformation.
Benoit Tiers ist CDO und CIO bei SNCF und leitet die digitale Transformation.
Foto: SNCF

Strategisches Ziel der SNCF ist es unter anderem, den Anteil des Managed Traffic - also Bahn, Flieger und öffentlicher Verkehrsmittel - am gesamten Verkehrsaufkommen zu erhöhen. "Noch", so Tiers, "wird der Großteil der Mobilität per Unmanaged Traffic bewältigt". Mit anderen Worten: 80 Prozent des Verkehrs entfällt auf die Straße.

Mit ihrem Ziel, mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen, steht die SNCF vor eine große Herausforderung: Die Schienenstrecke ist in Frankreich rund 30.000 Kilometer lang, und die Zahl der Züge, etwa 15.000, ist begrenzt. Es besteht wenig Hoffnung, dass sich an diesen Rahmenbedingungen in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Deshalb muss die SNCF dafür sorgen, dass sie ihre Züge dichter gestaffelt einsetzen kann. Zudem gilt es, Ausfälle bei Gleisen und rollendem Material zu vermeiden. Dabei soll die Digitalisierung helfen: Es gilt, Züge und Banhstrecken besser zu überwachen und gleichzeitig mehr über das Verhalten der Kunden zu erfahren.

Trotz Digitalisierung bleibt der SNCF die Tradition wichtig, wie das Restaurant Le Bleu Train im Belle-Epoque-Stil zeigt.
Trotz Digitalisierung bleibt der SNCF die Tradition wichtig, wie das Restaurant Le Bleu Train im Belle-Epoque-Stil zeigt.
Foto: EQRoy - shutterstock.com

Dabei weist der digitale Transformationsweg der SNCF eine Besonderheit auf: Während andere Unternehmen im Zuge der Digitalisierung auf disruptive Veränderungen setzen, ist man bei SNCF stolz auf den evolutionären Ansatz. Tiers formuliert das so: "Wir wollen Vergangenheit, sprich Legacy-Apps, und die Zukunft mit einander kombinieren. Physikalische und digitale Welt sollen verschmelzen."

Die digitale Transformation adressiert, basierend auf einem strategischen Gesamtziel, vier Bereiche:

  • die Kunden, darunter die Reisenden, aber auch Unternehmen, Logistiker, Spediteure etc.;

  • die eigenen Angestellten, die einerseits in ihrer Arbeit von der Digitalisierung profitieren, anderseits selbst dabei mitwirken sollen;

  • die Verbesserung der Performance des Unternehmens;

  • die Erhöhung der Betriebssicherheit des Eisenbahnbetriebs, der auf gleicher Infrastruktur immer mehr Passagiere transportieren muss.

Digital Houses als Digital-Hubs

Digitalisierung auf allen Ebenen: Sie betrifft digitale Mobilitätsassistenten genauso wie beispielsweise einen Digital Twin für das Schienennetz.
Digitalisierung auf allen Ebenen: Sie betrifft digitale Mobilitätsassistenten genauso wie beispielsweise einen Digital Twin für das Schienennetz.
Foto: NeydtStock - shutterstock.com

Um diese Aufgaben zu meistern, hat Tiers die IT und Kommunikation des Konzerns neu organisiert. Waren IT, Digital, Telekommunikation und Netze früher getrennte Bereiche, so firmieren sie jetzt als e.SNFC unter einem Dach - auch räumlich als Digital Hub am Unternehmenssitz in Saint-Denis bei Paris. Dabei ist Saint-Denis nur eines von fünf sogenannten "Digital Houses 574".

Die 574 ist eine Reminiszenz für den Lieblingszug der Franzosen, den TGV, der am 3. April 2007 die Geschwindigkeitsmarke von 574 km/h knackte. "Mit den Digital Houses wollen wir den Digitalisierungsgedanke auch in die Regionen tragen", erklärt der Digitalchef, "wobei jedes Digital House ein eigenes Spezialgebiet hat."

