Gartner Magic Quadrant Robotic Process Automation

Wenige Anbieter dominieren den jungen RPA-Markt



Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Robotic Process Automation gilt als neue Wunderwaffe um im Zeitalter der Digitalisierung schnelle Erfolge zu erzielen. In seinen ersten Magic Quadrant RPA gibt Gartner einen Marktüberblick und zeigt, wo die Vorteile und Herausforderungen liegen.

Laut Gartner ist der RPA-Markt im vergangenen Jahr um 63 Prozent gewachsen und stellt damit die am schnellsten wachsende Kategorie im Bereich Enterprise Software dar. Zwar fällt das Marktvolumen mit rund 846 Millionen Dollar noch relativ klein aus im Vergleich zu anderen Software-Kategorien. Angesichts von Prognosen, dass der Markt wegen der starken Nachfrage von Unternehmen bis 2024 auf 2,4 Milliarden Dollar anwachsen soll, ist es aber höchste Zeit für die Analysten, mit dem "Magic Quadrant for Robotic Process Automation Software" eine Duftmarke zu setzen.

Robotic Process Automation gilt als neue Wunderwaffe, um im Zeitalter der Digitalisierung schnelle Erfolge zu erzielen.
Robotic Process Automation gilt als neue Wunderwaffe, um im Zeitalter der Digitalisierung schnelle Erfolge zu erzielen.
Foto: Olivier Le Moal - shutterstock.com

RPA demokratisiert die Prozessautomatisierung

Das Bemerkenswerte an RPA ist laut Gartner, dass die Technologie den traditionellen IT-Einkäufer effektiv übergangen hat und mit ihrem Fokus auf Ressourceneinsparung, schneller Effizienz und einfachem Zugang zu den Scripting-Umgebungen direkt die Anwender aus den Fachbereichen anspricht. "Im Laufe der Jahre haben Unternehmen für einen teuren Flickenteppich von Anwendungen und Systemen bezahlt", schreibt das Analysten-Team.

Angesichts der aktuellen Entwicklung falle es Führungskräften immer schwerer zu verstehen, warum sie auf die Integration ihrer bestehenden Technologielösungen durch die IT warten müssen. Es bestehe ein enormer Nachholbedarf bei der Demokratisierung der Prozessautomatisierung und Datenintegration, weshalb Führungskräfte nun Schlange stünden, um neue RPA-Initiativen direkt in ihren Prozessen zu unterstützen.

Dabei ist Robotic Process Automation alles andere als ein Hexenwerk: Ausgehend von der mehrere Jahrzehnte alten Screen-Scraping-Methode haben RPA-Anbieter in den letzten Jahren Technologie (und Marketing) ausgebaut und helfen Organisationen mit ihren Lösungen dabei, Daten in oder aus Drittanwendungen zu bewegen - vor allem wenn es keine APIs gibt. Dabei wird in erster Linie zwischen Unattended und Attended Bots unterschieden:

  • Unattended Bots übernehmen selbständig und (fast) ohne Interaktion mit ihren menschlichen Kollegen deren monotone repetitive Arbeit, damit diese im Anschluss - idealerweise - mehr Zeit für anspruchsvolle Tätigkeiten zum Beispiel im Kundenservice haben.

  • Attended Bots wiederum sitzen auf den Desktops der Mitarbeiter und extrahieren im Hintergrund Informationen von Systemen oder verwandten Dokumenten und bereiten sie für die Nutzung durch den menschlichen Kollegen auf. Auf diese Weise kann sich ein Mitarbeiter - beispielsweise in einem Call-Center - besser auf das Gespräch mit einem Kunden konzentrieren. Gleichzeitig lässt sich so die Wartezeit für Buchungen oder Recherchen in verschiedenen Systemen deutlich reduzieren.

Fehleinschätzungen und Herausforderungen

Dank dieser Ausrichtung bieten sich mit RPA viele Möglichkeiten für Unternehmen, die mit einem Flickenteppich aus bestehenden Systemen zu kämpfen haben. Allerdings, so warnt Gartner, gebe es natürlich auch verschiedene Herausforderungen und Fehleinschätzungen, die Unternehmen überwinden müssten, um den RPA-Schatz zu heben. So müssten sie etwa erkennen, dass

  • es sich bei RPA um Integrationsfunktionen und nicht um "RoboterRoboter" oder "digitale/intelligente Arbeitskräfte" handelt, Alles zu Roboter auf CIO.de

  • es nicht so einfach ist, lange existierende Prozesse mit RPA zu automatisieren,

  • RPA-Tools nur ein Element aus der Integrations- und Automatisierungs- Werkzeugkiste sind, und

  • man sich mit RPA-Automatisierung informationstechnisch eher weiter verschuldet, als seine Altlasten beseitigt.

