Finance IT


Wettlauf um Digitalisierung

Versicherungen versus Insurtechs



Stephen Voss ist Gründer und Vorstand Marketing und Vertrieb der Neodigital Versicherung AG. Er hat über 20 Jahre Erfahrung in der Versicherungswirtschaft und selbst für große Konzerne in unterschiedlichen Positionen gearbeitet. 

Alttarife und Migrationsprozesse als Herausforderung

Wenn der Kundenstamm eines Unternehmens noch Alttarife nutzt, die nie umgestellt wurden, kann es passieren, dass ein Kunde beispielsweise eine Hausrat-Police mit Bedingungen aus dem Jahr 1992 hat. Ältere Verträge können auch die VHB 84 oder sogar die VHB 74 enthalten. Diese Bedingungen konnten damals nicht digital erfasst werden.

Solche Bedingungswerke liegen in einem feuerfesten Safe im Keller des Versicherers. Zugriff ist nicht per Knopfdruck möglich, die Papierinformationen müssen in einem Migrationsprozess digital mit den Informationen aus der alten Datenbank logisch verknüpft werden. Das ist zeitintensiv und fehleranfällig.
Ob eine Migration noch sinnvoll ist oder man die Daten lieber gleich komplett neu aufsetzt, ist angesichts dessen diskussionswürdig. Es ist zudem möglich, die Kunden automatisiert auf die neueren Bedingungen umzustellen. Auch wenn das zunächst zu Lasten des Versicherers geht, kann es ökonomisch vorteilhaft sein.

Teilweise wurden auch interne Strukturen und Arbeitsabläufe an die technische Umgebung angepasst. Was zum Zeitpunkt der Systemeinrichtung nicht zu automatisieren war, aber vom Vertrieb oder Kunden gewollt wurde, wurde in einem analogen Workaround manuell ermöglicht. Das sind echte Altlasten und die notwendigen Veränderungen wollen sehr behutsam angegangen sein.
Deswegen ist die Belegschaft selbst mit den Veränderungen im IT-System aufs Engste verbunden. Sie muss sich mit den geänderten Abläufen, teil- oder vollautomatisierten Prozessen und der neuen Art und Geschwindigkeit der Kommunikation mit den Vertrieben und den Kunden vertraut machen.

Insurtechs können durchstarten

Insurtechs verstehen Digitalisierung anders als Versicherungskonzerne und können auch anders vorgehen. Für sie spielt das Thema Legacy-Systeme keine Rolle. Sie können neue Ideen direkt umsetzen und müssen sich um Integration und Eingliederung anderer Unternehmensteile keine Sorgen machen. Zum Teil, je nach Geschäftsform und Ausrichtung, haben sie ganz bewusst nicht die gesamte Wertschöpfungskette eines Versicherers im Auge. Die wenigsten besitzen eine eigene Lizenz als Risikoträger.

Insurtechs können ihre Organisation, Strukturen, Prozesse und Kommunikationswege auf dem neuesten Stand der Technik ohne Altlasten errichten. Auch der Weg über die komplette Eigenentwicklung steht ihnen offen. Generell gilt aber: Wer Digitalisierung zu Ende denken will, sollte frei von Restriktionen sein.

Mammutaufgabe für CDOs und CIOs

Das sollte jedoch nicht als Kritik an den etablierten Playern verstanden werden. Denn die Probleme eines Chief Digital Officers in einem Versicherungskonzern sind einfach andere. Er muss sowohl Unternehmensstrategie als auch Politik in Einklang mit den digitalen Zielen bringen. Mit diesen Bereichen muss sich ein neu gegründetes Unternehmen nicht auseinandersetzen.

Ein Insurtech muss auch keine Rücksicht auf Bestandskunden nehmen. Das ist aber eines der Kernprobleme, mit denen ein etablierter Versicherer zu kämpfen hat: "Ballast", zu dem nicht nur Bestandssysteme zählen, sondern auch "alte" Bestandskunden. Genau die Bestandskunden, die einem etablierten Versicherer die Mittel zur Verfügung stellen, die künftig in die Digitalisierungsprojekte investiert werden können.

Fazit

Das Rennen zwischen den beiden Gruppen, wenn es denn überhaupt ein solches gibt, ist offen. Noch ist unklar, wer den Kunden auf Dauer durch modernisierte Angebote halten kann oder ihn durch gänzlich neue Ansätze für sich gewinnen wird. Und so verschieden die Ansätze sind: Es steht "alten" und "neuen" Unternehmen immer noch der Weg zur Kooperation offen, um sie zu vereinen.

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