Drei-Klassen-Gesellschaft im Handel

Weihnachten spaltet den Einzelhandel

05.12.2017
Die Einkaufsstraßen in den Innenstädten glänzen. Die meisten Einzelhändler erwarten in diesem Jahr gute Geschäfte. Doch viele kleinere Händler blicken pessimistisch in die Zukunft. Vor allem ein Problem macht ihnen zu schaffen.
Nicht alle Händler werden vom Weihnachtsgeschäft profitieren.
Nicht alle Händler werden vom Weihnachtsgeschäft profitieren.
Foto: Ekaterina Pokrovsky - shutterstock.com

Kurz vor dem Weihnachtsfest ist die Konsumlaune in Deutschland fantastisch. Der Einzelhandel rechnet in diesem Jahr zum Fest der Liebe mit rekordverdächtigen Umsätzen von rund 94,5 Milliarden Euro. Doch die Wahrheit ist auch: Längst nicht alle Händler werden vom Einkaufstrubel profitieren. Weihnachten spaltet den Einzelhandel. Und zu den Verlieren dürften überdurchschnittlich viele kleine Händler gehören.

"Die Schere zwischen Groß und Klein öffnet sich immer weiter", klagte erst kürzlich der Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Josef Sanktjohanser. Während in der Branche insgesamt Optimismus vorherrscht, rechnete in der jüngsten Branchenumfrage des Verbandes nicht einmal jeder vierte der befragten kleineren Händler - mit weniger als fünf Beschäftigen - für das zweite Halbjahr mit einem Umsatzplus.

Drei-Klassen-Gesellschaft

Längst hat sich im HandelHandel so etwas wie eine Drei-Klassen-Gesellschaft herausgebildet: Es gibt die großen Online-Player wie AmazonAmazon und ZalandoZalando, die dank des Online-Booms nach wie vor mit hohen Wachstumsraten glänzen. Es gibt die großen Einzelhändler wie H&MH&M oder Media Markt, die unter großen Kosten inzwischen auch auf den E-Commerce-Zug aufgesprungen sind und Online-Shop und klassische Läden zu einem kanalübergreifenden Angebot verbinden. Und es gibt die vielen kleinen Händler, die dabei nicht mithalten können. Top-500-Firmenprofil für H&M Top-500-Firmenprofil für Zalando Alles zu Amazon auf CIO.de Top-Firmen der Branche Handel

Im Weihnachtsgeschäft wird dies besonders sichtbar. Denn Weihnachten ist wie gemacht für den Online-Handel. Nach einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) werden auch in diesem Jahr neben Gutscheinen vor allem Spielwaren, Bekleidung und Bücher unterm Weihnachtsbaum liegen. Und das sind ausnahmslos Produkte, die ohnehin überdurchschnittlich oft im Netz gekauft werden. Kein Wunder also, dass der Online-Handel gut ein Viertel seiner Jahresumsätze im November und Dezember macht. Zum Vergleich: Beim stationären Handel entfallen auf diese Monate weniger als ein Fünftel des Gesamtgeschäfts.

Online-Händler wachsen auf Kosten stationärer Händler

Und die Rolle, die der Internethandel im Weihnachtsgeschäft spielt, wird von Jahr zu Jahr größer. Dieses Jahr dürfte da keine Ausnahme sein. Erwartet der Handel insgesamt im Weihnachtsgeschäft ein Plus von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr, so dürften die Online-Umsätze nach einer aktuellen HDE-Prognose um satte 10 Prozent zulegen. Auch in diesem Jahr werden die "klassischen" Händler in den Einkaufsstraßen also weitere Marktanteile an die Online-Konkurrenz verlieren.

Das Online-Angebot werde dank schnellerer Lieferungen und weiter wachsender Auswahl immer attraktiver, erklärt der Handelsexperte Thomas Täuber von der Unternehmensberatung Accenture den Trend. Deshalb werde es am Ende auch in diesem Weihnachtsgeschäft viele enttäuschte Gesichter bei stationären Händlern geben.

Zwar kaufen die Bundesbürger nach einer repräsentativen Umfrage der Unternehmensberatung EY ihre Weihnachtsgeschenke grundsätzlich nach wie vor lieber im Laden als im Internet. Und sie schätzen auch die Atmosphäre der Weihnachtsmärkte. Doch hindert sie das offensichtlich nicht daran, sich immer öfter den stressigen Besuch in überfüllten Innenstädten zu ersparen und im Internet zu shoppen. Mehr als die Hälfte der Verbraucher wollen laut GfK in diesem Jahr mindestens ein Geschenk im Internet erwerben. Generell wachse die Bereitschaft Präsente online zu ordern, beobachten die Marktforscher.

Während kleinere Händler um ihre Umsätze bangen, treibt die Online-Händler inzwischen eine ganz andere Sorge um. Angesichts der Meldungen von Post, Hermes und Co über die vom Online-Boom befeuerten Rekorde im Paketaufkommen befürchtet nach einer Branchenumfrage des Händlerbundes in diesem Jahr jeder zweite Online-Händler größere Probleme, die Geschenklieferungen rechtzeitig zum Kunden zu bringen, als in der Vergangenheit. (dpa/rs)

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Branche: Handel

Thema: Amazon

Top500-Firmenprofile: H&M und Zalando

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Knut Reuter

Für jedes Produkt gibt es im Markt nur e i n e n Bedarf in unterschiedlichen Ausprägungen. Diesen teilen sich in dem geschilderten System 3 Klassen. Die Einkäufer der Händler jeder Klasse bestimmen was am Markt angeboten wird und rationalisieren ihre Arbeit durch die Einschränkung des Sortiments. Würde der Vertrieb nur über ein großes Unternehmen erfolgen, wäre auch nur ein Einkäufer verantwortlich und würde durch seine Konzentration den Bedarf auf ein Produkt konzentrieren. Er wird unterstützt von seinem Lieferanten, der die Produktion dieses einen Produktes automatisiert.
Finden andere Lieferanten bessere Ausprägungen des Produktes,erhalten sie nur schwer eine Chance mit dem einen Einkäufer in Geschäfts zu kommen:
Nach dem Krieg war es möglich die Neuentwicklung an einen stationären Händler in der Umgebung der Produktion zu verkaufen, den Vertrieb entsprechend des Umsatzes auf andere Verkaufsgebiete auszudehnen und das Geschäft sukkzesive aufzubauen. Dadurch hatten viele kleine Unternehmen die Möglichkeit ihre Ideen auf den Markt zu bringen. Die Folge war das Wirtschaftswunder.
Will heute ein Unternehmer z.B. ein billiges Spiel auf den Markt bringen, steht er durch die Konzentration des Einkaufs in Konzernen sowie Einkaufsgesellschaften e i n e m Einkäufer gegenüber und muß sich verpflichten, eine große Menge des Spiels gleich am Anfang der Verbindung, modern verpackt zu liefern. Schon die 4 Farben Verpackung verlangt dann einen Kapitaleinsatz, den der Neuling nicht in der Lage ist aufzubringen. Er muß auf den Auftrag verzichten. Mehrfach habe ich in meinem Berufsleben (ca 50 Jahre) erfolglos über Factoring und andere Finanz - Ideen die Finanzierung von Großaufträge zu sichern.
Die stationären kleinen Händler haben eine Chance am Markt, wenn sie direkt mit den Produzenten in Verbindung treten und die Vielfalt der Ausprägungen der Produkte wieder aufleben lassen und durchsetzen. Der Trend immer nur das billigste Produkt bei wenigen Großunternehmen zu kaufen, würde dann durch Vielfalt, Qualität und Schönheit gebrochen werden.

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