Die nächste Herausforderung besteht für Unternehmen laut Gartner darin, bei neuen RPA-Themen wie Künstlicher Intelligenz (KI), Machine Learning (ML) und so genannten kognitiven Fähigkeiten zwischen Realität und Hype zu unterscheiden. Der wesentliche Bereich, in dem Machine Learning RPA einen großen Schritt nach vorne ermöglicht habe, sei nämlich eine Form von Computer Vision, die beispielsweise zum Erkennen einer Eingabe-Schaltfläche auf einem Bildschirm verwendet wird. Daneben ermöglichte ML Durchbrüche in mehreren, verwandten Bereichen, die aber nicht direkt mit dem Kern von RPA verbunden seien. Dazu zählen laut Gartner etwa

  • OCR zur Texterkennung und intelligente Zeichenerkennung (ICR) zur Interpretation der Handschrift,

  • eine erweiterte Inhaltsanalyse, die maschinelles Lernen nutzt, um die Position von Feldern auf Dokumenten wie Kundenrechnungen zu identifizieren,

  • Natural Language Processing (NLP) und Natural Language Generation (NLG), die bei der Integration von Chatbots und Virtual Personal Assistants (VPAs) helfen können, sowie

  • die automatisierte Erkennung von Geschäftsprozessen und Aufgaben: Sie kann Unternehmen dabei unterstützen, Prozess- und Aufgabenmuster zu identifizieren, die sich durch RPA automatisieren lassen.

Je nach ihrem Fokus und ihrer Herkunft haben einige RPA-Anbieter dabei ihre eigenen Machine-Learning-Ansätze entwickelt, die oft auf Open-Source-Bibliotheken basieren. Andere nutzen Fähigkeiten von großen Anbietern wie AmazonAmazon, GoogleGoogle, IBMIBM oder MicrosoftMicrosoft. Trotz der Behauptungen einiger RPA-Anbieter gibt es laut Gartner jedoch nur begrenzte Möglichkeiten, ML im Kern von RPA selbst zu nutzen. Alles zu Amazon auf CIO.de Alles zu Google auf CIO.de Alles zu IBM auf CIO.de Alles zu Microsoft auf CIO.de

Verschiedene Begrifflichkeiten erschweren den Marktüberblick

Der Markt für RPA-Tools besteht aus einer Vielzahl von Anbietern, die jeweils unterschiedliche Historien und Ansätze haben. Dies führt zu Verwirrung im Markt - vor allem in den Einkaufsabteilungen -, da jeder Anbieter seine Version mit eigenen Begriffen beschreibt, um sich von der Masse abzusetzen.

Um dort etwas Ordnung zu schaffen, bewerteten die Analysten die verschiedenen RPA-Hersteller nach ihrer Fähigkeit zur Umsetzung ihrer Strategie (Bewertung des Produkts, der allgemeinen Rentabilität, Preisgestaltung, Fähigkeit auf Marktanforderungen zu reagieren, Kundenzufriedenheit etc.) und der Vollständigkeit ihrer Vision (Bewertung von Marktverständnis und -strategie, Vertriebsstrategie, Produktstrategie, Geschäftsmodell, Vertikal-/Industriestrategie, Innovation und geografische Strategie etc.).

Im Magic Quadrant RPA 2019 von Gartner stehen sich drei dominante Anführer und viele Nischenanbieter gegenüber.
Im Magic Quadrant RPA 2019 von Gartner stehen sich drei dominante Anführer und viele Nischenanbieter gegenüber.
Foto: Gartner

Im Leaders-Quadranten die üblichen Verdächtigen…

Mit UiPath, Blue Prism und Automation Anywhere konnten sich wenig überraschend die drei dominanten RPA-Anbieter in Gartners Leaders-Quadranten platzieren. So lobten die Analysten bei dem aus Rumänien stammenden, aber mittlerweile in New York ansässigen Anbieter UiPath dessen starkes Partner-Ökosystem, die aktive Investorenunterstützung, den fokussierten Markenaufbau und die treue Kundenbasis. Die RPA-Plattform sei sehr intuitiv nutzbar und verfüge über starke Security-, Resilience- und Integrations-Funktionen. Außerdem ermutige UiPath erfolgreich seine Nutzer-Community zur Zusammenarbeit - mit dem Ergebnis, dass die mehr als 30.000 aktiven Benutzer über 200 wiederverwendbare Komponenten entwickelt hätten.

Gleichzeitig kritisierte Gartner aber unter anderem, dass der Anbieter in seiner Cloud-Strategie hinterherhinke (für 2019 angekündigt) und das Produkt laut Kunden trotz UiPaths Ausführungen über KI/ML, NLP und Chatbot-Integration Schwächen im KI-Bereich aufweise. Außerdem fehlten ihnen direkte API-Konnektoren bei der Integration in die wichtigsten ERP- und CRM-Plattformen.

