Innovationen

Vergesst das nächste große Management-Ding!

09.03.2015
Von Ferdinand Knauß
Wirtschaftswoche-Redakteur

Sein Kollege Howard Yu vom International Institute for Management Development, einer privaten Manager-Schmiede in Lausanne, ist Christensen jetzt zur Hilfe gekommen. Es sei ein "systemisches Problem" der Management-Theorien, dass sie "wie Mode-Erscheinungen behandelt" würden: "Berater, Manager und Vorstände sind allzu begierig das nächste große Ding zu erlernen und versuchen dann, mit einem Konzept alles zu erklären. Wenn die Begeisterung zu groß wird, wird irgendwo irgendjemand unvermeidlicher Weise unzufrieden und versucht, Löcher in das Gedankengebäude zu bohren und das ganze Konzept als unbrauchbar zu erklären. Die Begeisterung verfliegt und die Öffentlichkeit geht über zur nächsten großen Jagd - auf der Suche nach einer anderen Idee, die wieder alles erklären kann."

Yu will den bleibenden Wert von Christensens Werk verteidigen, doch letztlich bestätigt er mit diesen Sätzen genau das, was Lepore in ihrem Artikel gelungen ist: Die Entlarvung einer Zunft, die sich zwar den äußeren Schein von Wissenschaftlichkeit gibt, doch tatsächlich nicht deren Anspruch erfüllt. Wissenschaft strebt nach Erkenntnis - nicht nach dem "next big thing" für Manager.

Yu wirft Lepore und anderen Kritikern vor, dass sie Christensens Theorie verwerfen, anstatt sie weiterzuentwickeln "wie das auf dem Feld der Medizin, der Ingenieurwissenschaften und Physik getan würde". Yu hält also die Betriebswirtschaft für eine den Naturwissenschaften vergleichbare Disziplin.

Und genau das ist der Kern des Problems, um das es in dieser Debatte geht: In den Wirtschaftswissenschaften tut man, als ob Wirtschaft ein berechenbares Naturphänomen oder eine konstruierte Maschine sei. Man ignoriert, dass Wirtschaft ein soziales und kulturelles Phänomen ist. Und dass eine Ökonomik, wenn sie erkenntnisgeleitet sein will, eine empirische Sozialwissenschaft sein muss - und keine exakte Wirtschaftsmechanistik.

Zerstörerische Innovation

Jill Lepores Verdienst ist, dass sie nicht nur Christensen, sondern der gesamten Zunft den Spiegel ihrer Vermessenheit vorhält. Sie hat beispielhaft gezeigt, wie unsinnig der Anspruch ist, ökonomische Handlungsmuster für die Zukunft liefern zu können. "Zerstörerische Innovation", schreibt Lepore, "ist kein Naturgesetz." Sie erkläre nicht den Wandel, sei "blind gegenüber der Dauerhaftigkeit" und "ein sehr schlechter Prophet."

Thesen zu verbreiten, die sich nach einiger Zeit als nicht mehr haltbar für die Gegenwart erweisen, ist für Sozialwissenschaftler keine Schande. Eine Schande ist allerdings, dass viele Ökonomen immer noch glauben, zeitlose Wahrheiten zu besitzen.

Die Zukunft bleibt derweil, was sie immer war: offen.

(Quelle: Wirtschaftswoche)

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