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Auswahlverfahren

Speed-Dating der Startups beim Rhön-Klinikum

Horst Ellermann ist Herausgeber des CIO-Magazins.
Einer der größten Krankenhaus-Konzerne Deutschlands stellt sich für die Zukunft auf. Der für Startup-Innovationen zuständige Vorstand Jens-Peter Neumann erzählt, mit welcher Strategie er dazu weltweit auf der Jagd nach dem besten Know-how ist.
  • Vorstand Peter Neumann gibt Einblick, wie das Rhön-Klinikum Startups auswählt
  • 80 Ärzte und Wissenschaftler haben den Bedarf definiert
  • Von 200 Startups schafften es fünf auf die Short-List
  • Anfang 2016 gründete der Konzern eigens die Rhön-Innovations GmbH

Jens-Peter Neumann ist ein Spezialist für Speed-Datings geworden. Der glücklich verheiratete 57jährige hat sich in den letzten zehn Monaten über 200 Startups genauer angesehen und mit über 100 davon Gespräche geführt. In Tel Aviv, im Silicon Valley oder in Bad Neustadt. "Wir brauchen weltweiten Input für unsere Technologien, das Potenzial der digitalen Startups ist dafür eine riesengroße Chance und für die Zukunft unverzichtbar", sagt Neumann.

Erst seit Kurzem ein Inkubator und Investor in Startups

Die Branche der großen privaten Klinikbetreiber hat sich in Deutschland erst seit Kurzem als Inkubator und Investor in Startups hervorgetan. Aber der Zug beginnt dort immer schneller zu rollen und Neumann ist früh aufgesprungen. Wie er strategisch und über mehrere Prozess-Stufen die erste Handvoll relevanter Startups für Kooperationen und Investments unter Hunderten Kandidaten ausgewählt hat, dazu gibt er gerne Einblick.

"In zwei der Startups haben wir jetzt investiert, mit den anderen drei sind wir in sehr konkreten Verhandlungen kurz vor dem Abschluss", sagt Jens-Peter Neumann, Vorstand Finanzen und IT bei der Rhön-Klinikum AG.
"In zwei der Startups haben wir jetzt investiert, mit den anderen drei sind wir in sehr konkreten Verhandlungen kurz vor dem Abschluss", sagt Jens-Peter Neumann, Vorstand Finanzen und IT bei der Rhön-Klinikum AG.
Foto: Rhön-Klinikum AG

Jens-Peter Neumann ist hauptamtlich Vorstand der Rhön-Klinikum AGRhön-Klinikum AG in Bad Neustadt, die in Deutschland zu den Top 5 der privaten Krankenhaus-Betreiber gehört. Und dort für Finanzen zuständig. Diese Verantwortung ist an sich herausfordernd genug: Das GesundheitssystemGesundheitssystem in Deutschland ist von vielen staatlichen Regulationen abhängig, hier ist es eine Herkulesaufgabe, Krankenhäuser profitabel zu führen. Top-500-Firmenprofil für Rhön-Klinikum AG Top-Firmen der Branche Gesundheit

Rhön-Klinikum gründete eine Innovations-Tochter

Zum Unternehmen gehören unter anderem die beiden privatisiertenUniversitäts-Kliniken in Gießen und MarburgUniversitäts-Kliniken in Gießen und Marburg, in denen medizinische Exzellenz das Aushängeschild ist. Dem Konzern reicht es deshalb nicht, wenn innovative Medizintechnik-Anbieter oder IT-Dienstleister in den Krankenhäusern ihre Leistungen erbringen. Der Klinikbetrieb an sich und die Heilmethoden müssen ständig auf den neuesten Stand gebracht werden. "Technologie-Führerschaft ist dabei die Erfolgsformel", sagt Vorstand Neumann. Hier müssen zur Ergänzung der eigenen Ressourcen möglichst auch technologische Start-ups ran. Und dazu wurde Im März 2016 die Rhön-Innovations GmbH gegründet. Mit Jens-Peter Neumann als Geschäftsführer. Top-500-Firmenprofil für Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH

80 Ärzte und Wissenschaftler definierten den Bedarf

"Im ersten Schritt haben wir uns ein internationales Experten- und Partner-Netzwerk geschaffen", sagt Neumann. Also eine Vernetzung mit Spezialisten, die bei der Identifizierung und Beurteilung von Startups Erfahrung haben. Von Inkubatoren bis Venture Capital Firmen. Neumann: "Zusätzlich haben wir auf der fachlichen Seite rund 80 Ärzte und Wissenschaftler herangezogen, die unseren Bedarf definiert haben." Auf dieser Basis haben Neumann und seine Leute die bisher über 200 Startups identifiziert, die in die Anforderungsprofile von eHealth bis zu neuen innovativen Medizinprodukten passen könnten.

In Runde kamen 76 von 200 Startups

Im zweiten Schritt wurden 104 passgenauere Startups genauer unter die Lupe genommen. "Während in anderen Bereichen wie im eCommerce zunächst nur die Due Diligence eine Rolle spielt, mussten wir natürlich schauen, ob es für die Anwendungen schon klinische Studien und relevante wissenschaftliche Grundlagen gab", sagt Neumann. So konnten dann nur noch 76 Technologien im nächsten Schritt von den internen Spezialisten der Rhön-Klinikum AG sowie von Industrie-Partnern, die für die Zusammenarbeit im Krankenhaus-Betrieb unerlässlich sind, unter die Lupe genommen werden. Neumann: "Wichtig war und ist dabei auch, ob die Lösung eines potenziellen Partners aus Europa, den USA oder Israel wirklich mit dem Deutschen Gesundheitswesen und seinen Regulationen kompatibel ist."

20 Startups im Finale

Final blieben bisher 20 Startups und deren Technologien für einen eingehenden Praxis-Test in den Rhön-Kliniken übrig. Nach deren Auswertung, weiteren Verhandlungen und Due Diligence waren es bisher noch fünf Startups auf der Short-List. Darunter ein Entwickler von nicht-invasiven (also nicht in den Körper eingepflanzten) Sensoren zur Messung spezieller Herzfunktionen. Ein anderes Startup macht es durch eine Datenbank möglich, Patienten auf sie zugeschnittene Videos mit den Einnahmeempfehlungen für ihre Medikamente an die Hand zu geben - eine wichtige Funktion, denn der Behandlungserfolg wird häufig durch falsche Anwendungen der Patienten gefährdet.