Beim britischen RPA-Veteran Blue Prism hob Gartner den Fokus der Lösung auf die Bedürfnisse der IT-Abteilung bei skalierbaren RPA-Initiativen, das starke Ökosystem sowie die breite Vertikalisierungstrategie mit 42 Industrielösungen, die jeweils von mindestens zehn Kunden genutzt würden, hervor. Gleichzeitig bemängelten die Analysten jedoch den Fokus von Blue Prism auf Unattended Automation. Dies führe dazu, dass Kunden, die bei ihrer Automation Wert auf menschliche Interaktion legen würden, zusätzlich ein komplementäres BPM-Produkt von Partnern wie Appian, Bizagi oder TrustPortal lizensieren müssten.

Außerdem hätten Kunden angemerkt, dass Blue Prism bei Aspekten wie der zentralen Überwachungsfunktion (Control Room), der Planung, dem Reporting und der betrieblichen Effizienz in großen Installationen nachbessern müsse. Ein weiterer Kritikpunkt von Gartner gilt der Schwäche bei Service und Support im Vergleich zu Wettbewerbern.

Dritter im Bunde ist Automation Anywhere, laut Gartner einer der am besten sichtbaren Player im RPA-Bereich. Der kalifornische Anbieter setzt aus Sicht der Analysten insbesondere Akzente durch seine intensiven Bemühungen in den Bereichen Marketing und Kundenbindung. So nutze Automation Anywhere ein eigenes Ökosystem, um seinen Kunden über den Bot Store eine breitere Funktionalität zur Verfügung zu stellen. Auf Produktebene biete der Hersteller eine breite Palette von Integrationskomponenten (etwa BPM-Tools von IBM oder PM-Lösungen von Celonis) an, die Benutzer zu Automatisierungsskripten zusammenfügen können.

Gartner weist jedoch darauf hin, dass entgegen der Vermarktung des Produkts als Tool für Business-Anwender Entwickler bei anspruchsvollen Automatisierungen ein tiefes Verständnis für die Lösung mitbringen müssten. Allerdings habe Automation Anywhere nach dem Stichtag der Evaluierung eine Entwicklungsumgebung angekündigt, die sich an die Rolle und das Knowhow des Benutzers anpasse.

Einige Kunden würden außerdem restriktive Produktlizenzbedingungen, schlechte Produkt-Dashboards und unzureichende Unterstützung bei der Fehlersuche bemängeln. Und obwohl KI ein Eckpfeiler der Marketing-Botschaft sei, beschränke sich diese auf Computer Vision und die Extraktion von Daten aus unstrukturierten Quellen wie E-Mails, Dokumenten oder Chatbot-Gesprächen über die IQ-Bot-Funktionalität.

Ferner liefen…

Als Herausforderer platzierten sich Infosys-Tochter EdgeVerve Systems und NICE, zu Visionären wurden WorkFusion, Pegasystems und der Kölner Anbieter Another Monday gekürt, während sich eine relativ großen Anzahl von zehn Neueinsteigern im gegenüberliegenden Bereich der Nischenanbieter tummeln. Weitere elf RPA-Anbieter wurden gleich gar nicht in die Marktübersicht mit aufgenommen, weil sie nicht alle Kriterien für die Zulassung erfüllten.

Viel hilft viel: Die fünf größten Anbieter kontrollierten im vergangenen Jahr 48 Prozent des RPA-Marktes.
Viel hilft viel: Die fünf größten Anbieter kontrollierten im vergangenen Jahr 48 Prozent des RPA-Marktes.
Foto: Gartner

Aus Sicht von Gartner kommt die Marktaufteilung nicht von ungefähr: So würden die drei Anbieter aus dem Leaders-Quadranten, UIPath, Blue Prism und Automation Anywhere, nach vorangegangenen Investitionsrunden inzwischen zusammen mit mehr als elf Milliarden Dollar bewertet. Mit 13,6 (UIPath), 12,8 (Automation Anywhere) und 8,4 (Blue Prism) Prozent liegen die drei Player auch bei den Umsätzen im RPA-Markt ganz vorne, während die kleineren Nischenanbieter noch keine starke Marktpräsenz und daher auch noch keine hohen Einnahmen erreicht haben. Sie werden damit zu potenziellen Übernahmekandidaten von größeren Softwarefirmen, die in den RPA-Markt einsteigen wollen. Bekanntestes Beispiel ist die Übernahme des französischen RPA-Spezialisten Contextor durch SAP.

Außerdem halten es die Analysten für wahrscheinlich, dass Anbieter aus benachbarten Bereichen in den RPA-Markt eindringen oder dass BPO-Anbieter ihre RPA-Produkte aus bestehenden Operationen ausgliedern. Angesichts der erwarteten Volatilität im Markt warnt Gartner Unternehmen daher vor längerfristigen Abnahmevereinbarungen. Dies sei auch nicht unbedingt nötig, da die tatsächlichen Wechselkosten der RPA-Software im Vergleich zu großen Enterprise-Software-Lösungen relativ niedrig ausfielen.

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