"Urlaub unlimited"

Was wirklich hinter der Großzügigkeit der US-Firmen steckt

24.09.2015
Der US-Arbeitsmarkt boomt und gutes Personal ist anspruchsvoll. Immer mehr Firmen experimentieren mit flexiblen Arbeitszeiten, Elternzeit und unbegrenztem Urlaub bei vollem Lohnausgleich. Die auf den ersten Blick generösen Angebote haben jedoch ihre Tücken.

Unbegrenzter Urlaub bei General Electric, Netflix oder Best Buy: Eigentlich sind die US-Unternehmen nicht für Großzügigkeit gegenüber Arbeitnehmern berühmt, doch immer mehr zeigen sich von der gönnerhaften Seite. Das Kalkül ist nicht uneigennützig - in den USA herrscht Vollbeschäftigung und beim Buhlen um talentierte Mitarbeiter müssen Firmen Anreize setzen. Aber sind solche Regeln überhaupt im Sinne der Angestellten? Nicht unbedingt, sagen Experten.

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Urlaub, unbegrenzt und bezahlt. Einige, vor allem kleinere US-Unternehmen und insbesondere die aus der Tech-Branche wie der Onlinespiele-Macher Zynga oder das Schnäppchenportal Groupon, bieten das schon länger an. Mit dem Videodienst Netflix gibt es auch ein prominentes Beispiel. Inzwischen lässt sogar einer der größten Arbeitgeber in den USA, der Industrieriese General Electric (GE), seinen Angestellten die Wahl, wie oft sie sich frei nehmen wollen.

Nach den neuen Regeln soll es keine formale Begrenzung der bezahlten Fehltage mehr geben - egal, ob sie für Urlaub verwendet werden oder für Krankheitsausfälle, die in den USA häufig auch zulasten des Urlaubskontos gehen. Das betrifft bei GE allerdings nur Führungskräfte und höherrangige Mitarbeiter, insgesamt sollen etwa 30.000 Angestellte in den USA davon profitieren. GE beschäftigt weltweit gut 300.000 Arbeitskräfte.

Bei GE kann nur ein Zehntel der Belegschaft 'beliebig' freinehmen.
Bei GE kann nur ein Zehntel der Belegschaft 'beliebig' freinehmen.
Foto: General Electric

Der Schritt soll Teil eines breiteren Kulturwandels im Konzern sein. GE habe erkannt, dass es der erfolgsversprechendere Ansatz sei, wenn die Mitarbeiter mehr Vertrauen genießen, so eine Personalchefin gegenüber CNN. Das klingt erstmal sehr fair, zumal US-Unternehmen keinen gesetzlichen Mindesturlaub geben müssen und häufig mit freien Tagen knausern. Einer Analyse der Initiative "Project Time Off" zufolge machen die US-Angestellten im Schnitt nur 16 Tage im Jahr frei. Das liegt aber nicht nur an den Unternehmen.

Viele Firmen haben sogar Probleme, weil Mitarbeiter Urlaub vor sich herschieben. Wer zum Jahresende noch Urlaubskonten hat, die nicht leer sind, muss Rückstellungen bilden und gerät buchhalterisch unter Stress - dieses Phänomen kennen auch deutsche Arbeitgeber gut. Einer Umfrage auf dem Job- und Karriereportal Glassdoor von 2014 zufolge nutzen US-Angestellte im Schnitt nur gut die Hälfte ihrer Urlaubstage. 61 Prozent gaben an, im Urlaub zu arbeiten.

Richard Bransons Untergebene sollten sich ganz sicher sein, bevor wirklich Urlaub nehmen.
Richard Bransons Untergebene sollten sich ganz sicher sein, bevor wirklich Urlaub nehmen.
Foto: virgin

Firmen, die sich bei freien Tagen gönnerhaft hervortun, dürften diese Zahlen gut kennen. Und natürlich kommt das Angebot nie ohne Haken. Als der Luftfahrtunternehmer und Milliardär Richard Branson im letzten Jahr den unbegrenzten Urlaub bei seiner Virgin Group erklärte, machte er unmissverständlich klar, unter welchen Auflagen das geschieht: "Es ist den Angestellten überlassen [..], aber sie dürfen es nur tun, wenn sie sich zu 100 Prozent sicher fühlen, dass es dem Geschäft nicht schadet - oder ihren Karrieren."

Genau hier sehen Forscher das Problem mit dem Angebot, unbegrenzt freizunehmen. Angestellte gönnen sich dann mitunter noch weniger Urlaub, um einen guten Eindruck zu machen. Das Finanzmagazin "Bloomberg Businessweek" fand schon 2012 ein gutes Beispiel. Der App-Entwickler Evernote aus dem Silicon Valley wollte mit großzügigem Urlaub Tech-Talente anlocken. Dann wollte keiner mehr freinehmen und die Firma begann, Wochentrips mit 1000 Dollar zu sponsern.

Gerade in Branchen, wo der Konkurrenzdruck hoch ist, müssen die Mitarbeiter manchmal eher gebremst werden. Die US-Investmentbank Goldman Sachs verbot ihren Sommerpraktikanten dieses Jahr, mehr als 17 Stunden pro Tag zu arbeiten. US-Forscher sprechen in diesem Zusammenhang vom "Arbeits-Märtyrer-Syndrom", das zu Überstunden, Überarbeitung und letztlich zum Burnout führen kann.

Bislang experimentiert nach Schätzungen der "Society for Human Resource Management" ohnehin nur ein verschwindend geringer Teil der US-Firmen mit unbegrenztem Urlaub. Und niemand sollte sich etwas vormachen: der Kündigungsschutz ist in den USA häufig nicht sehr ausgeprägt, die Kultur des Arbeitsmarkts wird nicht umsonst als "Hire and Fire" bezeichnet. Wer es mit seiner Freizeit überstrapaziert, kann möglicherweise gleich endlos im Urlaub bleiben - aber unbezahlt. (dpa/tc)

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