Detektiv Computer

Software gegen Betrug und Verbrechen

23.04.2018
Versicherungen gelten teils als langweilig. Nun wird die Branche Vorreiter bei einem Trend, der auch die Kripo brennend interessiert: der Bekämpfung von Betrügereien per Computer.

Versicherungsbetrüger aufgepasst: Immer raffiniertere Datenanalyse und künstliche Intelligenz werden eine weit verbreitete Straftat in Zukunft erschweren. Die Automatisierung der Erkennung macht rapide Fortschritte. Der Computer als Versicherungsdetektiv kann auf Betrugsmuster und Zusammenhänge hinweisen, die ein Sachbearbeiter allein früher nicht aufdecken konnte. Erste Einsatzgebiete für die Technik gibt es auch schon bei der Polizei.

Kollege Computer könnte klassische Versicherungsdetektive zukünftig noch stärker unterstützen.
Kollege Computer könnte klassische Versicherungsdetektive zukünftig noch stärker unterstützen.
Foto: Andrey_Popov - shutterstock.com

Versicherungsbetrug ist weit verbreitet - und teuer für die Ehrlichen. Fast jede zehnte Schadenmeldung ist dubios, schätzt der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). 2017 wurden nach seinen Zahlen 50,8 Milliarden Euro von Deutschlands Versicherungen an die Kunden gezahlt - mutmaßlich vier bis fünf Milliarden davon ergaunert. Ein Beispiel: Vor jeder Fußball-WM gehen auffällig viele Fernseher kaputt. Erfundene und übertriebene Schäden machen die Beiträge dann für alle Kunden teurer.

"Versicherungen sind mit zwei Arten von Betrug konfrontiert", erklärt Jens Ringel, Geschäftsführer der Versicherungsforen Leipzig. "Gelegenheitstäter und gewerbsmäßige Betrüger, die im Groben wissen, wie die Versicherungen arbeiten. Die Professionellen gehen durchaus auf die Online- und Direktversicherer und schauen, wie gut deren Betrugserkennung ist."

Automatisierung ist der große Trend in der Branche, denn menschliche Sachbearbeiter kosten Zeit und Geld. So werden bei der Allianz als Deutschlands größtem Versicherer in der Autosparte inzwischen über 80 Prozent aller Kfz-Anträge vollständig automatisiert verarbeitet, einschließlich des Versands der Policen an die Kunden. Im Schadenbereich werden vor allem Glasschäden vollautomatisiert abgewickelt, wie ein Unternehmenssprecher sagt.

Standard ist die "regelbasierte Betrugserkennung". "Ein hypothetisches Beispiel: ein männlicher Versicherter unter 30 Jahren, der seit weniger als sechs Monaten Kunde ist, ein rotes Auto fährt, der Schaden ist nach 21.00 Uhr entstanden, und kein Polizeibericht ist vorhanden", sagt Bo Soevsoe Nielsen, Direktor für Mittel- und Nordeuropa bei Shift Technology, einem auf Betrugserkennungs-Software spezialisierten französischen Start-up. Erfüllt eine Schadenmeldung derlei Kriterien, kommt sie unter die Lupe.

Shift Technology warnt die potenziellen Kunden - durchaus auch in eigenem Interesse - vor Folgeschäden der fortschreitenden Digitalisierung. "Wir gehen davon aus, dass sich mit zunehmender Verbreitung der automatisierten Schadenbearbeitung die Zahl der Betrugsfälle verdoppeln könnte, wenn die klassische regelbasierte Betrugsbekämpfung nicht ersetzt wird", sagt Nielsen.

Schwer auszutricksen

Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) ließen sich viel mehr suspekte Fälle lösen als bisher. "Unser System ist auch schwer auszutricksen", sagt Nielsen. "Wenn neue Betrugsmuster auftreten, können wir das sehr schnell erkennen."

KI ist ein häufig zu hörendes Schlagwort. Dabei werden teils zwei Dinge vermengt: selbstlernende Software und fortgeschrittene Algorithmen, die riesige Datenmengen analysieren, zueinander in Beziehung setzen, potenzielle Betrugsmuster erkennen oder auch vor Gefahren warnen können.

"Ein Schadenmitarbeiter konnte bislang nur den Schaden nach den Fakten beurteilen, die er abgeprüft hat", sagt Uwe Jungmann, Geschäftsführer bei der Unternehmensberatung Accenture und Leiter des Bereichs Versicherungen in Deutschland. "Aber er konnte nicht sagen, dass auf ein verwendetes Konto in den letzten sechs Monaten bereits fünf Mal Schaden ausgezahlt wurde."

Die Technik klärt Betrug zwar nicht auf - aber sie gibt Hinweise. "Bei Schadenfällen, bei denen die Betrugssoftware einen Verdacht mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 bis 70 Prozent signalisiert, wird eine Nachforschung durch einen Schadenspezialisten angestoßen", sagt Jungmann. Auf menschliche "Schadenspezialisten" werden die Versicherungen aber in absehbarer Zeit nicht verzichten können. "Das Entscheidende ist das Zusammenspiel von Mensch und KI."

Interessiert an der Verbrechensbekämpfung per Computer ist naturgemäß auch die Polizei. So lässt sich die von Versicherungen und Banken verwendete Software-Analyse neuer Risiken ebenso gut in der Kriminalprävention verwenden.

Im Fachjargon heißt das "predictive analytics", vorausschauende Analyse. So berechnet die bayerische Polizei in München und Mittelfranken mit Hilfe der "Precobs"-Software, mit welcher Wahrscheinlichkeit Wohnungseinbrecher wann und wo zuschlagen könnten. (dpa/ad)

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