Hellemmes-Lille etwa ist das Zentrum für die "Factory of the Future", während das Digital House in der Region Okzitanien eine Hochburg in Sachen IoT-Know-how ist. Zudem führte Tiers in den Zentren das sogenannte 3-3-3 Prinzip ein: "Probleme oder Herausforderungen sollen maximal drei Tage diskutiert und spezifiziert, dann höchstens drei Wochen Analysiert werden. Ein Proof of Concept muss binnen drei Monaten vorliegen."

Mobile Devices für 130.000 Mitarbeiter

Im Unternehmensalltag sollen die SNCF-Mitarbeiter nach dem Motto "Digital for everyone" arbeiten, weshalb die Bahn 130.000 Beschäftigte mit einem Tablet oder Smartphone ausgestattet hat. "Jeder Mitarbeiter soll auf diese Weise in der Lage sein, seinen Job - so weit es geht - von unterwegs zu erledigen", sagt Tiers. Nützlicher Nebeneffekt: Per App sind die Mitarbeiter unabhängig von ihrem Standort in der Lage, den Kunden Fragen zu beantworten.

Gleichzeitig war die Mobilisierung die Grundlage für die unternehmensweite Einführung neuer Collaboration-Tools. Ihren Mehrwert im Arbeitsalltag haben diese Tools bereits bei der Ausrüstung der TGV-Flotte mit WLAN unter Beweis gestellt. In der Praxis erwies sich die Ausstattung als knifflig und kostete viel Zeit. Durch vernetztes Arbeiten konnten die Beteiligten ihre Erfahrungen schnell mit den Kollegen an den anderen Standorten teilen.

Wartung mit Drohnen

Sicher und schnell: Die Kontrolle der Zugdächer per Drohne.
Sicher und schnell: Die Kontrolle der Zugdächer per Drohne.
Foto: SNCF/FotoFremiot

Ein Schritt nach vorne bedeutete auch der Einsatz von Drohnen. Um die TGV-Züge an der Oberseite zu warten und die dortigen Stromabnehmer zu kontrollieren, mussten bisher Techniker auf das Dach der Züge klettern. Ein zeitaufwändiger und gefährlicher Job, denn die Mitarbeiter mussten ähnlich einem Bergsteiger oder Fassadenkletterer gesichert werden. Ein Techniker hatte dann die zündende Idee: Warum fliegen wir die Oberseite des Zugs nicht mit einer Drohne ab und filmen sie mit einer eingebauten HD-Kamera? Den Vorschlag setzte SNCF in die Praxis um.

"Erst neulich erzählte mir einer der Techniker, dass sein Job nun fast einem Videospiel gleiche", fasst Tiers die Erfahrungen zusammen. SNCF spart dank der Drohnen nicht nur Zeit und erhöht die Sicherheit der Techniker, man erreichte auch eine höhere Qualitätsstufe in der Wartung der Züge selbst. Da die Videos archiviert werden, können sie mit Machine-Learning-Algorithmen nachträglich auf Anomalien überprüft werden.

Von diesen internen Prozessverbesserungen bekommt der Reisende zunächst nicht viel mit. Sein primärer Berührungspunkt mit der Bahn ist heute die App SNCF, die seit dem Launch 2015 rund 11 Millionen Mal heruntergeladen wurde. Mit der App will die Gesellschaft zum Mobilitätsassistenten der Fahrgäste werden. Sie informiert die Kunden über Betriebsstörungen und schlägt ihnen alternative Reisemöglichkeiten vor.

Um den Kunden höchsten Komfort zu verschaffen und ihnen ein Reiseerlebnis von Tür zu Tür zu ermöglichen, sind auch Services Dritter - etwa Car-Sharing- oder Rent-a-bike-Dienste - in die App integriert. Selbst Flüge, so die Pläne des CIO, lassen sich künftig über die App buchen. Und SNCF verdient mit, über die Vermittlungsprovision ihres eigenen Reisebüros. "Unser Ziel ist es", so Tiers, "alle Mobilitätssysteme abzudecken." Intelligente Algorithmen sollen für den Fahrgast das jeweils optimale Verkehrsmittel ermitteln.

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