600-Millionen-Euro-Investition

Was Siemens mit der Low-Code-Plattform Mendix vorhat

Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Siemens kündigte Anfang August 2018 die Übernahme von Mendix an, dem Anbieter einer der führenden Low-Code-Entwicklungsplattformen. Eines der Ziele: Kunden sollen schneller IoT-Anwendungen auf der MindSphere-Plattform entwickeln können.

Mit Mendix gliedern die Münchner eine der führenden Low-Code-Cloud-Plattformen in ihre Division "Digital Factory" ein. Wie Vorstand Klaus Helmrich in einer Mitteilung sagte, soll der 600 Millionen Euro teure Zukauf dazu beitragen, dass Industriekunden auf der MindSphere-Plattform die Cloud-basierte Entwicklung von Apps für das Internet der Dinge (IoT) beschleunigen können. Gestärkt werde so eine der Säulen der neuen Siemens-Strategie, das Digital Enterprise, das im Konzern für ein Umsatzvolumen von jährlich über elf Milliarden Euro steht.

Siemens-Vorstand Klaus Helmrich sieht den Konzernbereich Digital Enterprise durch den Zukauf einer Low-Code-Plattform gestärkt.
Siemens-Vorstand Klaus Helmrich sieht den Konzernbereich Digital Enterprise durch den Zukauf einer Low-Code-Plattform gestärkt.
Foto: Foto Vogt

Tatsächlich ist Mendix in der aufblühenden Low-Code-Entwicklungsszene eine der ersten Adressen. Die Analysten von Gartner führen das Unternehmen zusammen mit Salesforce, ServiceNow und OutSystems im "Magic Quadrant" unter den führenden Anbietern. Auch bei den Marktforschern von Forrester Research spielt Mendix in der obersten Liga der Low-Code-Plattformen. Nur OutSystems und Appian agieren demnach auf Augenhöhe.

Cloud Foundry als Basis

Die Entscheidung, seine Plattform auf der Open-Source-PaaS-Plattform Cloud Foundry aufzusetzen, hat Mendix laut Forrester in die vorderste Reihe der Anbieter geführt. Sie sei auch ausschlaggebend dafür gewesen, dass SAPSAP in seiner Eigenschaft als Cloud-Foundry-Distributor die Mendix-Plattform als weltweite Low-Code-Lösung einsetze. In den Geschäftsergebnissen von Mendix schlage sich diese Partnerschaft bereits positiv nieder. Alles zu SAP auf CIO.de

Ende Januar entschied sich auch IBM für ein Abkommen mit Mendix und ist nun Reseller der Plattform. Entwickler, die im Umfeld der IBM-Cloud schnell Apps entwickeln und dabei die KI-, Analytics-, Blockchain- und eben auch IoT-Angebote von Big Blue nutzen wollen, können mit den Rapid-Application-Development-Tools von Mendix arbeiten.

Entwicklungsfunktionen für KI und Machine Learning

Der Low-Code-Spezialist hat laut Forrester einige Stärken: "Die User Experience (UX) und die Content-/Collaboration- Services-Tools der Plattform, der Support und die Administrationstools für Entwicklungsteams sowie die Cloud-Service- und Developer-Community sind herausragend." Mendix biete "führende KI- und Machine-Learning-Entwicklungsfunktionen", außerdem ein spezielles Tool, mit dem Entwickler in App-Delivery-Projekte einbezogen werden können. Schwächen zeige der Anbieter hingegen bei den Cloud-Sicherheitszertifizierungen, dem Partnernetzwerk sowie einigen Reporting- und Prozessfunktionen.

Gartner führt Mendix in seinem Quadranten sogar als den visionärsten aller Low-Code-Provider. Betont wird auch hier die Unterstützung von Cloud Foundry sowie die von Container-Architekturen (Docker und Kubernetes). Die Plattform sei für Hybrid-Cloud- ebenso wie für Public-Cloud-SzenarienPublic-Cloud-Szenarien (IBM, SAP und AWS) geeignet. Die Kombination des "Mendix Web Modeler" und des "Atlas UI-Framework" böten sowohl professionellen Entwicklern als auch den weniger versierten Citizen Developern eine modellgestützte visuelle Entwicklungsumgebung. Die Low-Code-Tools unterstützen demnach ausgefeilte Daten-, Event- und Prozess-orientierte Anwendungen. Alles zu Cloud Computing auf CIO.de

Die Mendix Low Code Platform
Die Mendix Low Code Platform
Foto: Mendix

Für IoT und Edge Computing sei Mendix besonders geeignet, da das Unternehmen mit der Mendix-Version 7.12 die sogenannte Nanoflow-Technik eingeführt habe. Diese soll durch die visuelle Modellierung von Anwendungslogik das Entwickeln solcher Apps ermöglichen, die nur auf einem Mobilgerät oder in einem Webbrowser laufen und keinen Internet-Zugriff brauchen. So sollen Apps entstehen, die auch im Offline-Modus dynamisch und reaktionsfreudig sind.

Siemens weitet Softwarestrategie aus

Die Analysten von Forrester Research betonen indes, dassSiemensSiemens mit diesem Kauf seine Softwarestrategie auch auf Gebiete außerhalb industrieller Anwendungen ausdehne. Mendix werde bei Siemens die Grundlage für ein wachsendes Portfolio an SaaS-Lösungen für Industrieunternehmen. Langfristig strebten die Münchner eine ganze Suite an Softwarelösungen auf der Basis von Mendix und Mindsphere an. Das Ziel sei ein neuer Typ von Anwendungen für die Steuerung physischer Welten, der künstliche Intelligenz mit Echtzeitdaten und -Events kombiniere. Top-500-Firmenprofil für Siemens AG

Diese Vision hätten zwar viele Anbieter, aber nur wenige verfügten über die notwendigen Ressourcen. Auch Mendix und Siemens stünden vor großen Aufgaben, wenn es um technische Integration und Marktausweitung gehe. Zwar seien die Münchner in der IoT-Anwendungsentwicklung bekannt, aber im Bereich der Business-Software spielten sie keine Rolle.

Wichtig für alle Beteiligten ist demnach, dass Mendix auch unter dem Dach von Siemens unabhängig bleibt und seine Partnerschaften mit IBM und SAP aufrechterhält. Es sei ein gutes Zeichen, dass Mendix weiter vom bisherigen Management-Team geführt werden solle. Siemens habe mit der Übernahme des CAD-Spezialisten Mentor Graphics bereits gezeigt, dass es die Markenidentität und Unabhängigkeit eines zugekauften Unternehmens erhalten könne.

Gegründet in Rotterdam, groß geworden in Boston

Die Münchner wollen die Transaktion im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2019 abgeschlossen haben. Mendix wurde 2005 im niederländischen Rotterdam gegründet und hat seinen Hauptsitz in Boston, Massachusetts. Das Unternehmen hat mehr als 400 Angestellte und sein Software-as-a-Service-Geschäftsmodell trägt zu mehr als 90 Prozent des wiederkehrenden Umsatzes bei.

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